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Leben

    Man kann ja nicht so mir nichts, dir nichts, ein neues Leben anfangen.
    Man kann nicht morgens aufstehen und sagen: Ab heute ist alles anders.
    Ab heute ernähre ich mich gesund, ab heute mache ich Sport, ab heute achte ich auf meine Gesundheit und mein Wohlergehen, ab heute bin ich erfolgreich.

    Wo kämen wir da auch hin?

    Da würde das apokalytptische Chaos ausbrechen. Wenn jeder jeden Tag ein neues Leben anfangen könnte, da würde unsere schöne neue Welt aus den Fugen geraten.
    Arbeitnehmer, die morgens plötzlich Chefs sein wollen.
    Chefs, die plötzlich lieber Erzieherin im Kindergarten sein wollen.
    Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen.
    Ärzte, die Philosophie und Geschichte studieren.
    Wo kämen wir da hin?
    Da ist es doch gut und beruhigend zu wissen, daß wir unsere guten alten Gewohnheiten haben, die uns wirkungsvoll an solchen Kopflosigkeiten hindern.
    Wir tun jeden Tag das, was wir eben jeden Tag tun.Ganz von selber.
    So sind es doch unsere altbekannten Muster, anerzogen, erlernt, eingebleut und- getrichtert, geerbt und bewährt, vertraut und blind befolgt, die dafür sorgen, dass unsere Welt Tag für Tag verläßlich funktioniert.
    Sie sind es, die guten alten Gwohnheiten, die alles am Laufen halten, in Ordnung, im Rahmen und verläßlich.
    Nicht auszudenken, was geschähe, wenn wir eines Morgens vergäßen, uns an unsere Gewohnheiten zu halten.
    Was, wenn sich der Sachbearbeiter im Büro plötzlich auf das Prinzip der Gleichheit besänne, und sich auf Augenhöhe mit seinem Chef wähnte.
    Was, wenn er das auch noch ausspräche, widerspräche oder dergleichen Unvorstellbares täte?
    Was, wenn der Chef beschlösse, er führe seit heute morgen das Leben eines buddhistischen Mönches, und sich nach Tibet absetzte? Jetzt, in diesem Moment?
    Oder wenn die Menschen gar beschlössen, von ihrer Gewohnheit der Angst zu lassen, und ab heute sorgenfreies Leben zu führen?
    Da würde es aber ganz schön kriseln.
    Versicherungen würden auf der Stelle pleite gehen.
    Die Pharmaindustrie würde empfindlich schrumpfen.
    Menschenmassen würden bei schönem Wetter am helllichten Vormittag im Gras am Baggersee liegen.
    Könnten wir jeder jeden Tag ein neues Leben beginnen, heillose Anarchie würde ausbrechen!
    Also empfiehlt es sich selbstredend, schön in Deckung zu bleiben. Wir verschanzen uns hinter der Mauer und den Stacheldrähten aus Angst und Ungewissheit, wenden den Verlockungen eines neuen Lebens den Rücken zu und gucken mal, wer wo sein Frühstück auf fb postet. Nur so aus Gewohnheit.
    Apropos Gewohnheit. Die wichtigste heißt: nicht nachdenken. Statt dessen: Funktionieren.
    Ergänzend noch einige empfehlenswerte Merksätze:
    -Früh aufstehen, sonst gibt es schon einen ersten Verdachtsmoment auf eine Funktionsstörung.
    -Immer ordentlich und pünktlich zur Arbeit erscheinen.
    -Festanstellung mit guten Gehalt ist erstrebenswert. Alles andere tendentiell suspekt. Bissiger Chef erhöht Läster- und Leidenspotential, das gibt Pluspunkte.
    -Nach der Arbeit unbedingt die Errungenschaften der modernen Technik zur Zerstreuung und Ablenkung nutzen. Heutzutage wird niemand mehr dazu genötigt, sich mit seinem Leben und seiner unmittelbaren Umwelt auseinander zu setzen.
    -Im Notfall ausreichend Alkohol oder andere empfehlenswerte Suchtmittel konsumieren.
    -Niemals etwas in Frage stellen.
    -Merke: Was alle um dich herum tun, muss richtig sein. Die Bild-Zeitung hat immer Recht.
    -Alterwührdige, erprobte Gewohnheiten niemals ändern (z. B. bzgl. Fernsehzeiten, Fleischbedarf, etc.)
    -Unser Schulsystem ist toll. Es produziert gut funktionierende Bürger.
    -Unser Gesellschaftssystem ist wunderbar.
    Es duftet nach Freiheit, es ist blitzblank poliert, seine Fesseln sind weich und anschmiegsam und handgemacht, made in Germany, von jedem Bürger selbst und persönlich entworfen und festgezurrt.
    Ja, so ist das Leben. Man kann eben nicht alles haben,alles hat seinen Preis, denk an Deine Zukunft, Kind und tue nichts, was dir später leid tun könnte.
    Also, liebes neues Leben, du siehst, heute wird das wohl leider nichts mit uns.
    Ich bin viel zu beschäftigt.
    Steuerklärung machen, sonst droht Zwangsgeld;
    Straße kehren, sagt das Ordnungsamt;
    meinen Impfpaß suchen, bei der Lehrerin vorsprechen, Haus und Hof in Ordnung halten, die Nachbarn beruhigen, weil der Hund exakt sieben Mal zu nicht erlaubten Zeiten gebellt hat, der Flieder ungefragt über die Grundstücksgrenzen drängt, der Löwenzahn die Ritzen im Kopfsteinpflaster erobert.
    Ich muss kochen, waschen, putzen, bügeln, muss lächeln, muss nicken, muss mich beeilen, muss den Fleck aus der Bluse rubbeln, muss erklären,muss telefonieren, muss GEZ bezahlen, muss Fenster putzen, muss Tränen runterschlucken und Schokolade essen, muss zum Zahnarzt, ins Internet, muss dringend meine Mails abrufen, muss müssen und sollen und manchmal auch dürfen, das alles, aber niemals
    ein neues Leben wollen.
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Spuren

    Ich weiß, dass Ihr da seid.
    Ich sehe Euch in meiner Statistik, zarte Spuren heimlicher Besucher, wie die zierlichen Pfotenabdrücke einer Maus im Staub.
    Ich erfreue mich an Euren leisen Besuchen.
    Ihr nährt meine Fantasie.
    Ihr schenkt mir eine vage Idee davon, dass das Netz lebt, und sich sogar ab und zu jemand in diesen gottverlassenen Winkel meiner Wortprovinz verirrt.
    Wer mag das gewesen sein, der Klick aus Brasilien?
    Wer liest diesen Blog in der Schweiz?
    Ich male mir Geschichten aus, über Euch, Ihr stillen Leser.
    Ihr seid inkognito hier, unsichtbar, verborgen hinter Euren schweigenden Masken, und es bleibt mir überlassen, mir Eure Gesichter dahinter vorzustellen.
    Sitzt Du gähnend mit einer dampfenden Tasse Kaffee vor dem Rechner, mit Blick auf den Zuckerhut,erschöpft vom Lärm der großen Stadt, oder lebst Du auf einer Rinderfarm, und gönnst Dir abends, bevor Du mit dem Kopf auf der Tastatur einnickst, einen Blick in die entlegene Welt?
    Wie lebt es sich in Dänemark?
    Kannst Du das Meer sehen?
    Hast Du einen Traum?
    Was interessiert Dich an diesem Blog? Haben wir uns jemals getroffen? Bist Du ein Mensch der gerne lacht, redest Du gerne laut, bist Du um Mitternacht wach?
    Wo bist du? Warum besuchst Du mich hier, an diesem einsamen Ort?
    Berühren Dich meine Worte?
    Schrecken sie dich ab?
    Was suchst Du, hier draußen am Ende des Netzes?
    Ablenkung, Zerstreuung, Gleichgesinnte, Abhilfe gegen Langeweile, ein bißchen Lebendigkeit?
    Vielleicht bist Du ein einsamer Jäger und eilst Worten, Sätzen, hinterher, in der Hoffnung, den Funken zu nähren, der Dich endlich lebendig macht?
    Wieso bist Du hier?
    Liest Du gelangweilt,empört,entzückt, klickst Du gleich weiter, oder verweilst Du ein wenig bei den Worten…was treibt Dich an, in Deinem fernen Leben?
    Das Netz bleibt verborgen. Vielleicht seid Ihr auch nur Geister, oder etwas wie Viren, eingeloggt in mein System, vielleicht nur ein Trick…seid nur Nullen und Einsen, grau und tot, nur geschaffen, damit ich weiterschreibe, gefangen in meiner dummen, menschlichen Eitelkeit, und dem Traum von Verbundenheit, eine Fliege im Netz, das sich nährt von Menschen wie mir.
    Vielleicht schleudere ich meine Texte hinaus in einen menschenleeren Raum, in den einsamen Äther des unendlich stillen Alls.
    Vielleicht ist da gar niemand, mit dem ich meine Worte teile…vielleicht ist da nur gleichgültiges Schweigen.
    Aber wenn schon…ich höre nicht auf, mir Eure Gesichter in allen Farben des Lebens zu malen.
    Ihr seid vielleicht unsichtbar, aber Eure Spuren berühren mich.
    In meiner Vorstellung werden daraus die unterschiedlichsten Menschen, die sich am anderen Ende der Welt die Zeit nehmen, meine Worte in ihren Kopf zu lassen.
    Vielleicht begleiten sie dich ja einen Tag.
    Vielleicht nerven sie dich.
    Vielleicht sind sie dir egal.
    Vielleicht schenkst Du sie weiter.
    Vielleicht bewegst du sie ein bißchen hin und her, und hast deine eigenen Gedanken dazu.
    Was auch immer du damit tust.
    Du warst hier. Zumindest in meiner Vorstellung.
    Dadurch sind wir verbunden.
    Ich lese Deinen Spuren, und sie verwandeln sich in dramatische, leise, fröhliche und belanglose Geschichten.So oder so.
    INSPIRIERST. DU. MICH.

Instant Karma

    Worte wie Schmetterlinge

    steigen aus meinen Handflächen empor,

    den wogenden Gezeiten smaragdgrüner  Ozeane entsprungen.

    Schwerelos sind sie,

    mein Geschenk an die Götter,

    dargeboten voller  Demut und Stolz,

    geboren in der reglosen Stille zwischen Hoffnung und Angst.

    Sie schweben hinauf, dem Mond entgegen,

    und wo sie die seidenen Fäden berühren,

    jenes hauchfeine Gespinst aus Tränen und Blut,

    Liebe und Leid,

    dort beginnt das Netz zu schimmern.

    Winzige Lichter, sternengleich,

    gleiten die Fäden entlang.

    unaufhaltsam, bebend, einem Seufzen gleich.

    Wie Wellen, die auf dem stillen Teich ihre Kreise ziehen,

    Wie Licht, dass durch ein Schlüsselloch fällt.

    Einem Windhauch gleich, der die Blätter der Bäume erzittern lässt.

    Träumende, die sich im Schlafe regen.

    Nichts,was ich tue bleibt verborgen.

Jenseits der Träume

    Wo sind sie geblieben, deine Leidenschaften?

    Wo das Feuer, die Begeisterung, der ungestüme, freie Geist?

    Irgendwo unterwegs musst du sie verloren haben,

    in den Weiten des Alltags,

    unter der Last der Verantwortung,

    im Hamsterrad der Arbeit.

    Fortgewaschen von den unerbittlichen Gezeiten einer grauen Welt,

    zerrieben, langsam und stetig, so daß es dir kaum auffiel.

    Jetzt stehen da nur noch unkenntliche Ruinen,

    Schatten deiner Träume, auf Sand gebaut, schief und traurig ragen sie in die Wolken.

    Ein fernes Echo hallt des nachts in deinen Träumen wider,

    eine Art dumpfer Schmerz.

    Er erinnert dich an Zeiten, in denen du sicher warst:

    „Das Leben meint es gut mit mir,

    solange ich niemals aufgebe“.

    Heute weißt du: Das war deine Jugend, und du warst eine hoffnungslose Träumerin.

    Aber das Leben unterwirft sich nicht den Wünschen der Menschen.

    Also, wo sind sie geblieben, die Träume deiner Jugend?

    Abgestürzt, in den Abgrund zwischen Hier und Dort

    vom Weg abgekommen,  verirrt in einer kalten Welt,

    die so anders ist, als die, von der du träumtest als Kind?

    Jetzt ertränkst du deine Seele in Bitterkeit,

    in all den Ach,-hätte -ich’s, ach, wäre ich’s, ach, wenn ich bloß damals…“

    Ja, was? Nur stärker gewesen wärst, schneller, widerstandsfähiger, überzeugender und ausdauernder….?

    Heute, im düsteren Dschungel aus Selbstvorwürfen und dem Bedauern über so viel verlorene Zeit,

    wünschst du mir manchmal diese hemmungslose Begeisterung zurück?

    Die Überzeugung, das „wo eine Wille, da ein Weg“. die Leidenschaft, für etwas zu kämpfen…und zu wissen: Dafür lebe ich?

    Aber sie lässt sich nicht mehr blicken, die Begeisterung, und die Kraft, die in ihr steckt, bleibt dir verwehrt.

    Deine Tage sind schal geworden, nicht wahr?

    Die Angst ist eingezogen, sie macht sich breit, sie lauert dir auf, wenn du den Geschirrspüler einräumst,

    sie flüstert dir aus dem Kühlschrank entgegen, sie geht mit dir zu Bett, sie wohnt in deinem Kleiderschrank.

    Tick tack, singt sie, wieder geht ein Jahr, tick tack, wie lange hast Du noch, tick tack, dein Leben ist be-lang-los, und ein und zwei und drei, wann ist es wohl vorbei…

    Du siehst sie in den Falten um deine Augen, du siehst sie in jedem Kilo, dass du zuviel herumschleppst, du siehst sie in deinem alternden Hund.

    Du bist müde. So wolltest du niemals leben. „Na, werden wir jetzt endlich realistisch,“ flüstert die Angst, „hast du endlich kapiert, daß das Leben kein Wunschkonzert ist?“

    Was bleibt ohne Leidenschaften, ohne Begeisterung? Wer bist Du, jenseits Deiner Träume?

    Was bleibt, jenseits der Träume?

     

    Meine Antwort ist noch klein und unbeholfen, sie klingt leise aber ich hoffe, sie wird wachsen und an Stimme gewinnen.

    Ich hoffe, dass  die Bitterkeit allmählich versickert, dass die Erde sie schweigend und großmütig aufnimmt, sie zersetzt und umwandelt in fruchtbaren Boden, in den ich Blumen säen kann.

    Ich hoffe, daß mein Blick sich allmählich schärft für die kleinen Dinge jenseits der Goßen Träume, jener Blick für das Lächeln eines Kindes, jener für meine blühende Rose.

    Ich hoffe, daß Dankbarkeit Einzug halten wird, Dankbarkeit für die großartigen Kleinigkeiten des Alltages, für die zartgrünen ersten Birkenblüter, für das duftende Stückchen Apfelkuchen.

    Ich hoffe, daß ich eines Tages atmen kann, ohne das schneidende Bedauern über den Verlust meiner Träume zu spüren, ohne diese Traurigkeit, ohne dieses Gefühl, etwas wichtiges verloren zu haben. Atmen, und nur die klare, frische Luft eines Frühlingsmorgens spüren…

    Ich hoffe, daß ich eines Tages einschlafen kann, mit einem Lächeln statt der Angst in meinem Gesicht..und dass mein Schlaf ruhig und friedlich sein wird.

    Und ich hoffe, daß ich eines Tages in den Spiegel blicke, und einen Menschen darin erkenne, der den Mut hat, von ganzem Herzen zu leben, auch jenseits seiner Träume.

Diktatur

Heute morgen ist mir klar geworden- ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen- zu geschäftig habe ich Zahlen verglichen und analysiert, geordnet, abgeheftet und eingeräumt im Rhythmus dieser immergleichen Tage.

Aber heut morgen, als ich wie üblich gehorsam meiner Alltäglichkeit nachging, da sah ich sie auf einmal.

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil ich selbst den Diktator an die Macht brachte, und ich bin gut darin, zu sehen, was ich sehen darf, und alles andere zu vergessen. Der Diktator trägt einen weißen Kittel, man sieht ihn niemals genau, er hüllt sich gerne in betongrauen Nebel, man erahnt die Umrisse, den aufrechten Rücken, die Brille.

Ich hatte vergessen, daß es einmal anders war.

Hab mich selbst mit Präzision und Gründlichkeit geknebelt und gefesselt und mich widerstandslos abgeführt in den tiefsten Bunker dieses Landes- dort gibt es alles, was man so braucht als Mensch dieser Zeit: Einen Supermarkt, groß wie ein Fußballfeld, Arbeit für alle guten Bürger. Einen wandfüllenden Flachbildschirm in meiner großzügigen Wohnung mit den weichen Teppichen und der traumhaften Badelandschaft.

Das Essen ist gut, die ausgefallensten Wünsche werden erfüllt, das Wasser ist immer angenehm temperiert und der Garten vor dem Haus stets gepflegt und ordentlich.

Es ist sauber hier. Es riecht frisch gewaschen, ein bißchen nach Zahnarztpraxis vielleicht. Niemals liegt Müll herum. Ich fahre ein Auto, das keine Abgase produziert, und das selbständig einparkt.

Meine Zahnbürste informiert mich über den Fluoridgehalt meines Zahnschmelzes und sorgt gegebenenfalls für Nachschub. Täglich werden meine Blutwerte überprüft und mein Menü danach ausgerichtet. Es gibt keine Kranken. Die Menschen sterben hier nicht. Eines Tages sind sie gelöscht, und keiner erinnert sich mehr.

Es ist bequem hier. Aber seit heute morgen ist mir kalt.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil der Diktator so einen schönen Namen trägt. Jeder sieht zu ihm auf, er ist einfach brilliant, seine Argumente sind messerscharf und durch nichts zu widerlegen.

Doch heute morgen…

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund nistet sich ein, leise, behutsam, seltsam traurig.

Und das Essen wird schal. Meine Kleidung reizt die Haut. Die Luft verbrennt mir die Lungen.

Ich spüre meinen Körper, allein das ist Revolution, arbeiten wir doch alle daran, ihn möglichst zu vergessen, zusammen mit seiner lästigen Verletzlichkeit, seiner unmöglichen Unart zu sterben.

Ich werfe die Zahnbürste in den Müll und dusche so heiß ich es ertrage, schrubbe die unangenehmen …Unregelmäßigkeiten von meiner Haut.

Ich lebe in einer Diktatur, und ich werde überwacht, kommentiert, bewertet, beurteilt, gelobt und bestraft. Es gibt ein Punktesystem, kompliziert, ausgeklügelt, ein modernes Wunder der Wissenschaft, nobelpreisverdächtig.

Ich lebe in einem Land, in dem mein Diktator ein Held ist.

Er repräsentiert die Werte der Gesellschaft einfach großartig: Er ist stets vernünftig, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, höflich und wissenschaftlich eloquent. Er kommt gut hier an, in diesem Land…ich habe mein Leben lang an ihm gefeilt, er ist perfekt.

Er hat die Macht ganz selbstverständlich übernommen, überlegen, gelassen, sich seiner Macht und Ausstrahlung bewusst, und jetzt regelt er alles. Reibungslos. Ausnahmslos. Es gibt kein Entkommen.

Ich hab vergessen, wo die anderen untergebracht wurden, nach seiner Machtübernahme. Ich erinnere mich wage an Musik und Geschichten und an helle Feuer, an Gelächter und an die Trommel, die manchmal immer noch in meinen Träumen widerhallt…aber das ist lange her.

Wenn die Erinnerung aufsteigt, so wie heute morgen, dann ist er sofort zu Stelle, in meinem Kopf, zynisch, mit seinen Beweisen und wissenschaftlichen Abhandlungen und dem, was ich von Kindesbeinen an gelernt habe.

„Aber Kleines, denke doch mal nach. Die Realität sieht anders aus…hier, ich kann dir das beweisen.“

Ja. Die Realität.

Wenn ich nur glauben könnte, dass es sie nicht gäbe, dann könnte ich frei sein. Wenn ich nur den Mut aufbrächte, diese stählernen Mauern kraft meines Glaubens verschwinden zu lassen. Wenn ich nur den Mut hätte, hinauf zu steigen, an die frische Luft. wenn ich nur den Mut hätte, zu ignorieren, was die Leute hier sagen, was ER mir ins Ohr flüstert, mir beim Einschlafen vorliest, rezitiert, injiziert…

Ja, dann könnte ich vielleicht überleben.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, so wie ich vergessen hatte, daß ich sterblich bin. Heute morgen hat mich eine winzige rostrote Blüte auf schwarzem Grund daran erinnert. Und mein dummes Herz  pocht, es hämmert, es bebt wie die Trommel in meinen Träumen.

Mein Herz, das laut widerhallt, in der einsamen Leere meines Verstandes, das offenbar beschlossen hat, mich zu zermürben, mich zu zerreißen.

Deine Seele verdurstet, klagt es, sie ist nur noch ein trockenes Stück Papier, und wenn du nicht gehst, um den Wind zu spüren und die Erde zwischen deinen nackten Zehen, dann wird sie fortgeweht, und du wirst als klagender Geist durch die Ewigkeit wandern, eine Projektion, eine Warnung für deinesgleichen, für all jene, die sich bedingungslos unterworfen haben…

Ich kann nicht, ich kann nicht, wie könnte ich auch, die Ratio stürzen, die verehrte und hochheilige Vernunft, die in Stein gehauenen Werte all der Menschen. unter denen ich leben, wie könnte ich den Triumph des Geistes in Frage stellen, wie könnte ich statt dessen auf jene Stimmen hören, die ich seit Jahren zum Schweigen bringen will…

Und dann sehe ich jene winzige Blüte, und sie öffnet sich, sie erhebt sich, sie schwebt vor mir, ihr Duft ist zart und frisch, so wie ich mir einen Morgen in der Prärie vorstelle, und ich berühre ihre weichen Blütenblätter und höre mein Herz, und es singt und ich ahne meine Seele, die sich im Schlafe regt und dann…

Ich werde hinaufgehen, in den Regen, um Bäume zu sehen, und Erde zu riechen.

Ich werde hinaufgehen, um  mich auf den Boden zu werfen und endlich regenbogenfarbene Tränen zu weinen, und sie werden einen ganzen Kelch füllen, und jener Kelch wird mein Geschenk an den Diktator sein, wenn er heute Abend kommt, um mich daran zu erinnern, in welch Schöner Neuen Welt ich lebe.

amorphism

    Es kommt eine Zeit, da plagt dich der Hunger.

    du frisst und frisst,

    Weisheiten, mit dem Löffel,

    Urteile über dein Selbst und die Welt,

    wirst wie eine Gans gestopft und gemästet

    mit Worten aus zerbrochenem Glas,

    trinkst  verzweiflet aus der Flasche des Selbstvergessen,

    Schluck um Schluck bringst du dich

    um den Verstand.

    Es kommt eine Zeit, da vergeht dir der Appetit,

    du stellst die Nahrung ein,

    du trocknest aus,

    du verlierst Gewicht,

    du wirst langsam,

    dein Blick trübt sich

    du weißt weder ein noch aus, weißt nur,

    du bist nicht mehr…ja was?

    Dann ist es an der Zeit,

    dich einzuspinnen

    in Fäden aus schimmernder Seide,

    ein Haus,

    gewoben aus den Fragen deiner schlaflosen Nächte,

    ein Kokon aus silbriger Unschuld,

    indem du ertrinkst

    in Vergessen.

    Dort,in der Dunkelheit,

    verlierst du dich, löst dich auf,

    gehst auf im Chaos, bis nichts mehr existiert,

    keine Struktur, die dich hält,

    keine Zelle, die dich formt.

    Und doch, mitten im Nichts, wartet das Leben,

    geduldig und gelassen dreht es sich behutsam im Kreis.

    Es kommt eine Zeit, da du erwachst, staunend und jung,

    mit Augen, die sehen,

    mit Ohren, die hören

    mit einem zarten Duft in der Nase

    und weichem Gras unter deinen nackten Füßen,

    und Rosenblätter, die deine Hände bedecken.

    und  mit Flügeln, die dich tragen,

    in eine Zeit, die zeitlos, endlos mit dem blauen Horizont verschmilzt.

    Bild: Maria-Luise Bodirsky ( Skulptur und Foto)

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

In Momenten wie jetzt, wenn der Zorn in meinen Eingeweiden frisst, mich verätzt und mir den Atem raubt, wünsche ich mir die Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs und dessen friedvolles Lächeln.

Mir ist statt dessen übel, ich ringe um Fassung angesichts meiner streitenden Spößlinge, von denen der eine zum hundersten Mal schreit: „Du blöder alter Roboter“ und der andere schließlich unter zornigem Schreien um sich tritt, das winzige Gesicht zu einer bösartigen Fratze verzerrt.

Das ist der Moment, indem sich all meine Ideen von gewaltfreier Kommunikation, von Liebe und Licht, von Güte und dem  Guten in jedem Menschen in Wohlgefallen auflösen. Und ich spüre, wie sich ein Lavastrom aus Wut glühendrot zu dem Ort wälzt, an dem ich in guten Zeiten mein Herz vermute.

Jetzt ist da stattdessen ein schwarzes Loch, das dampft und brodelt und Schwefeldämpfe produziert, und alles in giftgrüne Wolken hüllt.

Ich trenne die Streithähne, unsanft und meinerseits brüllend. und fühle mich danach so ausgelaugt und bitter, daß ich nur noch weit fort möchte. Eine Mutter-ohne-Kind -Kur auf einer einsamen, einsamen Insel.

Ich bin es leid, das Leid dieser Welt, im Kleinen wie im Großen.

Bin es leid, zu leiden, bin meine Leidenschaften leid. Bin es leid, die Verzweiflung und die Aggression dieser kleinen Wesen anzusehen, bin es leid, zu schlichten, zu beruhigen, bin es leid zu schreien, zu schimpfen, zu ermahnen und zu maßregeln.

Bin es leid. Bin ich das Leid?

Ein vermutlich kluger Mensch hat mal behauptet, Leid entsteht durch unseren Widerstand gegen den unvermeidlichen Schmerz, der jeden trifft im Leben. Und die Pferde erklären mir Tag für Tag: Druck erzeugt Gegendruck.

Was also tun, mit dem unvermeidlichen Schmerz, wenn ich sehe, daß meine Kinder streiten und um sich schlagen und meine schlecht geflickten Nerven zu zerreißen drohen? Was tun?

Ich kann nicht sanft lächeln und sagen: Ooooooom, ihr Lieben, haut Euch ruhig und dann sagt mir, was braucht ihr jetzt gerade….das bringe ich nicht!

Ich kann ihnen nicht die Ohren lang ziehen, sie übers Knie legen oder ihnen einen Eimer kaltes Wasser über die zerzausten Köpfe schütten…das möchte ich nicht!

Was also tun? Strafen, drohen, ablenken, lauter brüllen, weglaufen, schimpfen….was tun?

Vielleicht…jodeln? Shakespeare rezitieren? Den sterbenden Schwan tanzen? Ah, verstörende Intervention, sagt mein innerer Jugendtherapeut, ein wirklich interessanter Ansatz. Ich kündige ihm fristlos.

Quatsch, unrealistisch, sagt mein schwarzes Loch. Wenn du erst richtig in Rage bist, geht da nix mehr. Dann ist das die gute alte Einbahnstrassse, die Kinder brüllen, du brüllst, du brüllst noch lauter, die Kinder haben einen gemeinsamen Feind, und gut is. Wie bei der Bundeswehr.

Aha. Aber ich rede nicht mit schwarzen Löchern.

Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben singt Smudo von den Fanta4 lässig in mein kleinkindgeschädigtes, mutterdementes Hirn.

Der soll bloß mal her kommen….und überhaupt, das hat er sicher geschrieben, bevor er eigene Kinder hatte.

Was also tun?

Ich könnte mir ein paar dicke Ohrenschützer aus der Werkstatt raufholen und meinen arbeitslosen inneren Kinder- und Jugendtherapeuten, die antiautoritäre Hippie-Mutter und das 8jährige Mädchen wetten lassen, wer der beiden rotgesichtigen Streithähne zuerst heult oder aus der Nase blutet.

Ich könnte den Smudo lauter stellen und so tun, als seien das gar nicht meine. Neee, die kenn ich nicht…und überhaupt, wie kommen Sie darauf, ich bin doch viel zu jung für Kinder. Immer locker bleiben, immer locker bleiben, Baby…

Aber die Frage ist doch…was kann ich?

Heute heißt die Antwort: Wütend werden, schimpfen, ermahnen, Streithähne trennen, bevor es größere Schäden gibt….mich später am Abend ausgelaugt und bitter an den Rechner setzen, den Schmerz fühlen, schreiben, leiden leid sein, mich an Wortspielen berauschen, mich beruhigen, mich belächeln, dem Jugendtherapeuten eine alte Fanta4 CD unterjubeln und jetzt endlich die Beine hochlegen und die kinderfreie Stille genießen, in der ich leise singe: Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben…