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Instant Karma

    Worte wie Schmetterlinge

    steigen aus meinen Handflächen empor,

    den wogenden Gezeiten smaragdgrüner  Ozeane entsprungen.

    Schwerelos sind sie,

    mein Geschenk an die Götter,

    dargeboten voller  Demut und Stolz,

    geboren in der reglosen Stille zwischen Hoffnung und Angst.

    Sie schweben hinauf, dem Mond entgegen,

    und wo sie die seidenen Fäden berühren,

    jenes hauchfeine Gespinst aus Tränen und Blut,

    Liebe und Leid,

    dort beginnt das Netz zu schimmern.

    Winzige Lichter, sternengleich,

    gleiten die Fäden entlang.

    unaufhaltsam, bebend, einem Seufzen gleich.

    Wie Wellen, die auf dem stillen Teich ihre Kreise ziehen,

    Wie Licht, dass durch ein Schlüsselloch fällt.

    Einem Windhauch gleich, der die Blätter der Bäume erzittern lässt.

    Träumende, die sich im Schlafe regen.

    Nichts,was ich tue bleibt verborgen.

Jenseits der Träume

    Wo sind sie geblieben, deine Leidenschaften?

    Wo das Feuer, die Begeisterung, der ungestüme, freie Geist?

    Irgendwo unterwegs musst du sie verloren haben,

    in den Weiten des Alltags,

    unter der Last der Verantwortung,

    im Hamsterrad der Arbeit.

    Fortgewaschen von den unerbittlichen Gezeiten einer grauen Welt,

    zerrieben, langsam und stetig, so daß es dir kaum auffiel.

    Jetzt stehen da nur noch unkenntliche Ruinen,

    Schatten deiner Träume, auf Sand gebaut, schief und traurig ragen sie in die Wolken.

    Ein fernes Echo hallt des nachts in deinen Träumen wider,

    eine Art dumpfer Schmerz.

    Er erinnert dich an Zeiten, in denen du sicher warst:

    „Das Leben meint es gut mit mir,

    solange ich niemals aufgebe“.

    Heute weißt du: Das war deine Jugend, und du warst eine hoffnungslose Träumerin.

    Aber das Leben unterwirft sich nicht den Wünschen der Menschen.

    Also, wo sind sie geblieben, die Träume deiner Jugend?

    Abgestürzt, in den Abgrund zwischen Hier und Dort

    vom Weg abgekommen,  verirrt in einer kalten Welt,

    die so anders ist, als die, von der du träumtest als Kind?

    Jetzt ertränkst du deine Seele in Bitterkeit,

    in all den Ach,-hätte -ich’s, ach, wäre ich’s, ach, wenn ich bloß damals…“

    Ja, was? Nur stärker gewesen wärst, schneller, widerstandsfähiger, überzeugender und ausdauernder….?

    Heute, im düsteren Dschungel aus Selbstvorwürfen und dem Bedauern über so viel verlorene Zeit,

    wünschst du mir manchmal diese hemmungslose Begeisterung zurück?

    Die Überzeugung, das „wo eine Wille, da ein Weg“. die Leidenschaft, für etwas zu kämpfen…und zu wissen: Dafür lebe ich?

    Aber sie lässt sich nicht mehr blicken, die Begeisterung, und die Kraft, die in ihr steckt, bleibt dir verwehrt.

    Deine Tage sind schal geworden, nicht wahr?

    Die Angst ist eingezogen, sie macht sich breit, sie lauert dir auf, wenn du den Geschirrspüler einräumst,

    sie flüstert dir aus dem Kühlschrank entgegen, sie geht mit dir zu Bett, sie wohnt in deinem Kleiderschrank.

    Tick tack, singt sie, wieder geht ein Jahr, tick tack, wie lange hast Du noch, tick tack, dein Leben ist be-lang-los, und ein und zwei und drei, wann ist es wohl vorbei…

    Du siehst sie in den Falten um deine Augen, du siehst sie in jedem Kilo, dass du zuviel herumschleppst, du siehst sie in deinem alternden Hund.

    Du bist müde. So wolltest du niemals leben. „Na, werden wir jetzt endlich realistisch,“ flüstert die Angst, „hast du endlich kapiert, daß das Leben kein Wunschkonzert ist?“

    Was bleibt ohne Leidenschaften, ohne Begeisterung? Wer bist Du, jenseits Deiner Träume?

    Was bleibt, jenseits der Träume?

     

    Meine Antwort ist noch klein und unbeholfen, sie klingt leise aber ich hoffe, sie wird wachsen und an Stimme gewinnen.

    Ich hoffe, dass  die Bitterkeit allmählich versickert, dass die Erde sie schweigend und großmütig aufnimmt, sie zersetzt und umwandelt in fruchtbaren Boden, in den ich Blumen säen kann.

    Ich hoffe, daß mein Blick sich allmählich schärft für die kleinen Dinge jenseits der Goßen Träume, jener Blick für das Lächeln eines Kindes, jener für meine blühende Rose.

    Ich hoffe, daß Dankbarkeit Einzug halten wird, Dankbarkeit für die großartigen Kleinigkeiten des Alltages, für die zartgrünen ersten Birkenblüter, für das duftende Stückchen Apfelkuchen.

    Ich hoffe, daß ich eines Tages atmen kann, ohne das schneidende Bedauern über den Verlust meiner Träume zu spüren, ohne diese Traurigkeit, ohne dieses Gefühl, etwas wichtiges verloren zu haben. Atmen, und nur die klare, frische Luft eines Frühlingsmorgens spüren…

    Ich hoffe, daß ich eines Tages einschlafen kann, mit einem Lächeln statt der Angst in meinem Gesicht..und dass mein Schlaf ruhig und friedlich sein wird.

    Und ich hoffe, daß ich eines Tages in den Spiegel blicke, und einen Menschen darin erkenne, der den Mut hat, von ganzem Herzen zu leben, auch jenseits seiner Träume.

Diktatur

Heute morgen ist mir klar geworden- ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen- zu geschäftig habe ich Zahlen verglichen und analysiert, geordnet, abgeheftet und eingeräumt im Rhythmus dieser immergleichen Tage.

Aber heut morgen, als ich wie üblich gehorsam meiner Alltäglichkeit nachging, da sah ich sie auf einmal.

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil ich selbst den Diktator an die Macht brachte, und ich bin gut darin, zu sehen, was ich sehen darf, und alles andere zu vergessen. Der Diktator trägt einen weißen Kittel, man sieht ihn niemals genau, er hüllt sich gerne in betongrauen Nebel, man erahnt die Umrisse, den aufrechten Rücken, die Brille.

Ich hatte vergessen, daß es einmal anders war.

Hab mich selbst mit Präzision und Gründlichkeit geknebelt und gefesselt und mich widerstandslos abgeführt in den tiefsten Bunker dieses Landes- dort gibt es alles, was man so braucht als Mensch dieser Zeit: Einen Supermarkt, groß wie ein Fußballfeld, Arbeit für alle guten Bürger. Einen wandfüllenden Flachbildschirm in meiner großzügigen Wohnung mit den weichen Teppichen und der traumhaften Badelandschaft.

Das Essen ist gut, die ausgefallensten Wünsche werden erfüllt, das Wasser ist immer angenehm temperiert und der Garten vor dem Haus stets gepflegt und ordentlich.

Es ist sauber hier. Es riecht frisch gewaschen, ein bißchen nach Zahnarztpraxis vielleicht. Niemals liegt Müll herum. Ich fahre ein Auto, das keine Abgase produziert, und das selbständig einparkt.

Meine Zahnbürste informiert mich über den Fluoridgehalt meines Zahnschmelzes und sorgt gegebenenfalls für Nachschub. Täglich werden meine Blutwerte überprüft und mein Menü danach ausgerichtet. Es gibt keine Kranken. Die Menschen sterben hier nicht. Eines Tages sind sie gelöscht, und keiner erinnert sich mehr.

Es ist bequem hier. Aber seit heute morgen ist mir kalt.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil der Diktator so einen schönen Namen trägt. Jeder sieht zu ihm auf, er ist einfach brilliant, seine Argumente sind messerscharf und durch nichts zu widerlegen.

Doch heute morgen…

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund nistet sich ein, leise, behutsam, seltsam traurig.

Und das Essen wird schal. Meine Kleidung reizt die Haut. Die Luft verbrennt mir die Lungen.

Ich spüre meinen Körper, allein das ist Revolution, arbeiten wir doch alle daran, ihn möglichst zu vergessen, zusammen mit seiner lästigen Verletzlichkeit, seiner unmöglichen Unart zu sterben.

Ich werfe die Zahnbürste in den Müll und dusche so heiß ich es ertrage, schrubbe die unangenehmen …Unregelmäßigkeiten von meiner Haut.

Ich lebe in einer Diktatur, und ich werde überwacht, kommentiert, bewertet, beurteilt, gelobt und bestraft. Es gibt ein Punktesystem, kompliziert, ausgeklügelt, ein modernes Wunder der Wissenschaft, nobelpreisverdächtig.

Ich lebe in einem Land, in dem mein Diktator ein Held ist.

Er repräsentiert die Werte der Gesellschaft einfach großartig: Er ist stets vernünftig, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, höflich und wissenschaftlich eloquent. Er kommt gut hier an, in diesem Land…ich habe mein Leben lang an ihm gefeilt, er ist perfekt.

Er hat die Macht ganz selbstverständlich übernommen, überlegen, gelassen, sich seiner Macht und Ausstrahlung bewusst, und jetzt regelt er alles. Reibungslos. Ausnahmslos. Es gibt kein Entkommen.

Ich hab vergessen, wo die anderen untergebracht wurden, nach seiner Machtübernahme. Ich erinnere mich wage an Musik und Geschichten und an helle Feuer, an Gelächter und an die Trommel, die manchmal immer noch in meinen Träumen widerhallt…aber das ist lange her.

Wenn die Erinnerung aufsteigt, so wie heute morgen, dann ist er sofort zu Stelle, in meinem Kopf, zynisch, mit seinen Beweisen und wissenschaftlichen Abhandlungen und dem, was ich von Kindesbeinen an gelernt habe.

„Aber Kleines, denke doch mal nach. Die Realität sieht anders aus…hier, ich kann dir das beweisen.“

Ja. Die Realität.

Wenn ich nur glauben könnte, dass es sie nicht gäbe, dann könnte ich frei sein. Wenn ich nur den Mut aufbrächte, diese stählernen Mauern kraft meines Glaubens verschwinden zu lassen. Wenn ich nur den Mut hätte, hinauf zu steigen, an die frische Luft. wenn ich nur den Mut hätte, zu ignorieren, was die Leute hier sagen, was ER mir ins Ohr flüstert, mir beim Einschlafen vorliest, rezitiert, injiziert…

Ja, dann könnte ich vielleicht überleben.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, so wie ich vergessen hatte, daß ich sterblich bin. Heute morgen hat mich eine winzige rostrote Blüte auf schwarzem Grund daran erinnert. Und mein dummes Herz  pocht, es hämmert, es bebt wie die Trommel in meinen Träumen.

Mein Herz, das laut widerhallt, in der einsamen Leere meines Verstandes, das offenbar beschlossen hat, mich zu zermürben, mich zu zerreißen.

Deine Seele verdurstet, klagt es, sie ist nur noch ein trockenes Stück Papier, und wenn du nicht gehst, um den Wind zu spüren und die Erde zwischen deinen nackten Zehen, dann wird sie fortgeweht, und du wirst als klagender Geist durch die Ewigkeit wandern, eine Projektion, eine Warnung für deinesgleichen, für all jene, die sich bedingungslos unterworfen haben…

Ich kann nicht, ich kann nicht, wie könnte ich auch, die Ratio stürzen, die verehrte und hochheilige Vernunft, die in Stein gehauenen Werte all der Menschen. unter denen ich leben, wie könnte ich den Triumph des Geistes in Frage stellen, wie könnte ich statt dessen auf jene Stimmen hören, die ich seit Jahren zum Schweigen bringen will…

Und dann sehe ich jene winzige Blüte, und sie öffnet sich, sie erhebt sich, sie schwebt vor mir, ihr Duft ist zart und frisch, so wie ich mir einen Morgen in der Prärie vorstelle, und ich berühre ihre weichen Blütenblätter und höre mein Herz, und es singt und ich ahne meine Seele, die sich im Schlafe regt und dann…

Ich werde hinaufgehen, in den Regen, um Bäume zu sehen, und Erde zu riechen.

Ich werde hinaufgehen, um  mich auf den Boden zu werfen und endlich regenbogenfarbene Tränen zu weinen, und sie werden einen ganzen Kelch füllen, und jener Kelch wird mein Geschenk an den Diktator sein, wenn er heute Abend kommt, um mich daran zu erinnern, in welch Schöner Neuen Welt ich lebe.

amorphism

    Es kommt eine Zeit, da plagt dich der Hunger.

    du frisst und frisst,

    Weisheiten, mit dem Löffel,

    Urteile über dein Selbst und die Welt,

    wirst wie eine Gans gestopft und gemästet

    mit Worten aus zerbrochenem Glas,

    trinkst  verzweiflet aus der Flasche des Selbstvergessen,

    Schluck um Schluck bringst du dich

    um den Verstand.

    Es kommt eine Zeit, da vergeht dir der Appetit,

    du stellst die Nahrung ein,

    du trocknest aus,

    du verlierst Gewicht,

    du wirst langsam,

    dein Blick trübt sich

    du weißt weder ein noch aus, weißt nur,

    du bist nicht mehr…ja was?

    Dann ist es an der Zeit,

    dich einzuspinnen

    in Fäden aus schimmernder Seide,

    ein Haus,

    gewoben aus den Fragen deiner schlaflosen Nächte,

    ein Kokon aus silbriger Unschuld,

    indem du ertrinkst

    in Vergessen.

    Dort,in der Dunkelheit,

    verlierst du dich, löst dich auf,

    gehst auf im Chaos, bis nichts mehr existiert,

    keine Struktur, die dich hält,

    keine Zelle, die dich formt.

    Und doch, mitten im Nichts, wartet das Leben,

    geduldig und gelassen dreht es sich behutsam im Kreis.

    Es kommt eine Zeit, da du erwachst, staunend und jung,

    mit Augen, die sehen,

    mit Ohren, die hören

    mit einem zarten Duft in der Nase

    und weichem Gras unter deinen nackten Füßen,

    und Rosenblätter, die deine Hände bedecken.

    und  mit Flügeln, die dich tragen,

    in eine Zeit, die zeitlos, endlos mit dem blauen Horizont verschmilzt.

    Bild: Maria-Luise Bodirsky ( Skulptur und Foto)

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

In Momenten wie jetzt, wenn der Zorn in meinen Eingeweiden frisst, mich verätzt und mir den Atem raubt, wünsche ich mir die Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs und dessen friedvolles Lächeln.

Mir ist statt dessen übel, ich ringe um Fassung angesichts meiner streitenden Spößlinge, von denen der eine zum hundersten Mal schreit: „Du blöder alter Roboter“ und der andere schließlich unter zornigem Schreien um sich tritt, das winzige Gesicht zu einer bösartigen Fratze verzerrt.

Das ist der Moment, indem sich all meine Ideen von gewaltfreier Kommunikation, von Liebe und Licht, von Güte und dem  Guten in jedem Menschen in Wohlgefallen auflösen. Und ich spüre, wie sich ein Lavastrom aus Wut glühendrot zu dem Ort wälzt, an dem ich in guten Zeiten mein Herz vermute.

Jetzt ist da stattdessen ein schwarzes Loch, das dampft und brodelt und Schwefeldämpfe produziert, und alles in giftgrüne Wolken hüllt.

Ich trenne die Streithähne, unsanft und meinerseits brüllend. und fühle mich danach so ausgelaugt und bitter, daß ich nur noch weit fort möchte. Eine Mutter-ohne-Kind -Kur auf einer einsamen, einsamen Insel.

Ich bin es leid, das Leid dieser Welt, im Kleinen wie im Großen.

Bin es leid, zu leiden, bin meine Leidenschaften leid. Bin es leid, die Verzweiflung und die Aggression dieser kleinen Wesen anzusehen, bin es leid, zu schlichten, zu beruhigen, bin es leid zu schreien, zu schimpfen, zu ermahnen und zu maßregeln.

Bin es leid. Bin ich das Leid?

Ein vermutlich kluger Mensch hat mal behauptet, Leid entsteht durch unseren Widerstand gegen den unvermeidlichen Schmerz, der jeden trifft im Leben. Und die Pferde erklären mir Tag für Tag: Druck erzeugt Gegendruck.

Was also tun, mit dem unvermeidlichen Schmerz, wenn ich sehe, daß meine Kinder streiten und um sich schlagen und meine schlecht geflickten Nerven zu zerreißen drohen? Was tun?

Ich kann nicht sanft lächeln und sagen: Ooooooom, ihr Lieben, haut Euch ruhig und dann sagt mir, was braucht ihr jetzt gerade….das bringe ich nicht!

Ich kann ihnen nicht die Ohren lang ziehen, sie übers Knie legen oder ihnen einen Eimer kaltes Wasser über die zerzausten Köpfe schütten…das möchte ich nicht!

Was also tun? Strafen, drohen, ablenken, lauter brüllen, weglaufen, schimpfen….was tun?

Vielleicht…jodeln? Shakespeare rezitieren? Den sterbenden Schwan tanzen? Ah, verstörende Intervention, sagt mein innerer Jugendtherapeut, ein wirklich interessanter Ansatz. Ich kündige ihm fristlos.

Quatsch, unrealistisch, sagt mein schwarzes Loch. Wenn du erst richtig in Rage bist, geht da nix mehr. Dann ist das die gute alte Einbahnstrassse, die Kinder brüllen, du brüllst, du brüllst noch lauter, die Kinder haben einen gemeinsamen Feind, und gut is. Wie bei der Bundeswehr.

Aha. Aber ich rede nicht mit schwarzen Löchern.

Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben singt Smudo von den Fanta4 lässig in mein kleinkindgeschädigtes, mutterdementes Hirn.

Der soll bloß mal her kommen….und überhaupt, das hat er sicher geschrieben, bevor er eigene Kinder hatte.

Was also tun?

Ich könnte mir ein paar dicke Ohrenschützer aus der Werkstatt raufholen und meinen arbeitslosen inneren Kinder- und Jugendtherapeuten, die antiautoritäre Hippie-Mutter und das 8jährige Mädchen wetten lassen, wer der beiden rotgesichtigen Streithähne zuerst heult oder aus der Nase blutet.

Ich könnte den Smudo lauter stellen und so tun, als seien das gar nicht meine. Neee, die kenn ich nicht…und überhaupt, wie kommen Sie darauf, ich bin doch viel zu jung für Kinder. Immer locker bleiben, immer locker bleiben, Baby…

Aber die Frage ist doch…was kann ich?

Heute heißt die Antwort: Wütend werden, schimpfen, ermahnen, Streithähne trennen, bevor es größere Schäden gibt….mich später am Abend ausgelaugt und bitter an den Rechner setzen, den Schmerz fühlen, schreiben, leiden leid sein, mich an Wortspielen berauschen, mich beruhigen, mich belächeln, dem Jugendtherapeuten eine alte Fanta4 CD unterjubeln und jetzt endlich die Beine hochlegen und die kinderfreie Stille genießen, in der ich leise singe: Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben…

Hüttenzauber

Der Nebel hält den Berg fest in einer unerbittlichen Umarmung, es ist auch tagsüber grau und duster, das Feuer flackert träge im Kamin, als wollte es sich jeden Moment niederlegen und einschlafen.

Es ist winterstill, der Nebel dämpft jedes Geräusch, und ich dämmere träge vor mich hin, gefangen in  düsteren Brütereien über den Sinn und Unsinn unserer Projekte.

Ja.das Jahr war turbulent. Viele kleine Dinge sind in Bewegung geraten, das WWOOFING war toll,aber die große Frage bleibt:

Wie kann der Holderhof in Zukunft überleben? Ist das, was wir tun, noch weiter tragbar? Für uns, für die Kinder? Ist der Preis,den wir bezahlen, nicht zu hoch, nur um unseren Träumen nachzulaufen, wie Kinder, mit Schmetterlingsnetzen in der Hand, ungeachtet der Felsen und Abgründe, die sich jederzeit vor uns auf tun mögen?

Inmitten dieser trüben Stille ruft mich die Trommel. Widerwillig  gebe ich nach, noch immer im Grübeln, ärgerlich über die Störung, den Unsichtbaren grollend, die uns offenbar gerne zappeln lassen wollen….oder sind sie gar nur Ausgeburten meiner Phantasie?? Wo bist Du, Holda? Warum sorgst Du nicht mal für die vielgerühmten Synchronizitäten und haust uns hier raus?

Das Pferd stampft ungeduldig mit den Hufen, jetzt komm schon. Ich reise also.

Und ich weiß, es ist die Alte, Schwarze, die mich ruft, geduldig, die verkrümmten Hände in den Schoß gelegt, und sie sieht mich an mit ihren  uralten Augen und sagt: Geh raus Kind.Sei ruhig bitter und zornig und ungeduldig, aber geh raus in den Nebel und bau mir eine Hütte…

Und das tun wir dann auch, denn es ist immerhin  besser, als sich gegenseitig in ratlosem Schweigen zu ertränken…wir gehen am frühen Nachmittag hinaus in die feuchte Kälte und bauen eine Hütte.

Die Stäbe der Schwitzhütte liegen seit gut 15 Monate in der Scheune- sie müssen erst unter allerlei Schichten von Stroh und Holz geborgen werden-  und ihre Prognose ist schlecht. Sicher werden sie brechen, trocken und alt wie sie sind. Sei’s drum. Ich trage alle 16 hinauf in den Garten.

Und wo soll sie denn nun hin, die Hütte? So oft sind wir den Garten abgelaufen, alleine, mit Freunden, mit und ohne Zeichensucher, die Pferdeweiden, jeden Ort, der uns zur Verfügung steht, und keiner schien der richtige zu sein….heute gehe ich hinauf, zur Feuerstelle und dort sitzt sie, die Schwarze und lächelt ihr Altfrauenlächeln, zahnlos, verrückt. Sie deutet mit einem knochigen Zeigefinger auf einen unkrautbewachsenen Platz.

Aber das geht doch nicht, will ich ausrufen, aber sie sieht mich nur an…und ja, es stimmt tatsächlich…da ist ein geschützter kleiner Ort, geborgen zwischen der knorrigen alten Weide und der Tanne, kaum einsehbar, nah am Feuer.

Gut, ich habe auch keine Zeit für Diskussionen, ich hebe also ein Feuerloch aus, die Erde ist schwer und regengetränkt, in Windeseile sind meine Schuhe schwer wie Blei.Mein Sohn freut sich dagegen über die „tolle Pampe“, plumpst auch das ein oder andere mal hinein  und ich grabe schimpfend vor mich hin.

Ich schätze die Größe des Kreises, bohre Löcher, stelle fest, daß ich keine Ahnung vom „richtigen“ Zeremoniell habe, und es wird bereits dunkler und dunkler. Ich bin immer noch ärgerlich, und ich denke mir, na ja, ich hab ja nicht mit diesem Brimborium angefangen, also liebe Spirits, ich tue, was ich kann, aber ich hab nicht die geringste Ahnung, wie das eigentlich geht. Beifuß schenkt sich her, ich beruhige mich…und es läuft gut.

Bald ragen die Stäbe wie seltsame Fahnenstangen in die Höhe, und dann der entscheidende Moment…lassen sie sich noch biegen, oder werden sie brechen? Neue Stäbe schneiden können wir heute auf gar keinen Fall mehr.

Und sie biegen sich wie junge Birken im Wind, obwohl ich ihr Ächzen und Stöhnen hören kann. Alles fügt sich zusammen, Stück um Stück, wir schneiden noch einige junge Weidenruten für die Ringe, sie werden genau passen, und unsere aus Stoff gerissenen Bändchen reichen exakt.

Es ist, als baute sich diese Hütte von selbst, in der Dämmerung diese lautlosen Tages, als seien wir lediglich Werkzeug, das von anderen, geschickteren Händen geführt wird.

Gegen abend steht die Hütte, geschmückt mit Tobacco Ties, vielleicht nicht in der üblichen Anzahl, und sie schaut auch nicht nach Westen, sondern irgendwo nach Süd- Süd-West, denn unser Kompass hat sich den ganzen Tag über standhaft geweigert, aus seinem Versteck hervor zu kommen.

Aber sie steht, und sie sieht so wunderbar kauzig und stark  und eigensinnig aus, daß ich meine Zweifel über Bord werfe und wir beschließen: Decken drauf, Feuer an, schwitzen.

Wir plündern Haus und Scheune auf der Suche nach Decken, und decken unser eigenwilliges Gebilde  schließlich mit einer kläglichen Handvoll „echter“ Wolldecken, Tischdecken, Bettlaken, Pferde- und Satteldecken und einer Zeltplane ein. Schön sieht das aus, und erinnert mich an die Hobbithäuser aus Tolkiens Herr der Ringe.

Es geht auf Mitternacht zu, als die Steine im Feuer zu glühen beginnen, ein wunderschönes, leuchtendes Feuer, ein bißchen prinzessinenhaft vielleicht, da es keine Minute ohne Betreuung duldet.

Ein seltsames Gefühl dann, alleine in dieser Hütte zu sitzen, während Markus das Feuer hütet,und für einen Moment überfällt mich der Zweifel: was um alles in der Welt tust Du hier, allein, im Matsch, in der Kälte,während eine kalte Brise durch unsere dünnen Decken bläst und mich erschaudern läßt.

Immer noch sind meine Gedanken düster, auch wenn ich zugleich staune über dieses wunderbare Geschenk einer Schwitzhütte, die sich so unerwartet selbst ins Leben gerufen hat…

Als schließlich alles Steine und auch Markus in der Hütte sind, wird es für einen Moment tatsächlich heiß, und ich begrüße die Hitze wie einen lange vermissten Freund und für einen kurzen Moment ist alles gut und ich bin warm und geborgen und der Nebel in mir schwindet.

Zugleich erhebt sich jedoch draußen der Wind, wird stärker, raschelt unter unsere Plane, und windet sich durch unsere dürftige Abdeckung. Wir beenden die Hütte, müde, erschöpft, durcheinander.

Draußen sitzt die Alte mit dem rabenschwarzem Lämmchen zu ihren Füßen auf dem Steinhaufen unter der alten Weide. Sie nickt mir zu, ihre nachtschwarzer Blick flackert amüsiert. Ja, sagt sie, jaja, so geht das manchmal zu im Leben…da kannst du jammern und meckern und zweifeln und die Götter verfluchen, aber was zählt ist am Ende das, was Du tust. Was leben will, bahnt sich seinen Weg. Was sterben wil, vergeht. Und sie schnippt lässig mit den Fingern und verweht mit den letzten Nebelschwaden.

Am nächsten Morgen ist der Nebel fort, wir sehen zum ersten Mal seit Tagen den Himmel.

Und Holdas wunderschöne Hütte im Tageslicht, still und alt und neu zugleich, wie eine Manifestation längst vergessener Träume.

Kapitulation

Frust. Wut. Verzweiflung. Ja, sicher, das passt nicht zum locker flockigen Ton und der zuckersüßen Erfolgsgeschichte, die ich mir so unendlich naiv ausgemalt habe.

Nein, heute packt mich das Leben, schüttelt mich und brüllt mir geifernd ins Gesicht: Verdammt noch mal, hör auf damit! Kapier endlich, in was für einer Welt Du lebst.Kapier endlich, daß es in dieser Welt keinen Platz gibt, für verrückte Träumer wie Dich!! Niemand braucht das!

Und mir fehlt jedwede Kraft zur Erwiderung, jeglicher Widerspruch. Kein flapsiger Spruch, keine Idee….Stille und Leere, in der sich bittere Tränen sammeln, Tropfen um Tropfen.

In dieser Welt sterben Kinder. In dieser Welt töten Mutter ihre Neugeborenen. In dieser Welt bringen Menschen sich um, in dieser Welt leiden Menschen unsägliche Qualen, in dieser Welt ergötzt sich die Menschheit an den Qualen anderer, in dieser Welt ist es en vogue, immer noch meht Blut und Gewalt zu verherrlichen, in dieser Welt wird gemordet, geschlachtet, vergewaltigt und sich daran erfreut.

Wie könnt Ihr, wie kann ich es ertragen, in einer solchen Welt zu leben? Ohne Gerechtigkeit, ohne erkennbaren Sinn, ohne Hoffnung? Wer teilt die Karten aus, die über Glück und Verderben entscheiden? Sind wir alle die Versuchskaninchen irrer Forscher, die gerne mal sehen wollen, wie man damit umgeht, wenn das eigene Kind von einem Psychopathen ermordet wird? Oder wie Kinder damit umgehen, deren Mutter leidet und  stirbt, einfach so, hoffnungslos??

Sicher, ich hab bisher Glück gehabt, und deswegen hab ich ja auch ein fürchterlich schlechtes Gewissen, ja, ich hab gar kein Recht dazu, mich schlecht zu fühlen oder wütend zu sein…denn: Im Vergleich zu wahrscheinlich 90 oder mehr Prozent der Weltbevölkerung müsste ich unsäglich glücklich sein, denn: Ich bin hinreichend gesund, habe genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, eine gesunde Familie, Kinder, Mann, alles da….wie kann ich es da wagen,dennoch solch selbstsüchtige Träume zu hegen??

und doch. Ich bin unglücklich, so von Frustration erfüllt, daß ich mir wünschte, die Erde täte sich auf, um mich zu verschlingen.

Erstens: Ich schaffe es nicht, mein “wunderbares Glück” zu genießen, jedenfalls heute nicht. Ich bin müde, erschöpft, ausgebrannt, frustriert, hohl und leer.

Zweitens: Das Wissen, dass es mit dem Glück, dass ich gerade gar nicht genießen kann, jede Sekunde vorbei sein kann, macht mich verrückt. Genieß endlich! Sei dankbar! Los, auf die Knie! brüllt die Moral. Ich knie nieder und danke, aber in mir ist Leere.

Gut, oft spüre ich große Dankbarkeit. Für meine Kinder. Für die Schönheit eines Sonnenuntergangs. Für das weiche Fell meiner Pferde.

Heute nicht. Heute hasse ich die Welt. Ihre Grausamkeit, die finsteren Nebelschwaden, die mir die Luft zum Atmen nehmen, all den Streit, die Mißgunst, die erbarmungslose Einsamkeit.

Ich hasse die Welt, weil es in ihr keinen Platz für mich  und meine Träume gibt. Ich bin angefüllt mit rotglühendem Zorn, und ich möchte die Götter, wenn es sie denn gäbe, verfluchen.

Ich möchte sie verfluchen für meine nutzlosen Gaben, meine kindischen Sehnsüchte….wozu diese Liebe zu den Worten, wenn es doch keinen gibt, der sie hören möchte?

Wozu diese Begeisterung für Musik, wenn es niemanden gibt, den meine Lieder berühren ?

Wozu all diese unnötige”G’spürigkeit”, in einer Welt, die man augenscheinlich nur ertragen kann, wenn man stumpf ist oder aber einen unerschütterlichen Glauben an einen “tieferen Sinn” hat? In mir nagt und wütet der Zweifel. Er frisst sich durch meine Eingeweide bis in mein Herz.

Mit Freuden gäbe ich heute all meine Gaben und Talente, wenn ich dafür nicht mehr jeden Tag diesen Schmerz spüren müsste, diese lästige “Überempfindlichkeit”, diese quälende, immer präsente Gewissheit der Grausamkeit dieser Welt. Wenn ich doch statt dessen betäubt und wie die anderen Zombies durch die Welt torkeln könnte, zufrieden mit facebook, fernsehen, Handyscheiße, dem neuesten Klatsch darüber, wen der Mann der Nachbarin jetzt wieder im Bett hatte….

Ihr Götter, ich bin unfähig. Ich kapituliere vor dieser Welt.Sehe meinen albernen Träumen regungslos dabei zu, wie sie davonfliegen, im Nebel verschwinden, geräuschlos, bedeutungslos, und dann wende mich müde dem zu, was offenbar wirklich zählt in dieser Schönen Neuen Welt:

Funktionieren, Im Gleichschritt marschieren, nicht auffallen, genügend Geld ran schaffen, Klappe halten.

Meine Tränen schmecken bitter, wie pures Gift, und ich hoffe, daß sie bald versiegen, und mich ohne dieses lästige Sehnen nach Schönheit und Verständnis und einem Daseinszweck zurücklassen, auf daß ich mich endlich einreihen kann in die Armee der lebenden Toten: gleichgeschaltet, ohnmächtig, zu feige zum Sterben und zu betäubt, um den Schmerz und die erbarmungslose Schönheit dieser Schöpfung noch weiter zu spüren…

Mag sein, daß es sich tatsächlich um eine Art Midlifecrisis handelt, wie mein Mann liebevoll scherzend zunächst vermutete.

Meine Kinder jedenfalls betrachten mich mit jener Mischung aus Argwohn und Faszination, die sie wohl auch einem monströsen, lilapink geringeltem Regenwurm entgegenbringen würden. Meine Freundin Julia strahlt. Ich schwanke zwischen Verzweiflung und Faszination.

Die Sache ist die: Ich bin 35 Jahre alt, Mutter dreier wunderbarer Kinder, gescheiterte Akademikerin, Möchtegernaussteigerin und gefühlt seit 20 Jahren auf der Suche nach dem “richtigen” Beruf. Um es abzukürzen: Hab vieles probiert, bin gescheitert, hab mich wieder aufgerappelt,  harte Zeiten mit gemacht, resigniert,bin wieder aufgestanden, hab mich geschüttelt, die Mütze zurecht gerückt, weitergekämpft,und mich schließlich und endlich irgendwann vor nicht allzu langer mit einem Bandscheibenvorfall in einer existentiellen Krise wiedergefunden.

Meine Talente mögen vorhanden sein, weit gefächert, alle “musisch”aber keines davon ist für ein vernünftiges Erwachsenenleben gedacht, wie es scheint. Und das in einer Familie aus intelligenten, erfolgreichen Naturwissenschaftlern.

Verzweifelt, am Boden zerstört, hadernd mit meinem “altersbedingten Verschleiß” und den 15 kg zuviel auf den Rippen stellte mir jemand (ich Selbst?)  kürzlich die Frage:  Wovon träumst Du?

Und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Unversehens bombardieren mich seit dem wilde Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend. Ich finde mich vor dem eingestaubten CD-Regal wieder, kostbare Raritäten aus meiner Jugend aus zerbrochenen Hüllen glaubend. Ich sitze vor den dröhnenden Boxen, die sich seit Jahren ihrer Rente sicher waren und staune, wie die Zeit vergangen ist, während Keith  inzwischen alias Mina Caputo unglaublich theatralisch abrockt und ich die Gutmütigkeit unsere Nachbarn strapaziere….ich male, anstatt die Wäsche zu sortieren und drohe meinen Kindern mit Rauswurf, wenn sie mich beim Schreiben stören.

Ich streiche die Küche, raufe mir die Haare, träume von wilden Reisen durch die kanadische Weite, singe mit Eddie Vedder und den Jungs von Bush und weiß: meine Träume sind zurück, vielleicht zum letzten Mal.

Drei Leben, die ich mir erträumt habe: Das eines Cowgirls, Rinder treibend durch die Weiten einer grandiosen Landschaft  auf einem lackschwarzen Quarterhorse, das einer Schriftstellerin, die ein malerisches Leben voller Muse und Idee und Erfolg in einem zauberhaften Haus irgendwo in den Bergen genießt, oder aber- das eines Rockstars, für den nur die Musik  und der nächste Song eine Rolle spielen…

Jaaaa. ich weiß, das geht eindeutig zu weit.  Ich hätte ja damals, vielleicht, mit viel Glück so etwas wie Barpianistin werden können, wenn ich nur dran geblieben wäre, und ja, für den örtlichen Kirchenchor hätte es sicher auch gereicht- aber Rockstar?? Erstens hab ich dazu das falsche Geschlecht (und mein Mann weigert sich trotz aller Begeisterung für all meine Verrücktheiten erstaunlicherweise felsenfest, mit einem geschlechtsverwandelten  Möchtegernrockstar zusammen zu leben) und zweitens bis 1005tens ist das einfach Schwachsinn….und trotzdem.

Eine Gitarre hat rein zufällig in den letzten Wochen den Weg zu mir gefunden. Und ab und zu ein wenig Gesangsuntericht kann ja nicht schaden….und okay, wenn ich gar nichts mehr zu tun habe….und eh nichts auf die Reihe bekommen….vielleicht probier ich es mal als Straßenmusikerin.

Vielleicht reite ich auch mit meiner Paintstute und selbstgeschriebenen Songs nach Frankfurt oder werfe den Menschen weiß geschminkt in der FuZo Haikus vor die Füße….wer weiß. Und vielleicht finden sich weitere Verrückte, die dieselbe Sehnsucht haben, sich zu  verlieren in Musik, die Zeit zu vergessen und sich zu überlassen. Hingabe an das Leben heißt das, glaube ich.

Die müde Verzweiflung der Krise ist inzwischen einer mild lächelnden Verrücktheit gewichen. Denn natürlich ist es verrückt. Aber- es fühlt sich lebendig an- und zuhause. Wir lachen jetzt viel mehr, mein Mann, die Kinder und ich. Ich merke, daß ich mich verwandle- ich hab keine Ahnung in was, ob Käfer oder Schmetterling, aber ich gehe weiter. Und wer mag, der komme mit.

Keep on rocking!

http://holderrock.wordpress.com/

Da ist es wieder, dick und breit und unbeweglich, die feisten Beine trotzig in den Boden gestemmt, steht es mitten im Wohnzimmer und glotzt mich herausfordern an.

„Hau ab,“ schnauze ich, und blicke demonstrativ aus dem Fenster, „du bist ganz und gar unnütz. Verschwinde endlich aus meinem Leben!“

Ich konzentriere meinen Blick auf die Blumenpracht in Nachbars Garten und zwinge mich dazu, die lateinischen Namen zu rezitieren. Ich atme vorbildlich in den Bauch und denke dabei an blaue Elefanten.

Als ich mich nach ein paar Minuten widerstrebend von all den Blumen und Elefanten in meinem Geiste losreiße, und mich vorsichtig umdrehe, muss ich feststellen, daß das Biest, anstatt sich brav aufzulösen, nur noch näher an mich herangerückt ist.

Ich blinzele nervös, vielleicht stimmt schlichtweg etwas mit meinen Augen nicht, aber auch das bringt das Ding nur zum Kichern.

Na gut. Dann eben in die Offensive.

Tapfer blicke ich ihm in die kleinen, gemeinen Schweinsäuglein.

Es hat es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht, massiv und undurchsichtig wie ein Fels, und jetzt nimmt es tatsächlich hämisch grinsend die Gestalt eines übergewichtigen, blauen Elefanten an.

„ Mit so billigen Esotricks wirst Du mich wohl kaum los“ flötet es mit der Stimme meiner verhassten Grundschullehrerin.

Ich möchte es zermalmen.

Lässig lässt es ein paar Seifenblasen aus seinem Rüssel aufsteigen, in jeder von ihnen schillert und schimmert ein und dasselbe Wort in regenbogenbunten Buchstaben:

WARUM?

Ich schlage wütend mit der Fliegenklatsche nach den Seifenblasen, und sie zerplatzen mit einem schmierig-sattem Platschen.

„Ich hab einen coolen Trick,“ sagt das Monstrum auf meinem Teppich, „hab ich mir in den Zombiefilmen abgeguckt. Für jedes Warum, daß Du erschlägst, hetzte ich Dir zwei neue auf den Hals. Gut, nicht?“

Selbstgefällig rülpst der blaue Elefant noch eine weitere Seifenblase aus.

„Oh Verzeihung, Liebes…..“sagt er dann, „aber wenn wir hier schon so gemütlich beisammen sitzen, so machst es dir bestimmt keine Umstände, mir eine einzige, winzig kleine Frage zu beantworten:

WARUM (effektheischende Pause) willst du mich eigentlich so dringend loswerden?“

Ich spüre den Zorn in mir aufwallen, heiß und gallig, und ich spucke dem Elefanten vor die Füße.

„Hör zu, du elender Plagegeist. Die Frage nach dem WARUM hat noch keinem Menschen etwas gebracht. Sieh dir doch all die WARUMs an, an denen die Menschen verzweifeln.

So was wie:

WARUM gibt es Kriege?

WARUM muss es Leid geben?

WARUM lässt Gott, so es ihn denn gibt, all das zu?

WARUM zerstören wir Menschen die Erde so zielstrebig und warum, verdammt noch mal, lernen wir nichts aus unseren Fehlern?

Oder, wenn du es lieber etwas kleingeistiger haben willst:

WARUM um alles in der Welt gibt es Steuererklärungen?

WARUM finde ich nie meine Autoschlüssel, wenn es besonders eilig ist?

WARUM müssen die Kinder immer dann besonders gerne und laut schreien, wenn ich Kopfschmerzen habe?“

Hah! Jetzt hab ich es ihm aber gegeben. Zumindest sieht er nicht mehr ganz so albern himmelblau aus, sein Teint wirkt jetzt eher gräulich. Und vielleicht ist er auch schon ein wenig geschrumpft. Ich krieg dich noch!

„Kein Mensch hat es verdient, daß ihm ein so graußliches WARUM das Leben versaut,“ geifere ich weiter. „Du bist überflüssig! Jedes noch so kleine Warum kann mir für alle Zeit gestohlen bleiben…“

Der Elefant sieht jetzt tatsächlich ein bißchen nervös aus.

Er sagt: „Und was ist mit diesen Fragen:

Warum gibt es die Schönheit der Blumen und Schmetterlinge?

Warum lächeln Kinder im Schlaf?

Warum gibt es die Liebe?

Sind das nicht schöne Dinge, die man gerne erforschen möchte?“

„Nein“, blaffe ich. Denn darüber habe ich zum Glück schon nachgedacht.

„Das WARUM zu kennen, macht die Dinge nicht besser oder schöner. Ich liebe nicht intensiver, wenn ich weiß, daß daran ja nur die Hormone schuld sind.

Ich fühle mich nicht besser, wenn mir erklärt wird, daß ich Kinder, die im Schlaf lächeln, nur deswegen entzückend finde, weil die Evolution diese Reaktion auf das Kindchenschema in mein Hirn gebrannt hat, um den Fortbestand der menschlichen Rasse zu sichern…

Sorry. Mein Leben wir grauer und grauer, mit jeder korrekten und beweisbaren Antwort auf ein WARUM.

Diese elende Frage ist der natürliche Feind der Phantasie. Und wenn die Phantasie sterbend am Boden liegt, und du sie auf dem Gewissen hast, wird Leben sinnlos.“

Ich bin sicher, das ist genügend Dramatik, um diesem elenden Vieh endlich den Garaus zu machen.

„Aber“, sagt der Elefant leise, und ich könnte schwören er ist tatsächlich deutlich geschrumpft „macht die Frage nach dem Warum nicht auch die Natur des Menschen aus? Seid ihr nicht hier, weil ihr stets neugierig seid, und den Dingen auf den Grund gehen wollt? Ist nicht das Warum Eure eigentliche Identität? Verliert ihr Euch nicht selbst, und werdet zu seelen- und herzlosen Marionetten, wenn Euch das WARUM egal ist?“

Ich denke nach. Möglichst kurz.

„Wo die Frage nach dem Warum endet, beginnt das Vertrauen“ sage ich fest.

„Wo das Warum endet, sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet“ und „Wer nicht mehr fragt, erstarrt“ sagt der Elefant.“Wenn Du Dich nicht mehr fragst, warum Du eigentlich wie lebst, und Dich nicht mehr fragst, um was es hier für Dich geht, bist Du nicht dann stumpf und dem Tode nahe?“

Jetzt sitze ich fest. Aber ich war mir doch so sicher: Wenn ich erst endlich im Vertrauen leben, wird alles besser….oder wie?Kann ich denn im Vertrauen leben und trotzdem nach dem Warum fragen? Hat mir das Warum nicht meine phantastisch heile Welt zerstört?

Und die Antworten sind so frustrierend. Diese Kälte darin- nee, da will ich lieber nichts wissen über den Mond und die Sonne und warum Katzen schnurren…vom Elend der Welt ganz zu schweigen.

Unsicher blicke ich zu dem Elefanten hinüber. Der ist ganz schön geschrumpft, und hat gar seine Form verloren- eigentlich sieht er jetzt mehr aus wie ein verwaschener kleiner Dachs. Und wenn mich nicht alles täuscht, zuckt sein linkes Auge nervös.

Da kommt von der Couch ein theatralischer Seufzer. Dort sitzt ein stattlicher roter Fuchs auf dem samtenen Kissen, die eine Pfote ordentlich über die andere gelegt, und jetzt nickt er uns vollendet höflich zu.

„Was macht ihr euch das Leben so schwer…das ist doch ganz einfach. Sieh mal, ein Hammer ist ein wunderbares Werkzeug, wenn Du etwas bauen möchtest. Er erleichtert die Arbeit ganz ungemein. Du kannst ihn allerdings auch verwenden, um deinem Nachbarn den Schädel einzuschlagen, und so wird er zur Mordwaffe. Es liegt ganz und gar in deiner Hand.

Das ganze Geheimnis ist dies: Die Freiheit liegt in Deiner Antwort. Es gibt tausendundeine Antwort auf dieselbe Frage und jede davon ist wahr. Und die beste Antworten schenkt Dir deine „Phantasie“ wobei ich sie lieber „deine WirkLichkeit“ nennen würde. Du erkennst diese Antworten daran, daß sie mit einem verspielten „vielleicht“ oder „in meiner Welt“ beginnen.“ Und nun entschuldigt mich, bitte, ich habe zu tun.“

Er wirft uns noch einen huldvollen Blick zu, bevor er mit einem melodiösem „Ping“ in eine rotgoldene Staubwolke zerstiebt, die geschlossen und elegant zum offenen Fenster hinaus weht.

Der Dachs und ich sehen uns verlegen in die Augen.

Eigentlich sieht er ganz sympathisch aus, mit seinen funkelnden Knopfäuglein, und den hellen Streifen. Und von der Arroganz des blauen Elefanten ist auch nichts mehr zu merken. Statt dessen putzt er verlegen seine Barthaare.

„Na gut“, murmele ich. „Dann such Dir ein gemütliches Plätzchen. Und wehe Du stellst meine Antworten in Frage.Kann gut sein, daß ich sage: Keine Ahnung, warum das so ist. Und jetzt möchte ich lieber den Rosenduft und den Sonnenuntergang genießen…“ Der Dachs lächelt. „Es war nie meine Aufgabe, deine Antworten in Frage zu stellen Ich bin zufrieden, wenn ich fragen darf. Die Antwort- ist deine Sache.“

Und so sitzen wir noch eine Weile still beisammen und beobachten die tanzenden Staubkörner im Licht der untergehenden Sonne.

Das Telefon reißt mich aus meinen Gedanken.

Am anderen Ende der Leitung ist meine Freundin, sie jammert in den höchsten Tönen: „Warum nur ist mein Auto schon wieder kaputt? Das ist doch zum verrückt werden… keiner weiß, woran das liegt! Das gibt es doch nicht!“

Und ich höre mich sagen:

„Na ja, möglicherweise liegt das daran, dass die winzigen, so genannten Tetra- Punzetten-Wichtel, die eigentlich dafür verantwortlich sind, dass der Motor sich nicht verschluckt an dem geschmacklich grenzwertigem Benzin, das gegenwärtig so im Umlauf ist, gerade beschlossen haben, ihre Arbeit nieder zu legen, weil sie lieber Gedichte über pinkfarbene Bremsflüssigkeiten und den Duft von Motoröl verfassen wollen und außerdem die Ausreise nach Beta X beantragt haben, weil die dort lebenden humanoiden Fledermäuse einfach die besseren Motoren bauen und außerdem…“

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob der alte schlaue Fuchs das tatsächlich so gemeint hat, aber das ist ja wohl Auslegungssache….

Liebste,

Ich erinnere mich an Zeiten, da schmeckte das Leben nach Abenteuer und Sommerluft, nach dem kräftigen Rauch des Lagerfeuers und nach sternklaren Nächten, in den Deine Worte wie goldene Feuerfunken in den Himmel stoben.

Ich erinnere mich daran, wie wir gemeinsam durch Wüsten und Wälder reisten, das Einhorn erspähten und mit dem Drachen über die Weltmeere flogen.

Wir erforschten alte Welten, sprachen mit Riesen und Zwergen und tanzten mit Elfen unter Apfelblüten, in der lauen Stille einer Frühlingsnacht.

Ich erinnere mich an andere, dunklere Zeiten,da wurden wir uns fremd, und die Welt verlor die Farbe. Du warst mir ein quengelnder Klotz am Bein, standest meinem scharfen Verstand im Weg, eine Last in der „Wirklichkeit“ meiner Gegenwart.

„Wer braucht schon Worte und Farben? Zahlen und Fakten sind die Geister der Zeit!“ so rief ich aus,

und so bist Du verschwunden, fortgereist, in einer mondlosen Nacht, schweigend im Lärm der Großen Stadt.

Du hast mich frierend allein gelassen in meiner kalten Welt aus Stahl und Beton, so grell, so vernünftig, so bittergrau. Ich war sicher, es sei das Vernünftigste, und die Ratio machte sich breit in Deinem dunkelgrünen, samtbezogenem Ohrensessel.

Aber seit dem ist mein Leben düster und …ja,belanglos.

Ich bin stets hungrig und mir ist kalt.Ich nähre mich heimlich von ein paar wenigen, mageren Farben, hin und wieder stehle ich kleine bunte Sätze aus Büchern, die nicht die meinen sind, und fahre mit dem Finger verschämt ihre großen, bunten Buchstaben nach.

Bis vor einiger Zeit sah ich Dich ab und zu sah vorbeihuschen, von weitem, in einen grauen Mantel gehüllt, ein Schatten Deiner selbst, und doch habe ich Dich erkannt. Aber auch diese kleinen Begegnungen sind vorbei. Und ich frage mich zitternd, wo magst Du sein?

Vielleicht bist Du in einer steingrauen Hütte aus exakt passenden Ziegeln gefangen, gebacken und gebrannt aus den bitteren „Du musst aber“ und „Du solltest aber“ und ähnlich vergifteten Wörtern,  mit deren Hilfe ich Dich aus meinem Leben vertrieben habe….ach, wenn ich Dich doch nur befreien könnte!Mir ist so entsetzlich kalt.

Gib mir nur einen einzigen, kleinen Satz, eine einzige Farbe,und ich werde die Kraft haben, das Eisenschloß zu sprengen, und dann werde ich Dich befreien, damit Du nicht länger einsam und hungrig finstere Runen in die Wände ritzt.

Schenke mir dieses eine Wort, dieses kostbare Samenkorn, und ich werde wachsen und gedeihen, und die Welt wieder durch Deine offenen und staunenden Augen sehen .

Und Du trittst heraus aus der Gefangenschaft, anmutig, voller Leben, begrüßt den Himmel über Dir, die Sonne, den Regen, die Erde unter Deinen Füßen, bebend, lebendig. Du kannst hinausgehen in diese meine und Deine Welt, Dich satt trinken an all ihren Farben, an all den Eindrücken, den Bildern von Schönheit und Leid, von Liebe, Tragik und  Komik..

Und ich nehme Deine Hand,  bin wieder Kind und wir laufen Durch den Sommerregen, Du und ich, lachend.

Ich schenke Dir ein Haus, ich baue es mit eigenen Händen, aus dem Grün des Waldes und dem Blau der Meere.

Dort verbringen wir kleine, endlose Stunden, in denen es nur Dich und mich gibt,  verzauberte Reisen, Schönheit und Spinnweben im Morgentau. Und dann werden wir jeden Augenblick genießen, ihn ansehen und auskosten,und ihn voller Hingabe in einen traumschönes Gemälde verwandeln, das Eins ist mit dem Leben, und das uns die Unendlichkeit berühren lässt…

Vielleicht wirst Du nicht immer und zu jeder Zeit an meiner Seite sein können. Aber wir haben unseren eigenen, heiligen Raum, und er wird uneinnehmbar sein, frei und unsterblich.

Ach ja, und Deinen alten Widersacher, den buckligen Kritiker, mit dem finsteren Monokel, den setzten wir für eine Weile in die Ziegelhütte, was meinst Du? Ich denke, er wird durch einen unglücklichen Zufall seine Sprache verloren haben (tja, so eine Begegnung mit einem echten Knurpsel kann schon traumatisch sein), was meinst Du?

Ab und zu werden wir ihn besuchen, ihm Blumen und ein paar ausgewählte Worte bringen und mit viel gutem Willen verwandelt er sich vielleicht mit der Zeit in einen Yak oder in  eine Schildkröte.

Liebste, wo immer Du sein magst, ich weiß, meine Worte werden zu Dir finden, auf Wegen, die so uralt und geheimnisvoll sind wie der Blick des Roten Drachen

und deshalb warte ich auf ein Wort von Dir, unter dem Apfelbaum, lauschend und hoffend und zu den Sternen betend.