Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Schreibwerkstatt’ Category

Was soll ich nur tun?

Wenn sie nun nicht zu bannen sind, meine hartnäckigen Träume?

Heimlich sind sie zurückgekehrt, haben sich Zugang verschafft,

sind durch meine sorgsam errichteten Mauern gedrungen, eines Nachts,

als ich mich längst sicher vor ihnen wähnte.

 

Allen Realitäten zum Trotz sind sie am Leben,

erschöpft und ausgemergelt zwar,

aber doch am Leben, das ist nicht zu leugnen.

 

Jetzt lungern sie in meinen Wohnzimmer herum,

spähen in meinen Kühlschrank, ob ich nicht doch etwas Nahrhaftes für sie hätte,

sehen mich mit hungrigen Augen an, als erwarteten sie der Vergangenheit zum Trotz ein herzliches Willkommen.

 

Was soll ich tun?

Ich frage mich, wie sie den Weg zurück finden konnten.

So gut durchdacht war mein Plan, so weit fort hatte ich sie gebracht, durch den Nebel, über steinige Wege, über Berge und Wälder, so weit fort wie irgend möglich.

 

Schlafend hatte ich sie fortgebracht, ausgesetzt wie Hänsel und Gretel, sie fraßen mich auf, sie raubten mir mein karges Brot, da musste ich sie fortbringen, das verstehst Du doch sicher.

 

Ich wähnte mich in Sicherheit, ich baute mir eine steinerne Burg, ich verschanzte mich, ich tat so, als sei ich immer noch am Leben.

 

Jetzt sitzen sie hier, wie Kinder, die erwarten, dass man sie lobt, weil sie eine schwierige Aufgabe gemeistert haben.

Ich sehe sie an, dünn sind sie geworden, sie sind in graue Lumpen gekleidet, sie unterhalten sich flüsternd. Wenn ich den Raum betrete schweigen sie.

 

Was soll ich tun? Sie wieder fort schicken?

Ich muss gestehen, mein Leben ist nicht besser geworden, nachdem sie fort waren. Sicher, eine Zeitlangs schien es mir, als bliebe etwas mehr  für mich. Aber dieses mehr schmeckt schal und fade, und es macht nicht satt. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich ein graues müdes Gesicht und leere Augen. Bin ich das?

 

Na ja, aber was soll man machen? Ich bin zumindest am Leben geblieben, es geht ja immer irgendwie weiter, aber ich hab vergessen, wozu.Ich beobachte sie verstohlen. Sie haben nichts von ihrer Anmut verloren. Noch immer kann ich mich an ihnen nicht satt sehen, an ihren zarten Gesichtern, ihren blitzenden Augen, an ihren kraftvollen Bewegungen. Sie sind noch immer so unglaublich…..lebendig.

 

Wenn sie glauben, ich hörte sie nicht, kichern sie und necken sich, ihre hellen Stimmen wie silberne Glöckchen.Unter all dem Schmutz und den Lumpen scheinen sie immer noch zu leuchten, und ich kann es immer noch sehen, diesen Funken, dieses Glimmen, dieses Feuer.

 

Ich ahne, fürchte, weiß: ich bin ihnen immer noch verfallen. Ich kann meinen Blick kaum von ihnen wenden, ich fürchte und sehne mich nach ihrer Gesellschaft, nach ihrem munteren Geplapper, nach ihren verrückten Ideen, die mich so manches Mal nachts wach hielten.

 

Was soll ich tun?

Ich habe Angst. Wie soll ich sie durchfüttern in einer Welt wie dieser? Wie mich um sie kümmern?Mein Herz wird mir schwer. Ja, verdammt ich hab sie vermisst, ich bin beinahe drauf gegangen vor Sehnsucht, ich hab gelitten und geflucht, nachdem sie fort waren, aber ich war mir sicher, so sicher, dass es für mich der einzige Weg war zu überleben.

Was soll ich nur tun?

Sie noch einmal fortschicken? Jetzt, wo ich weiß, dass das Leben ohne sie nicht etwa einfacher, sondern nur stiller und grauer wird? Ein bißchen weniger laut, ein bißchen weniger bunt?

 

Zaghaft betrete ich mein ordentliches Wohnzimmer, wo ihre kleinen Gestalten wie bunte Blumen verstreut auf Sessellehnen und Tischen sitzen. Es wird augenblicklich still, wache Blicke fixieren mich.

Meine Gedanken sind jenseits der Worte, aber mein Herz pocht, laut und widerspenstig.

Also können wir bleiben, sagt ein dünnes Mädchen, elfenzart, und es ist eine Feststellung, keine Frage.

Du bist verloren ohne uns, sagt der Kleine mit den dunkelblauen Blumenaugen, und es klingt sanft, kein Vorwurf schwingt in seiner silberhellen Stimme mit.

Wie werden dir keine Last sein, verspricht der schimmernde, durchscheinende Zentaur, vielmehr sind wir es, die dich das Leben ertragen lassen.

Wir sind Du. Du bist wir. Ohne uns bist Du nur Zuschauer, und Mißgunst und Neid werden Dich allmählich auffressen. Ohne Dich bleiben wir Schatten. Schön, aber ohne Substanz, Geister ohne Kraft.

Was hindert Dich, uns teilhaben zu lassen an deinem Leben?

Die Sehnsucht, schreit mein Herz, sie schmerzt zu sehr. Die Enttäuschung, wenn Ihr nicht wachsen und gedeihen wollt, sondern ungelebt vertrocknet, die ertrage ich nicht! Das Risiko ist einfach zu groß, die Wunden zu tief!

 

In mir ist immer noch die alte Zerissenheit. Ich fühle mich zittrig und elend und unendlich müde.

Mein Blick fällt auf einen kleinen Vogel. Er ist durchsichtig, schimmert weiß und bläulich, sein Blick ist eindringlich und scharf und will so gar nicht zu seinem watteweichen Gefieder passen.

Ich habe ihn noch nie gesehen.

Wer bist Du?

Ich versinke in diesen hellen Taubenaugen, ertrinke und der Schleier, der mich schützt vor all den schmerzhaften Erinnerungen, zerreißt.

In Scherben liegt es vor mir, mein schönes Leben. Schillernde Bruchstücke, manche regenbogenfarben, manche glänzend schwarz, silbern und gold. Aber da ist Schönheit inmitten der Zerstörung. Ein leises Funkeln, ein helles Summen. Ich kann den Blick nicht abwenden von all den glitzernden, gleißenden Bruchstücken, wie eine Elster bin ich entzückt von den kleinen, sinnlosen Schätzen.

Was willst Du damit anfangen, fragt mich der Taubenvogel, was soll mit all diesem Glitzerkram geschehen?

Möchtest Du sie wegwerfen, all die Scherben? Ent-sorgen? Loslassen? Dich befreien? Ist es nicht nur unnützer Tand?

Da regt sich Widerstand in mir.

Das, was da liegt sind meine Träume, ist mein Leben. In Scherben zwar, in Einzelteilen, aber nichtsdestotrotz wunderschön. Wie bunte Samenkörner. Wie Perlen einer Kette. Wie Juwelen eines Drachenschatzes. Das Blut, das durch meine Adern fließt. Der Puls, der in mir pocht. Das, was mich lebendig macht.

Behutsam lasse ich mich auf die Knie nieder, streiche mit den Fingern über die glattgeschliffene Oberfläche einer Scherbe, seidig wie das permuttfarbene Innere einer Muschelschale.

Da flattert es um mich herum, dutzende, hunderte weiche Fügel streifen mich, es rauscht und schwirrt und ich bin umgeben von diesen taubengleichen Vögel mit den scharfen Augen. Behutsam und leise zwitschernd picken sie die Scherben auf, es ist wie ein Tanz.

In meinen Händen halte ich eine goldene Schale, die sich bald füllt, mit winzigen Bruchstücken, mit Erinnerungen, Ideen, Wünschen und Hoffnungen. Ich blicke hinein und all das Goldene und Glitzernde verschwimmt zu einer schimmernden Oberfläche, wird zu einem Spiegel, zu einem stillen, ruhigen Teich.

Und dann erkenne ich allmählich ein Gesicht, das zu mir emporlächelt, jung und alt zugleich, verrtraut und doch fremd. Lass uns wieder spielen, flüstert es, lass uns wieder jung sein, lass uns noch mal fliegen. Lass uns noch mal kosten, wie das Leben schmeckt, lass uns nochmal beginnen.

Ich atme, Luft wie klares Quellwasser,  mein Herz brennt und tanzt, mein Kopf schmerzt und pocht, meine Seele regt sich im Schlaf, und dann lasse ich los

und falle und falle,

Augenblicke, Ewigkeiten

wiedereinmal

mitten

ins

Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Read Full Post »

Instant Karma

    Worte wie Schmetterlinge

    steigen aus meinen Handflächen empor,

    den wogenden Gezeiten smaragdgrüner  Ozeane entsprungen.

    Schwerelos sind sie,

    mein Geschenk an die Götter,

    dargeboten voller  Demut und Stolz,

    geboren in der reglosen Stille zwischen Hoffnung und Angst.

    Sie schweben hinauf, dem Mond entgegen,

    und wo sie die seidenen Fäden berühren,

    jenes hauchfeine Gespinst aus Tränen und Blut,

    Liebe und Leid,

    dort beginnt das Netz zu schimmern.

    Winzige Lichter, sternengleich,

    gleiten die Fäden entlang.

    unaufhaltsam, bebend, einem Seufzen gleich.

    Wie Wellen, die auf dem stillen Teich ihre Kreise ziehen,

    Wie Licht, dass durch ein Schlüsselloch fällt.

    Einem Windhauch gleich, der die Blätter der Bäume erzittern lässt.

    Träumende, die sich im Schlafe regen.

    Nichts,was ich tue bleibt verborgen.

Read Full Post »

Da ist es wieder, dick und breit und unbeweglich, die feisten Beine trotzig in den Boden gestemmt, steht es mitten im Wohnzimmer und glotzt mich herausfordern an.

„Hau ab,“ schnauze ich, und blicke demonstrativ aus dem Fenster, „du bist ganz und gar unnütz. Verschwinde endlich aus meinem Leben!“

Ich konzentriere meinen Blick auf die Blumenpracht in Nachbars Garten und zwinge mich dazu, die lateinischen Namen zu rezitieren. Ich atme vorbildlich in den Bauch und denke dabei an blaue Elefanten.

Als ich mich nach ein paar Minuten widerstrebend von all den Blumen und Elefanten in meinem Geiste losreiße, und mich vorsichtig umdrehe, muss ich feststellen, daß das Biest, anstatt sich brav aufzulösen, nur noch näher an mich herangerückt ist.

Ich blinzele nervös, vielleicht stimmt schlichtweg etwas mit meinen Augen nicht, aber auch das bringt das Ding nur zum Kichern.

Na gut. Dann eben in die Offensive.

Tapfer blicke ich ihm in die kleinen, gemeinen Schweinsäuglein.

Es hat es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht, massiv und undurchsichtig wie ein Fels, und jetzt nimmt es tatsächlich hämisch grinsend die Gestalt eines übergewichtigen, blauen Elefanten an.

„ Mit so billigen Esotricks wirst Du mich wohl kaum los“ flötet es mit der Stimme meiner verhassten Grundschullehrerin.

Ich möchte es zermalmen.

Lässig lässt es ein paar Seifenblasen aus seinem Rüssel aufsteigen, in jeder von ihnen schillert und schimmert ein und dasselbe Wort in regenbogenbunten Buchstaben:

WARUM?

Ich schlage wütend mit der Fliegenklatsche nach den Seifenblasen, und sie zerplatzen mit einem schmierig-sattem Platschen.

„Ich hab einen coolen Trick,“ sagt das Monstrum auf meinem Teppich, „hab ich mir in den Zombiefilmen abgeguckt. Für jedes Warum, daß Du erschlägst, hetzte ich Dir zwei neue auf den Hals. Gut, nicht?“

Selbstgefällig rülpst der blaue Elefant noch eine weitere Seifenblase aus.

„Oh Verzeihung, Liebes…..“sagt er dann, „aber wenn wir hier schon so gemütlich beisammen sitzen, so machst es dir bestimmt keine Umstände, mir eine einzige, winzig kleine Frage zu beantworten:

WARUM (effektheischende Pause) willst du mich eigentlich so dringend loswerden?“

Ich spüre den Zorn in mir aufwallen, heiß und gallig, und ich spucke dem Elefanten vor die Füße.

„Hör zu, du elender Plagegeist. Die Frage nach dem WARUM hat noch keinem Menschen etwas gebracht. Sieh dir doch all die WARUMs an, an denen die Menschen verzweifeln.

So was wie:

WARUM gibt es Kriege?

WARUM muss es Leid geben?

WARUM lässt Gott, so es ihn denn gibt, all das zu?

WARUM zerstören wir Menschen die Erde so zielstrebig und warum, verdammt noch mal, lernen wir nichts aus unseren Fehlern?

Oder, wenn du es lieber etwas kleingeistiger haben willst:

WARUM um alles in der Welt gibt es Steuererklärungen?

WARUM finde ich nie meine Autoschlüssel, wenn es besonders eilig ist?

WARUM müssen die Kinder immer dann besonders gerne und laut schreien, wenn ich Kopfschmerzen habe?“

Hah! Jetzt hab ich es ihm aber gegeben. Zumindest sieht er nicht mehr ganz so albern himmelblau aus, sein Teint wirkt jetzt eher gräulich. Und vielleicht ist er auch schon ein wenig geschrumpft. Ich krieg dich noch!

„Kein Mensch hat es verdient, daß ihm ein so graußliches WARUM das Leben versaut,“ geifere ich weiter. „Du bist überflüssig! Jedes noch so kleine Warum kann mir für alle Zeit gestohlen bleiben…“

Der Elefant sieht jetzt tatsächlich ein bißchen nervös aus.

Er sagt: „Und was ist mit diesen Fragen:

Warum gibt es die Schönheit der Blumen und Schmetterlinge?

Warum lächeln Kinder im Schlaf?

Warum gibt es die Liebe?

Sind das nicht schöne Dinge, die man gerne erforschen möchte?“

„Nein“, blaffe ich. Denn darüber habe ich zum Glück schon nachgedacht.

„Das WARUM zu kennen, macht die Dinge nicht besser oder schöner. Ich liebe nicht intensiver, wenn ich weiß, daß daran ja nur die Hormone schuld sind.

Ich fühle mich nicht besser, wenn mir erklärt wird, daß ich Kinder, die im Schlaf lächeln, nur deswegen entzückend finde, weil die Evolution diese Reaktion auf das Kindchenschema in mein Hirn gebrannt hat, um den Fortbestand der menschlichen Rasse zu sichern…

Sorry. Mein Leben wir grauer und grauer, mit jeder korrekten und beweisbaren Antwort auf ein WARUM.

Diese elende Frage ist der natürliche Feind der Phantasie. Und wenn die Phantasie sterbend am Boden liegt, und du sie auf dem Gewissen hast, wird Leben sinnlos.“

Ich bin sicher, das ist genügend Dramatik, um diesem elenden Vieh endlich den Garaus zu machen.

„Aber“, sagt der Elefant leise, und ich könnte schwören er ist tatsächlich deutlich geschrumpft „macht die Frage nach dem Warum nicht auch die Natur des Menschen aus? Seid ihr nicht hier, weil ihr stets neugierig seid, und den Dingen auf den Grund gehen wollt? Ist nicht das Warum Eure eigentliche Identität? Verliert ihr Euch nicht selbst, und werdet zu seelen- und herzlosen Marionetten, wenn Euch das WARUM egal ist?“

Ich denke nach. Möglichst kurz.

„Wo die Frage nach dem Warum endet, beginnt das Vertrauen“ sage ich fest.

„Wo das Warum endet, sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet“ und „Wer nicht mehr fragt, erstarrt“ sagt der Elefant.“Wenn Du Dich nicht mehr fragst, warum Du eigentlich wie lebst, und Dich nicht mehr fragst, um was es hier für Dich geht, bist Du nicht dann stumpf und dem Tode nahe?“

Jetzt sitze ich fest. Aber ich war mir doch so sicher: Wenn ich erst endlich im Vertrauen leben, wird alles besser….oder wie?Kann ich denn im Vertrauen leben und trotzdem nach dem Warum fragen? Hat mir das Warum nicht meine phantastisch heile Welt zerstört?

Und die Antworten sind so frustrierend. Diese Kälte darin- nee, da will ich lieber nichts wissen über den Mond und die Sonne und warum Katzen schnurren…vom Elend der Welt ganz zu schweigen.

Unsicher blicke ich zu dem Elefanten hinüber. Der ist ganz schön geschrumpft, und hat gar seine Form verloren- eigentlich sieht er jetzt mehr aus wie ein verwaschener kleiner Dachs. Und wenn mich nicht alles täuscht, zuckt sein linkes Auge nervös.

Da kommt von der Couch ein theatralischer Seufzer. Dort sitzt ein stattlicher roter Fuchs auf dem samtenen Kissen, die eine Pfote ordentlich über die andere gelegt, und jetzt nickt er uns vollendet höflich zu.

„Was macht ihr euch das Leben so schwer…das ist doch ganz einfach. Sieh mal, ein Hammer ist ein wunderbares Werkzeug, wenn Du etwas bauen möchtest. Er erleichtert die Arbeit ganz ungemein. Du kannst ihn allerdings auch verwenden, um deinem Nachbarn den Schädel einzuschlagen, und so wird er zur Mordwaffe. Es liegt ganz und gar in deiner Hand.

Das ganze Geheimnis ist dies: Die Freiheit liegt in Deiner Antwort. Es gibt tausendundeine Antwort auf dieselbe Frage und jede davon ist wahr. Und die beste Antworten schenkt Dir deine „Phantasie“ wobei ich sie lieber „deine WirkLichkeit“ nennen würde. Du erkennst diese Antworten daran, daß sie mit einem verspielten „vielleicht“ oder „in meiner Welt“ beginnen.“ Und nun entschuldigt mich, bitte, ich habe zu tun.“

Er wirft uns noch einen huldvollen Blick zu, bevor er mit einem melodiösem „Ping“ in eine rotgoldene Staubwolke zerstiebt, die geschlossen und elegant zum offenen Fenster hinaus weht.

Der Dachs und ich sehen uns verlegen in die Augen.

Eigentlich sieht er ganz sympathisch aus, mit seinen funkelnden Knopfäuglein, und den hellen Streifen. Und von der Arroganz des blauen Elefanten ist auch nichts mehr zu merken. Statt dessen putzt er verlegen seine Barthaare.

„Na gut“, murmele ich. „Dann such Dir ein gemütliches Plätzchen. Und wehe Du stellst meine Antworten in Frage.Kann gut sein, daß ich sage: Keine Ahnung, warum das so ist. Und jetzt möchte ich lieber den Rosenduft und den Sonnenuntergang genießen…“ Der Dachs lächelt. „Es war nie meine Aufgabe, deine Antworten in Frage zu stellen Ich bin zufrieden, wenn ich fragen darf. Die Antwort- ist deine Sache.“

Und so sitzen wir noch eine Weile still beisammen und beobachten die tanzenden Staubkörner im Licht der untergehenden Sonne.

Das Telefon reißt mich aus meinen Gedanken.

Am anderen Ende der Leitung ist meine Freundin, sie jammert in den höchsten Tönen: „Warum nur ist mein Auto schon wieder kaputt? Das ist doch zum verrückt werden… keiner weiß, woran das liegt! Das gibt es doch nicht!“

Und ich höre mich sagen:

„Na ja, möglicherweise liegt das daran, dass die winzigen, so genannten Tetra- Punzetten-Wichtel, die eigentlich dafür verantwortlich sind, dass der Motor sich nicht verschluckt an dem geschmacklich grenzwertigem Benzin, das gegenwärtig so im Umlauf ist, gerade beschlossen haben, ihre Arbeit nieder zu legen, weil sie lieber Gedichte über pinkfarbene Bremsflüssigkeiten und den Duft von Motoröl verfassen wollen und außerdem die Ausreise nach Beta X beantragt haben, weil die dort lebenden humanoiden Fledermäuse einfach die besseren Motoren bauen und außerdem…“

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob der alte schlaue Fuchs das tatsächlich so gemeint hat, aber das ist ja wohl Auslegungssache….

Read Full Post »

Liebste,

Ich erinnere mich an Zeiten, da schmeckte das Leben nach Abenteuer und Sommerluft, nach dem kräftigen Rauch des Lagerfeuers und nach sternklaren Nächten, in den Deine Worte wie goldene Feuerfunken in den Himmel stoben.

Ich erinnere mich daran, wie wir gemeinsam durch Wüsten und Wälder reisten, das Einhorn erspähten und mit dem Drachen über die Weltmeere flogen.

Wir erforschten alte Welten, sprachen mit Riesen und Zwergen und tanzten mit Elfen unter Apfelblüten, in der lauen Stille einer Frühlingsnacht.

Ich erinnere mich an andere, dunklere Zeiten,da wurden wir uns fremd, und die Welt verlor die Farbe. Du warst mir ein quengelnder Klotz am Bein, standest meinem scharfen Verstand im Weg, eine Last in der „Wirklichkeit“ meiner Gegenwart.

„Wer braucht schon Worte und Farben? Zahlen und Fakten sind die Geister der Zeit!“ so rief ich aus,

und so bist Du verschwunden, fortgereist, in einer mondlosen Nacht, schweigend im Lärm der Großen Stadt.

Du hast mich frierend allein gelassen in meiner kalten Welt aus Stahl und Beton, so grell, so vernünftig, so bittergrau. Ich war sicher, es sei das Vernünftigste, und die Ratio machte sich breit in Deinem dunkelgrünen, samtbezogenem Ohrensessel.

Aber seit dem ist mein Leben düster und …ja,belanglos.

Ich bin stets hungrig und mir ist kalt.Ich nähre mich heimlich von ein paar wenigen, mageren Farben, hin und wieder stehle ich kleine bunte Sätze aus Büchern, die nicht die meinen sind, und fahre mit dem Finger verschämt ihre großen, bunten Buchstaben nach.

Bis vor einiger Zeit sah ich Dich ab und zu sah vorbeihuschen, von weitem, in einen grauen Mantel gehüllt, ein Schatten Deiner selbst, und doch habe ich Dich erkannt. Aber auch diese kleinen Begegnungen sind vorbei. Und ich frage mich zitternd, wo magst Du sein?

Vielleicht bist Du in einer steingrauen Hütte aus exakt passenden Ziegeln gefangen, gebacken und gebrannt aus den bitteren „Du musst aber“ und „Du solltest aber“ und ähnlich vergifteten Wörtern,  mit deren Hilfe ich Dich aus meinem Leben vertrieben habe….ach, wenn ich Dich doch nur befreien könnte!Mir ist so entsetzlich kalt.

Gib mir nur einen einzigen, kleinen Satz, eine einzige Farbe,und ich werde die Kraft haben, das Eisenschloß zu sprengen, und dann werde ich Dich befreien, damit Du nicht länger einsam und hungrig finstere Runen in die Wände ritzt.

Schenke mir dieses eine Wort, dieses kostbare Samenkorn, und ich werde wachsen und gedeihen, und die Welt wieder durch Deine offenen und staunenden Augen sehen .

Und Du trittst heraus aus der Gefangenschaft, anmutig, voller Leben, begrüßt den Himmel über Dir, die Sonne, den Regen, die Erde unter Deinen Füßen, bebend, lebendig. Du kannst hinausgehen in diese meine und Deine Welt, Dich satt trinken an all ihren Farben, an all den Eindrücken, den Bildern von Schönheit und Leid, von Liebe, Tragik und  Komik..

Und ich nehme Deine Hand,  bin wieder Kind und wir laufen Durch den Sommerregen, Du und ich, lachend.

Ich schenke Dir ein Haus, ich baue es mit eigenen Händen, aus dem Grün des Waldes und dem Blau der Meere.

Dort verbringen wir kleine, endlose Stunden, in denen es nur Dich und mich gibt,  verzauberte Reisen, Schönheit und Spinnweben im Morgentau. Und dann werden wir jeden Augenblick genießen, ihn ansehen und auskosten,und ihn voller Hingabe in einen traumschönes Gemälde verwandeln, das Eins ist mit dem Leben, und das uns die Unendlichkeit berühren lässt…

Vielleicht wirst Du nicht immer und zu jeder Zeit an meiner Seite sein können. Aber wir haben unseren eigenen, heiligen Raum, und er wird uneinnehmbar sein, frei und unsterblich.

Ach ja, und Deinen alten Widersacher, den buckligen Kritiker, mit dem finsteren Monokel, den setzten wir für eine Weile in die Ziegelhütte, was meinst Du? Ich denke, er wird durch einen unglücklichen Zufall seine Sprache verloren haben (tja, so eine Begegnung mit einem echten Knurpsel kann schon traumatisch sein), was meinst Du?

Ab und zu werden wir ihn besuchen, ihm Blumen und ein paar ausgewählte Worte bringen und mit viel gutem Willen verwandelt er sich vielleicht mit der Zeit in einen Yak oder in  eine Schildkröte.

Liebste, wo immer Du sein magst, ich weiß, meine Worte werden zu Dir finden, auf Wegen, die so uralt und geheimnisvoll sind wie der Blick des Roten Drachen

und deshalb warte ich auf ein Wort von Dir, unter dem Apfelbaum, lauschend und hoffend und zu den Sternen betend.

Read Full Post »

Eulendämmerung

Kreischend kommt der Zug zum Stehen. Türen öffnen sich und entleeren Menschenmassen auf den Bahnsteig. Eilige Schritte hasten davon. Mir ist, als sei ich in einen Zeitbeschleuniger geraten. Alles ist schneller, höher, weiter. Und so grell. Man möchte die Augen schließen und den Kopf festhalten, der dröhnt vom dumpfen Herzschlag der Stadt.

Das Fläschen mit den Tropfen gleitet mir aus der Hand uns rollt über den Asphalt. Ich bücke mich danach und blicke in die leeren Augen eines alten Säufers. Zusammengesunken sitzt er an den Automaten gelehnt, sein Mund formt unaufhörlich Worte, zahnlos, brabbelnd. Aus dem schmuddeligen Rucksack ragen Flaschenhälse hervor, Mahnmale seiner Verzweiflung. Der hat es nicht geschafft. Das Fläschchen kullert über den Rand des Bahnsteiges, zerschellt auf den Gleisen. Und mit ihm mein letztes bißchen Sicherheit.

„Es ist nur wieder die Angst, sie kann Dir nichts anhaben“, sage ich artig mein Mantra vor mich hin, „sie kann mir nichts anhaben.“ Das Echo hallt in meinem Schädel wieder. Angst, Angst, flüstert es hämisch.

Lichtjahre liegen zwischen mir und meiner stillen Zuflucht. Ich muss verrückt sein. Oh ja, völlig verrückt.

Langsam kriecht die Kälte meine Beine empor, hält inne, lauert.

Ich zwinge mich in die Gegenwart. Ein Typ von der Security steht breitbeinig vor dem alten Mann. Seine Lippen bewegen sich, aber kein Ton dringt durch das Rauschen in meinem Kopf. Der Alte zeigt keine Regung. Er ist schon lange fort.

Mir ist schlecht, meine Lippen kribbeln und ich spüre, wie das Adrenalin unerbittlich von meinem Körper Besitz ergreift. Ich weiß, mein Gesicht ist bereits aschgrau, und ich verschränke die Hände ineinander, um ihr Zittern zu verbergen.

Einatmen, ausatmen. Vor meinen Augen flimmert es. Oh Gott, mir wird schwindelig! Ich klammere mich hartnäckig an den Rand der Wirklichkeit. Der Säufer ist fort, mitgenommen. Um mich herum dröhnen Lautsprecheransagen, fauchen Züge. Ich suche Halt an meiner Bank und schüttle den Kopf, um die Übelkeit zu vertreiben.

„Das ist eine ganz normale Reaktion Ihres Körpers,“ höre ich die gelangweilte Stimme meines Therapeuten sagen, „typisch für Angstneurosen. Je eher Sie sich das bewusst machen und Ihre Entspannungsübungen machen, desto schneller haben Sie sich wieder im Griff. Frau Peters? Sie haben doch geübt?“

Aber sicher, sicher. Ich lockere gehorsam meinen Kiefer, lasse die Schultern kreisen, und zähle bis zehn.

„Entschuldigung, könnte ich mich wohl setzen?“ Nein! Bitte nicht! Aber schon höre ich mich flüstern: „Sicher, natürlich!“. Meine Höflichkeit ist unerbittlich. Die Frau neben mir ist alt, fettleibig.  Sie atmet schwer, laut und sie schwitzt. Ich kann sehen, dass der Tod  bereits neben ihr Platz genommen hat.

Ich rücke ein Stück beiseite und halte nach Ablenkung Ausschau. Weiter hinten am Bahnsteig kläfft ein Hund, hysterisch. Muss der totale Horrortrip sein, diese Myriade von Gerüchen an einem solchen Ort. Das überlastet so ein armes Hundehirn doch sicherlich. Verstand gegen null, erschlagen von zu vielen Eindrücken…das kenne ich.

Kurzer Check. Körpertemperatur zumindest lauwarm, Zittern abgeflaut, nur ein leichtes Schwächegefühl. Ich werde es tun, jetzt gleich. Ich werde aufstehen und mich kopfüber in die reißenden Fluten stürzen. Ich nicke der alten Vettel zu und mit dem Mut der Verzweiflung reihe ich mich ein in die Welt der Lebenden.

Die Einkaufsmeile des Bahnhofes scheint bis ins Unendliche zu reichen. Coffee to go. Fast Food. Zeitschriften. Souvenirs. Plastikkitsch. Dinge, die die Welt nicht braucht. Meine jedenfalls nicht. Ich fühle mich seltsam abwesend, wie in einem wirren Traum. Alles eine Wirkung des Adrenalins, weiß mein Verstand. Einfach ignorieren. Ich bleibe stehen, eine Insel, an der sich das Wasser teilt und lasse den Blick nach oben in die mächtige Kuppel schweifen.

„Ey, sach´ma, haste ´n Euro?“

Ich zucke zusammen. Mein Blick taumelt über blaues, stacheliges Haar, zerissene Jeans, Springerstiefel. Bleibt an Pupillen hängen, riesenhaft, schwarzen Löchern gleich. Ich kann mein Spiegelbild darin erkennen.

„Ne, Du, sorry“. Meine Stimme klingt blechern.

„S´is nich für mich“.

Ihr Blick hält mich fest, räudig und zerzaust.

„He, bitte, ich brauch das für´n Tierarzt“.

Sie winkt mich an ihre Seite und wir treten aus dem Strom heraus in eine dunkle Ecke. So dicht neben ihr rieche ich ihre Verzweiflung. Zögernd öffnet sie ihre speckige Jacke. Ein fedriges Köpfchen kommt zum Vorschein, kreisrunde, rote Augen starren mir über einem krummen Schnabel entgegen.

Das Mädchen zittert, ihr Blick huscht immer wieder fort, wer weiß, wo der unsichtbare Feind schon lauert.

„Ich kann sie nicht füttern,“ flüstert sie eindringlich, „Du musst uns helfen!“ Sie packt den Vogel, ungeschickt, hält ihn mir hin.

Meine Hände schließen sich um die weichen Federn. Tapfer verbeißt sich der scharfe Schnabel in meinem Zeigefinger. Das tut weh, ein Blutstropfen rinnt mir über die Hand. Doch Schmerz hält die Wirklichkeit in meiner Nähe, dafür bin ich dankbar. Ich sehe auf und erhasche noch einen Blick auf blaues Haar, bevor das Mädchen im Gewühl verschwindet.

Die Angst zerrt jaulend an ihrer verrosteten Kette, aber ein Tritt bringt sie noch einmal zum Schweigen. Was jetzt? Das kleine Eulenherz in meiner Hand schlägt schwach und unregelmäßig. Eine blasse Erinnerung regt sich, und ich haste meinen Weg zurück. Tatsächlich, da ist das kleine bunte Holzschild:“Papageno- Fachhandel für Vogelbedarf“.

Ein Windspiel klimpert aufgeregt, als ich die altersschwache Tür aufstoße und in das Halbdunkel des kleinen Ladens stolpere. Es riecht nach schimmeligem Heu und Vogelkot, darüber liegt der schwere Duft von Pfeifentabak. Schmale Regale, die bis unter die Decke vollgestopft sind mit Käfigen und fremartigem Krimskrams versetzen mich zurück in die Träume meiner Kindheit.

„Wie kann ich helfen, Täubchen?“ knarzt eine alte Stimme hinter dem hölzernen Tresen hervor. Aus dem Schatten erhebt sich eine winzige Frau, zierlich wie ein Vögelchen. In ihrem Mundwinkel hängt eine erloschene Pfeife und sie mustert mich aus ebenholzschwarzen Augen.

„Ich brauche einen Eulenkäfig“, flüstere ich und starre gebannt auf den mottenzerfressenen Fuchs, den sie um den Hals trägt.

„Da bist Du hier ganz richtig, Liebchen. Zeig mir die Kleine.“

Ich strecke der Alten meine Hände entgegen. Der Vogel schnarrt unbehaglich und dreht sein Köpfchen ruckartig hin und her. Kühle Finger berühren mein Handgelenk. „Armes Schätzchen.“ Ich bin nicht sicher, wem von uns beiden das gilt.

Die Alte husch flink die Regale entlange, murmelt geschäftig vor sich gin, bis sie schließlich fündig wird.

„Hier drin ist der kleine Rattenfänger sicher“. Sie grinst triumphierend und entblößt dabei ihre tabackfleckigen Zähne. „Macht´n Zehner, Liebchen.“

Behutsam setze ich die Eule in den hölzernen Käfig, der aussieht, als stamme er aus dem Mittelalter. Die Vogelhexe steckt sich währenddessen zufrieden ihr Pfeifchen wieder an. Fast bilde ich mir ein, dass ihre Augen aufglühen, wenn sie daran zieht. Der schwere Rauch benebelt meine Sinne, ich zahle rasch. Das Windspiel klimpert hell, und so verstehe ich nicht recht, was mir die Alte noch mit auf den Weg gibt.

„Ihre liebste Beute ist…“

Ich habe keine Muse, darüner nachzudenken, denn kaum trete ich in die Menschenmenge hinaus, springt sie mich an, meine Angst, rittlings aus dem Hinterhalt. Ich wanke unter ihrem Gewicht. Eine eiserne Faust umklammert mein Herz, ich ringe nach Luft, es rauscht in meinen Ohren, wie von riesigen Schwingen. Gesichter verwandeln sich in bedrohliche Fratzen, Hände werden zu Klauen, die nach mir greifen, ich falle, ich falle in bodenlose Finsternis…

Ich würge, huste. Atme schließlich. Kalte Luft strömt in meine Lungen. Jemand schlägt mir kräftig auf den Rücken. Erschrocken aufgerissene Augen in einem dunklen Gesicht mustern mich besorgt. „He, Lady, are you okay? Damn, you look like a fucking…“was-auch-immer, ich will es gar nicht wissen. Eine kleine Menschentraube hat sich um mich versammelt. Ich sitze am Boden, in den Armen eines dunklen Riesen und mitleidige, neugierige und angewiderte Blicke regnen auf mich herab. Ich kann mich nicht bewegen, mein Körper gehorcht mir nicht. Der freundliche Hüne hebt mich auf, als sei ich leicht wie ein Kind und trägt mich zur nächsten Bank. Sein Mantel riecht nach Erde und Wald, und am liebsten möchte ich mein Gesicht darin vergraben, mich verstecken vor all den Blicken, mich vergessen. Aber das ist gegen die Spielregeln.

„Danke“ wüge ich hervor. Blass und schmal liegen meine Hände für einen Augenblick in den seinen. Er nickt. Dann steht er auf und verschwindet in der Menge. Einfach so.

Weil ich wohl wieder etwas Farbe habe, und offensichtlich keinerlei weitere Unterhaltung biete, zerstreuen sich die Gaffer rasch.

Bestandsaufnahme.

Mein Herz schlägt erstaunlich gleichmäßig.
Meine Hände fühlen sich stark und warm an, als hätten sie die Kraft des dunklen Mannes in sich aufgesogen.

Mein Magen ist dort, wo er hingehört.

Kein Summen, kein Rauschen im Kopf.

Kein Flimmern vor den Augen, Atem ruhig und gleichmäßig.

Wo versteckt sie sich?

Mein Blick fällt auf den Vogelkäfig, wenige Meter entfernt liegt er mitten auf dem Bahnsteig. Ein Mann kickt ihn achtlos beiseite. Ich bilde mir ein, das Knacken der morschen Gitterstäbe zu hören.

Der Käfig ist leer, die kleine Tür aus den Angeln gerissen. Ich hebe ihn auf und drücke ihn an meine Brust.

Ihre liebste Beute ist…

Mein Kopf fühlt sich leicht und leer an, ich bin schwerelos. Ich muss auf meine Füße hinunter sehen, um mich zu vergewissern , dass ich nicht schwebe.

Ihre liebste Beute ist…

Mein Herz macht Frieden mit sich selbst. Wärme breitet sich aus, bis in meine Fingerspitzen

Ihre liebste Beute ist…

….die Angst. Sie ist tatsächlich fort.

Als ich aufblicke, trifft mich ein Lächeln und verschwindet gleich darauf wieder in der Menge. Die Abendsonne fällt schräg über die Gleise, und färbt sie in Rot- und Goldtönen.

Ich lasse mich treiben, und der Herzschlag der großen Stadt erscheint mir nicht länger bedrohlich, vielmehr verheißungsvoll.

Bevor mich die Menge durch das steinerne Tor in die Menschenwelt spült, werfe ich einen letzten Blick hinauf in die Bahnhofskuppel. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube dort oben auf dem Querbalken sitzt eine stattliche Eule. Ich stelle mir vor, wie ihre Augen in der Dämmerung glühen, und mir scheint, als hielte sie eine beachtliche Ratte in ihren Fängen.

Nur zu, schreit mein Herz in die Kuppel empor, reiß sie in Stücke!

Und dann atme ich tief durch und lasse mich fallen, mitten hinein in das pulsierende Leben in der großen Stadt.

Read Full Post »

Erinnerung

Das Land bewahrt die Erinnerung.

An Zeiten, in denen es geliebt und geehrt wurde.

An Zeiten, in denen Menschen im zarten Licht des Morgengrauens singend über die ruhenden Felder schritten.

An Zeiten, in denen Dankbarkeit für die Geschenke der Erde tief in den Herzen der Menschen verwurzelt war,

und helle Feuer brannten unter dem schweigsamen Glanz der Sterne.

 

Das Land bewahrt die Erinnerung.

Nun ist es an uns, schweigend zu lauschen, auf das tiefe Raunen der Brunnen, das helle Singen der Quellen,

auf das flüsternde Rascheln der Blätter in der atmenden Stille der Nacht.

Es ist an uns, zu verstehen und erneut zu weben,

um unser Herz  seiner stahlgrauen Kruste aus blindem Glas und Beton zu entledigen,

damit es abermals blutrot und lebendig einstimmt in den Klang des Alten Landes.

Read Full Post »