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Tate, der Wind

Schon am frühen Morgen höre ich, wie er ungestüm um das alte Haus tobt, an den klapprigen Dachrinnen rüttelt und mit der Scheunentür schlägt. Ich bin ärgerlich, wenn er bloß nicht noch mehr Schindeln aus der Fassade stiehlt!

Als ich die Pferde füttern will, bläst er mir frech den Hut vom Kopf, um mir dann für einen Moment den Atem zu rauben, gerade als ich anhebe, ihn gehörig  aus zu schimpfen. Ich kann nicht umhin, seine unbeschwerte Dreistigkeit zu bewundern. Und er ist gar nicht kalt, wie erwartet, sondern  beinahe frühlingsmild, das Thermomether zeigt stolze 12 ° C.

Das hier ist kein gewöhnlicher Wind, stelle ich fest. Es ist wohl der Alte Tate, der hier ums Haus bläst, Tate, der Wind der die Veränderung mit sich trägt, unerwartet, schnell und zuweilen gewalttätig. Mir wird ein bißchen flau. Was willst Du? rufe ich hinauf zu den fliehenden Wolken. Du hast mich doch gerufen, ich komme stets, wenn man mich ruft….aber dann, wenn ich es will….er tanzt hinauf zu den kahlen Espen und schüttelt ihre schwarzen Zweige, schlägt Kapriolen und scheucht die Wolken aus dem Anlitz der Sonne.

Goldene Strahlen legen ein Leuchten über den tristen Herbstgarten, das letzte bißchen Unkraut schimmert noch einmal in fast vergessenem Sommergrün. Mir klopft das Herz bis zum Halse, so leicht verschenkt man keine Gewohnheiten, und mögen sie auch noch so staubig grau geworden sein…

Komm mit, tanz mit mir, ruft er. Ich fliehe ins Haus, genug zu tun, genug Arbeit, um mich mit guten Gewissen zu verstecken. Aber es ist Tate, und Tate passt durch jedes Schlüsselloch, durch jede Fuge und Ritze, und davon haben wir zuhauf.

Tate kommt, wenn man ihn gerufen hat, und er nimmt, was er sich vorgenommen hat zu nehmen.

Am Nachmittag beuge ich mich seinem Willen, zu laut sein verlockender Ruf. Wir gehen gemeinsam mit Kindern und Hunden auf den Berg, um etwas zu tun, was längst vergessen und vergraben war in fernen Kindheitserinnerungen, etwas, das heutzutage aus der Mode geraten zu sein scheint.

Wir gehen auf den kleinen Hügel, draußen, gleich hinter dem Dorf, um die Drachen tanzen zu lassen.

Oben auf der Anhöhe ist Tate ganz in seinem Element, er braust und tobt, er schreit und lacht, und wir mit ihm. Unser kleiner, morscher Drache, mühsam zusammengeflickt und improvisiert wirft sich knatternd in die Lüfte, verjüngt sich zusehens, tanzt und dreht sich begierig, im wechselnden Spiel aus Licht und Schatten, dass die eilenden Wolken auf den Hügel zaubern.

Die Kinder jauchzen und rennen, mit roten Wangen und blitzenden Augen, vergessen sind die Streitigkeiten, der schmerzende Hals und die quälenden Hausaufgaben. Die Hunde hetzen mit fliegenden Ohren über die gepflügten Felder, ich kann sie lachen sehen, als sie sich gegenseitig jagen.

Hier ist Tate, und er spielt mit uns, wild und weise, und ich juble in den Wind, die Drachenschnurr sirrt.

Ich bin wieder 10 Jahre alt, das Herz angefüllt mit dem wilden Spaß am Fliegen, ich bin mit dem tapferen Drachen dort oben und Tate nutzt die Gunst der Stunde und fegt hinaus, was ihm nutzlos erscheint, darunter Gedanken an Steuererklärungen, Baustellensorgen, und die leidige Frage nach dem Morgen.

Für einen einzigen, wundervollen, endlosen, zauberhaften Nachmittag sind wir frei, in seidiges Herbstlicht getaucht, das selbst die Schatten lebendig und fröhlich macht, bis sich Mond und Sonne gegenüberstehen, und wir den Heimweg antreten, frisch und sauber und erfüllt mit einer Erfahrung, so kostbar wie ein funkelnder Bergkristall im Morgenlicht.

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