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Schamanerei

 Diesen Artikel durfte ich kürzlich hier veröffentlichen:                                                                                                                                                                                                                                                                                http://www.mystica.tv

Für die, die ihn dort noch nicht gelesen haben, stelle ich ihn noch einmal in den Blog…viel Spaß beim Lesen!

Das Telefon läutet. Mist! Ich bin mitten im Großputz, am Wochenende steht ein Seminar an. Ich schalte widerwillig den Staubsauger aus, raufe mir die eh schon hoffnungslos  zerzausten Haare und haste zum Telefon. Ich stolpere ungeschickt über den vollen Hundenapf, die kleinen harten Kügelchen aus getrockneten Fleischabfällen kullern durch den frisch gesaugten Flur, ich schaffe es gerade zum letzten Klingeln an das Telefon. Zu spät!
Minuten später meldet sich die Sprachbox. Eine muntere Frauenstimme mit norddeutschem Akzent plaudert mit dem AB. “Schönen Guten Morgen, Katrin Keller hier von XXX. Wir möchten gerne eine Sendung über den ähh…spirituellen Alltag und die …Bräuche einer …ähhh, ja…schamanischen Familie drehen. Wenn Sie mögen, rufen Sie mich doch für ein Gespräch zurück.”

Ich bin baff und setzte mich einen Moment auf die Treppe. Eine Fernsehsendung über eine “schamanische Familie”?? Ja fällt denen denn sonst nichts mehr ein? Ich muss unwillkürlich kichern, bei dem Gedanken an ein Filmteam in unserem “schamanischen Haushalt”. “Sehr geehrte Damen und Herren, hier sehen sie den schamanischen Staubwedel.”

Ich fuchtele theatralisch mit dem Putzlumpen. “In Sekunden befreit er von energetisch unlauteren Geistern und reinigt das Haus von negativen Schwingungen. Und dieser schwarze Hund hier ist mitnichten nur ein Familienhund. Nein, sein Stammbaum geht direkt zurück auf Cerberus, den Wächter der Unterwelt. Wenn wir in unseren geheimen Ritualen dort hinreisen, bewacht er das Tor.” Ich tätschele Balou den Kopf, worauf er eifrig schwanzwedelnd das Futter unter das Schuhregal fegt.

Ich sehe mich um. Was ist das denn, eine schamanische Familie? Und wenn wir das sind, wie leben wir denn?

Ich beschließe, vorerst nicht zurück zu rufen. Erst muss aufgeräumt, Mittag essen gekocht, geputzt werden, und das leider ganz ohne Hilfe schamanischer Gefährten. Also fische ich das verstreute Kinderspielzeug aus dem Hundekörbchen, kehre das Futter zusammen, nehme dem dicken Kater meine Lieblingsräucherfeder aus dem Maul und kratze mich damit Gedanken verloren hinter dem Ohr, versunken in die Frage, was Schamanismus überhaupt bedeutet. Für mich. Für unseren Alltag als Familie.

Das erste Problem taucht ja schon bei dem Begriff “Schamane” auf. Es ist nicht eindeutig geklärt, woher das Wort überhaupt stammt. Diskutiert wird, ob der Begriff aus dem Tungusischen (evenkischen) stammt, “saman”, und im weitesten Sinne “denken, wissen” oder aber auch “mit Hitze und Feuer arbeiten” bedeuten könnte. Andere Theorien besagen, dass dieses Wort ursprünglich auch für die Tungusen ein Fremdwort war und aus dem Sankrit stammt: “Sramana”, was soviel wie “der religiöse Praktiker der Askese” bedeutet (Quelle: Wikipedia, Prof. Dr. Christian Scharfetter). Na gut, es läßt sich offenbar nicht zweifelsfrei nachweisen.

Da ist nun dieses Wort, aber was verstehen wir darunter? Meine Lehrerin Cathérine Conradty hat es einmal so ausgedrückt:”Schamanismus ist in wenigen Worten so wenig zu erklären wie “Liebe”. Ein frisch verliebtes Pärchen hat für “Liebe” eine ebenso andersartige wie auch richtige Beschreibung wie ein Mönch.”

Mein Mann beschreibt den Schamanismus für sich so: “Schmanismus ist die einzige Form der Spiritualität, die ich bisher kennengelernt habe, die vollkommen lebensnah ist. Wenn man sich erst einmal damit beschäftigt, kommt man nicht umhin, alles in diesem Licht zu sehen. Der Schamanismus ist dann im Leben so real wie der Stein, der vor mir liegt. Ich muss an nichts glauben. Ich muss nur hinsehen.”

Hmm, das ist wahr, so empfinde ich das auch, aber es hilft mir noch nicht, dieses Phänomen verständlich zu beschrieben…mein wissenschaftlicher Verstand giert zunächst nach Fakten. Wie beschreibe ich “den Schamanismus” einem Menschen, der nur vage Vorstellungen von wild und ektstatisch trommelnden Gestalten im Federkostüm vor Augen hat? Ich könnte an dieser Stelle weit ausholende geschichtliche Fakten zu Papier bringen, Ethnologen zitieren, Schamanismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen beschreiben, versuchen, Rituale sibirischer oder südamerikanischer Schamanen zu beschreiben, mich auf den Core Schamanismus von Michael Harner berufen und würde mich doch immer weiter davon entfernen, was Schamanismus für mich bedeutet.

Also hier nur ein winziger Auszug aus den “Fakten”, ganz minimalistisch (wer mehr “lesen” will, findet z. B. hier Infos: http://www.schamanismus-information.de/schamanismus/zeuge_alter_kultur.htm):
• Das Schamanentum ist wohl die älteste uns bekannte Form der Spiritualität. Erste Zeugnisse finden wir in den Steinzeithöhlen- vor etwa 20 000 Jahren geschaffen.
•  Im Schamanentum wird von einer Beseeltheit der ganzen Natur ausgegangen. Stein, Pflanze, Tier- alles ist beseelt, lebendig, und miteinander verbunden.
•  Das Schamanentum befasst sich mit dem Wissen über die verborgenen Kräfte der Schöpfung und Jahrtausende lang wirkten Schamanen als Heiler, Wahrsager, Weise und Künstler, in machen Naturvölkern ist dies auch heute noch der Fall.
•  Wichtige Grundvoraussetzung für die schamanische Arbeit ist die Trance. Mit ihrer Hilfe gelangt der Schamanisierende in einen anderen “Bewusstseinszustand”. Wissenschaftlich darstellen lässt sich dieser veränderte Zustand des Gehirns über das EEG, das eine Änderung der Hirnwellen aufweist. Grob verallgemeinert lässt sich dazu sagen: Eine “schamanische” Trance, die häufig durch akustische, monotone Reize und bestimmte Körperhaltungen hervorgerufen wird, beeinflusst das Wellenmuster der Gehirnströme. Es treten verstärkt Thetawellen auf, die wir im Alltag aus dem “Hinübergleiten in den Schlaf” kennen. Empfehlenswerte Info zu dieser Thematik findet sich hier:http://lexikon.mystica.com.de/trance/.

So, das ist ja nun alles schön und gut, ich hab ein paar Infos darüber geliefert, wie Menschen sich einlesen und verlieren können, ohne dabei auch nur das geringste vom Wesen des Schamanentums zu verstehen. Denn Schamanismus ist vor allem eines: “Erfahrene”, erlebte Spiritualität. Kein Glaubenssystem, keine Religion. Alles, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, hab ich am eigenen Leib erfahren. Klar, als wissenschaftlich geprägter (verdorbener?) Kopfmensch hab ich auch viel gelesen, das meiste davon hat mich auf meinem Wege doch deutlich behindert.

Aber wie kann man nun Schamanimus erfahren? Man will aber natürlich nur “authentische” Erfahrungen machen, und keinesfalls auf der Neoschamanismus-Esowelle mitschwimmen. Bleibt also nur: In die USA oder die Mongolei fliegen, und darauf hoffen, einem “echten” Schamanen zu begegnen, der dann auch noch die Gnade hat, einen zu unterrichten? Das ist keine Möglichkeit für den Normalsterblichen.

Also doch hier? In Deutschland? Wie findet man da zu schamanischen Erfahrungen? Und warum, höre ich immer wieder, warum muss das denn überhaupt sein? Was ist der Kick dabei? Was bringt Dir das? Diese Fragen beschäftigen mich beim Stall ausmisten, sie quälen mich unter der Dusche, sie hindern mich daran, einzuschlafen. Und weil ich nichts anderes zu bieten habe außer meiner eigenen Geschichte, muss ich wohl oder übel diese zunächst erzählen.

Im Studium, vor vielen Jahren, wollte mich ein guter Freund dazu überreden, ein Trommelseminar zum Thema “Schamanisches Reisen” zu besuchen. Ich war entsetzt! Als geradlinige Atheistin und angehende Naturwissenschaftlerin wollte ich davon nichts wissen. Ich war geradezu beleidigt, dass er die Frechheit besaß, mich überhaupt so etwas zu fragen. Peinlich berührt lehnte ich ab.

Einige Zeit später bekam ich Schwierigkeiten. Ich studierte noch, war junge Mutter eines Kindes, lebte in einer glücklichen Beziehung, alles schien gut. Aber dann begann ich mich seltsam zu fühlen. Es fing damit an, dass ich auf Parties mit seltsamen Schwindelanfällen zu kämpfen hatte, mitunter wurde ich sogar bewusstlos, und dies ganz ohne jeglichen Einfluss von Drogen oder Alkohol.

Natürlich dachte ich an eine organische Ursache, ließ mich durchchecken – nichts. Und es wurde schlimmer. Ich konnte mich schließlich in keinem Raum mehr aufhalten, in dem sich mehr als 10 Menschen befanden. Ich bekam die Diagnose “generalisierte Angststörung” gestellt, machte eine Therapie gegen Panikattacken, und lernte, mehr schlecht als recht, damit zu leben. Aber das Entsetzen blieb – ich musste mir das eingestehen, wovor ich in der Nachbeschau schon mein ganzes Leben geflohen war: offensichtlich “funktionierte” ich nicht “so gut” wie die meisten anderen Menschen.

Offenbar hatte ich ein übersensibles Nervensystem mit fehlerhaften Filtern. Ich versuchte also, den “Input” herunterzuschrauben, zog mich zurück. Nach und nach tastete ich mich dann doch, zumindest auf intellektueller Ebene, an mein “anders Sein” heran. Bücher über “hochsensible Menschen” erklärten mir einiges. Aber immer noch fand ich keine befriedigende Möglichkeit, um mit mir selbst klar zu kommen. Ich las und las, immer auf der Such nach dem “Warum?” und landete schließlich durch Zufall  bei dem Buch “Die Lehren des Don Juan” von Carlos Castaneda.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination las ich den “Bericht” dieses Ethnologen. Ich fand das Buch nicht mal besonders gut, aber ich las es zu Ende. Und seit dem verschlang ich nahezu alles zum Thema Schamanismus, was mir vor die Füße fiel.

Um dann eben jenen denkwürdigen weiteren Schritt zu tun: Ein Seminar zu besuchen.  Ich warf meine hehren Ansprüche bezüglich traditioneller und “authentischer” Erfahrung  schlichtweg über Bord und surfte ganz schnöde im Internet. Nach einigem Suchen fand ich auch tatsächlich die Homepage einer fränkischen Medizinfrau, die, selbst nach mehrfach kritischem Lesen einfach nicht nach esoterischer Scharlatanerie klingen wollte. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, und meldete mich zu einer Seminarreihe  an (natürlich nur, um mir im Selbstversuch zu beweisen, dass das alles natürlich doch Schwachsinn war).

Das Seminar war überraschend berührend,wunderbar, lustig und zuweilen traurig, aber vor allem eins-bodenständig und lebensnah. Die Leiterin hatte Biologie studiert, und war alles andere als eine rasselschwingende Hexe im Knochenkostüm. Also lernte ich schließlich doch noch schamanisch zu reisen, ich ging in Schwitzhütten, ich glaubte, die Welt zu verstehen, wurde eines besseren belehrt, machte trotzdem weiter-und konnte langsam aber sicher damit aufhören, mit meiner bis dahin verhassten Überempfindsamkeit zu hadern.

Ganz im Gegenteil, zum ersten Mal in meinem Leben war sie mir nun von großem Nutzen. Das Eintauchen in die Welt des Schamanentums mit ihren Ritualen und Tranceerlebnissen war wie ein Erinnern, ein Nach-Hause-Kommen, und ich wurde eine Lernende, eine Schülerin der andersweltlichen Gefährten und Geister. Und dabei bin ich geblieben. Das ist alles….

Und doch. Der Zweifel bleibt, bzw. kehrt immer mal wieder, vor allem im Alltag. Kann man das, hier schamanisch leben? Ist das nicht ein großer Selbstbetrug? Wo leben wir denn? Hier gibt es doch gar keine schamanische Tradition? Wer lehrt mich? Wie kann ich den initiiert werden- und wer bezeugt die Initiation? Strukturen gibt es hier nicht mehr. Und- wer braucht denn in Deutschland schon “Schamanen”?? Ich zweifle immer wieder, aber im selben Maße lerne ich einfach weiter. Ich habe immer noch Angst, aber ich gehe trotzdem weiter. Ich erlebe “Beweise” der Existenz der Spirits, die mich lehren, was mich nicht daran hindert, hin und wieder doch noch zu zweifeln.

Aber langsam, ganz allmählich, zog  das Schamanentum, heimlich sill und leise, in das Alltagsleben meiner Familie ein. Die Sicht, der Blick auf das Leben änderte sich, behutsam, unspektakulär, ganz selbstverständlich. Unsere Kinder wachsen damit auf.
Es ist ihnen heute ganz vertraut, dass die Trommel als “Reisepferd” im Wohnzimmer liegt, oder auch, dass gestorbene Tiere, wie z. B. das alte Pferd der Nachbarin, manchmal als Trommel “wiedergeboren” werden.

Wer sich eine Erkältung zugezogen hat, wird erst mal geräuchert .
Wir werfen unter Umständen das Orakel, wenn uns etwas unklar ist.
Wir sind viel draußen, an besonderen Plätzen, sammeln Federn, Steine, Knochen, Kräuter und erzählen Geschichten darüber…wir machen Feuer im Garten, wenn wichtige Entscheidungen anstehen, wir feiern den Lauf der Jahreszeiten, und es kann vorkommen, dass ich die Krähen im Garten anspreche, oder mein Mann sich in stumme Zwiesprache mit einem Stein versenkt.
Wenn ich merke, es gärt ein Problem in mir, hoffe ich auf die nächste Schwitzhütte.
Unseren Nachbarn mag das Medizinrad wie eine seltsame Form der Gartengestaltung vorkommen, aber es ist in einem langsamen Prozess “gewachsen”, und ich spüre, wie es die Dinge und diesen Ort verändert, auch wenn es in seinem Aufbau keiner uralten, “heiligen”Tradition entspricht.

Für unsere Kinder ist die Gegenwart ihrer Krafttiere real. Ihre “unsichtbaren Freunde” sind Teil unserer Gespräche am Mittagstisch, und ihre Anwesenheit gehört zum Alltag.
So entsteht im Laufe der Jahre etwas “Neues” aus den kläglichen Resten, die wir in Europa noch haben, zusammen mit dem, was ich von anderen Kulturen lernen durfte. Ich habe gewühlt in alten christlichen (katholischen) Bräuchen, und mit diesem speziellen Blickwinkel kommt selbst dort so einiges  durchaus “Schamanisches” zu Tage…

Und ich bin den Lehrern aus anderen Kulturen, in denen der Schamanismus weniger verschüttet ist, sehr dankbar, dass sie ihre Rituale mit uns teilen. Sicher, niemals werden wir dadurch zu “echten” Lakota oder sibirischen Schamanen, das ist klar. Und auch das naturverbundene, in ein Stammessystem eingebundene Leben der “früheren” Schamanen können wir niemals mehr führen. Aber die alten Rituale aus anderen Kulturen schenken uns eine Brücke, mit deren Hilfe wir es vielleicht schaffen, eine Naturspiritualität zu (be)leben, die alltagstauglich und “erdig” ist, anstatt abgehoben und weltfremd.
Und die ihren Platz hat, in genau dieser Welt, an diesem Ort, in Hessen, in Franken oder wo auch immer.

Einer der letzten “echten” Schamanen, der Tuwa-Stammesführer Galsan Tschinag hat dazu kürzlich gesagt: “Es geht darum, das Alte mit dem Neuen zu verbinden, damit es lebendig bleibt. Ich betrachte mich durchaus als modernen Schamanen. Und ich finde es ungemein praktisch, wenn ich mir bei einem Patienten unsicher bin, und dann mit dem Handy meine Kollegin anrufen kann, damit sie ebenfalls ihre Orakelsteine wirft, und ihre Geister dazu befragen kann.” Außerdem arbeitet er ganz selbstverständlich mit Schulmedizinern und anderen Therapeuten zusammen, denn: “Man muss ja alles tun, um dem Menschen zu helfen.” Warum fällt diese Sicht der Dinge den Menschen hierzulande so schwer?

Aber ich schweife ab. Was werden die Damen und Herren vom Fernsehen wohl sehen, wenn sie hierherkommen? Ein altes, windschiefes Bauernhaus, eine für deutsche Verhältnisse große Familie, viele Tiere (und ich hoffe inständig, der schwarze Höllenhund schlägt sie nicht sofort in die Flucht, und Katzenallergie darf auch keiner haben), einen eklatanten Mangel an Medienspielzeugen (den Fernseher werden sie vergeblich suchen), ein paar Knochen und Federn, ein wenig Räucher- und Stallduft, und Menschen in Jeans und Pulli mit einem Faible für Biolandwirtschaft, naturnahe Lebensweise und einer guten Portion lebensrettenden Galgenhumors.

Nach zwei Wochen reiflicher Überlegung, schlaflosen Nächten und Auseinandersetzung mit dem “Unwort Schamanismus” greife ich zum Telefon, um die muntere Fernsehdame anzurufen. Ich fühle mich jetzt halbwegs bereit, meine Sicht der Dinge, wenn schon nicht zu erklären, dann immerhin zu beschreiben. Ein freundlicher Herr meldet sich. “Ähhem, ja ich hätte gern die Frau Keller gesprochen, es geht um die Sendung über die schamanischen Familie…” Iritiertes Schweigen….ich sehe ihn vor mir, jung,modisch gekleidet, der aufstrebende Medienwissenschaftler. Er denkt: “Oh nein, wieder so eine Irre, die unbedingt ins Fernsehen will..”. Ein vorsichtiges Räuspern. “Kleinen Moment bitte,” sagt er unverbindlich, und die nächsten Minuten lausche ich sphärischen Klängen. Dann: “Hören Sie? Frau Keller ist, ähm, momentan zwangsbe…., äh, im Urlaub. Ihre Projekte sind bis auf weiteres auf Eis gelegt. Aber wir haben ja ihre Daten, und herzlichen Dank auch für ihre Mühen.” Klack. Aufgelegt. Da stehe ich nun…hilflos schwankend zwischen purer Erleichterung und widerwilliger Enttäuschung.

Und dann höre ich ein leises Lachen. Es quillt aus allen Ecken und Ritzen unseres “schamanischen Haushaltes” und hüpft und perlt  durch den unaufgeräumten Flur wie  Staubkörnchen in der Morgensonne. Ich kann die Geister, die Spirits förmlich sehen, die “keltischen”, die indianischen, die mongolischen, ja, und die aus unserem Garten, wie sie hemmungslos kichern, und gestikulieren und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, geradezu kindlich begeistert über den gelungenen Streich, den sie mir gespielt haben.
Und die alte Weise Großmutter sitzt schweigend in der Ecke, schmaucht gemächlich ihre lange Pfeife und nickt mir anerkennend zu.

“Na also,” scheint sie zusagen, “jetzt bist Du endgültig auch eine von den Verrückten.”

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NetzWerk

Was wäre, wenn wir es tatsächlich weben könnten….
ein Netz, so filigran und zart wie Spinnweben an einem Nebelmorgen,
ein Netz so stark und sicher wie die Taue eines Ozeandampfers,
ein Netz so real wie das Klopfen Deines Herzens.

Eines mit Menschen aus Fleisch und Blut, nicht virtuell, sondern greifbar.
Mit Menschen, die Seite an Seite gehen.
Menschen, die gemeinsam lachen, streiten, weinen und teilen.
Menschen, die sich fragen, wofür es sich zu leben lohnt und die die Antwort in einem einzigen Sonnenaufgang finden können.

Menschen, die bereit sind, innezuhalten und zu fragen:
Wie kommen die Farben in die Blumen?
Wie schmeckt ein Mondstrahl?
Was flüstern die Steine?

Menschen, die bereit sind zuzuhören, dem Wind, den Sternen und Dir.
Menschen,  die bereit sind, jeden Tag neu zu beginnen,                                                                                                                                                             und die sich in Deinen Tränen und in Deinem Lachen wiederfinden.

Ich kann nicht aufhören, diesen Traum zu träumen.
Ich kann nicht aufhören, an die Möglichkeit zu glauben.
Ich kann nicht aufhören, diese Menschen zu suchen.
All diesen Augen und Herzen stelle ich dieselbe Frage.

Welches Netz webst Du?

Und dann fahre ich fort.

Behutsam spinne ich Silberfäden, aus Mondlicht und Leidenschaft,

aus dem Raunen der Brunnen und der stillen Tiefe eines schwarzen Weihers.
Und dann rufe ich zu den Wolken, zum Nachthimmel, zum Feuer der Sonne.

Dich. Jetzt.
Herbei in das Netz der erwachten Träumer.

NetzWerk

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Tate, der Wind

Schon am frühen Morgen höre ich, wie er ungestüm um das alte Haus tobt, an den klapprigen Dachrinnen rüttelt und mit der Scheunentür schlägt. Ich bin ärgerlich, wenn er bloß nicht noch mehr Schindeln aus der Fassade stiehlt!

Als ich die Pferde füttern will, bläst er mir frech den Hut vom Kopf, um mir dann für einen Moment den Atem zu rauben, gerade als ich anhebe, ihn gehörig  aus zu schimpfen. Ich kann nicht umhin, seine unbeschwerte Dreistigkeit zu bewundern. Und er ist gar nicht kalt, wie erwartet, sondern  beinahe frühlingsmild, das Thermomether zeigt stolze 12 ° C.

Das hier ist kein gewöhnlicher Wind, stelle ich fest. Es ist wohl der Alte Tate, der hier ums Haus bläst, Tate, der Wind der die Veränderung mit sich trägt, unerwartet, schnell und zuweilen gewalttätig. Mir wird ein bißchen flau. Was willst Du? rufe ich hinauf zu den fliehenden Wolken. Du hast mich doch gerufen, ich komme stets, wenn man mich ruft….aber dann, wenn ich es will….er tanzt hinauf zu den kahlen Espen und schüttelt ihre schwarzen Zweige, schlägt Kapriolen und scheucht die Wolken aus dem Anlitz der Sonne.

Goldene Strahlen legen ein Leuchten über den tristen Herbstgarten, das letzte bißchen Unkraut schimmert noch einmal in fast vergessenem Sommergrün. Mir klopft das Herz bis zum Halse, so leicht verschenkt man keine Gewohnheiten, und mögen sie auch noch so staubig grau geworden sein…

Komm mit, tanz mit mir, ruft er. Ich fliehe ins Haus, genug zu tun, genug Arbeit, um mich mit guten Gewissen zu verstecken. Aber es ist Tate, und Tate passt durch jedes Schlüsselloch, durch jede Fuge und Ritze, und davon haben wir zuhauf.

Tate kommt, wenn man ihn gerufen hat, und er nimmt, was er sich vorgenommen hat zu nehmen.

Am Nachmittag beuge ich mich seinem Willen, zu laut sein verlockender Ruf. Wir gehen gemeinsam mit Kindern und Hunden auf den Berg, um etwas zu tun, was längst vergessen und vergraben war in fernen Kindheitserinnerungen, etwas, das heutzutage aus der Mode geraten zu sein scheint.

Wir gehen auf den kleinen Hügel, draußen, gleich hinter dem Dorf, um die Drachen tanzen zu lassen.

Oben auf der Anhöhe ist Tate ganz in seinem Element, er braust und tobt, er schreit und lacht, und wir mit ihm. Unser kleiner, morscher Drache, mühsam zusammengeflickt und improvisiert wirft sich knatternd in die Lüfte, verjüngt sich zusehens, tanzt und dreht sich begierig, im wechselnden Spiel aus Licht und Schatten, dass die eilenden Wolken auf den Hügel zaubern.

Die Kinder jauchzen und rennen, mit roten Wangen und blitzenden Augen, vergessen sind die Streitigkeiten, der schmerzende Hals und die quälenden Hausaufgaben. Die Hunde hetzen mit fliegenden Ohren über die gepflügten Felder, ich kann sie lachen sehen, als sie sich gegenseitig jagen.

Hier ist Tate, und er spielt mit uns, wild und weise, und ich juble in den Wind, die Drachenschnurr sirrt.

Ich bin wieder 10 Jahre alt, das Herz angefüllt mit dem wilden Spaß am Fliegen, ich bin mit dem tapferen Drachen dort oben und Tate nutzt die Gunst der Stunde und fegt hinaus, was ihm nutzlos erscheint, darunter Gedanken an Steuererklärungen, Baustellensorgen, und die leidige Frage nach dem Morgen.

Für einen einzigen, wundervollen, endlosen, zauberhaften Nachmittag sind wir frei, in seidiges Herbstlicht getaucht, das selbst die Schatten lebendig und fröhlich macht, bis sich Mond und Sonne gegenüberstehen, und wir den Heimweg antreten, frisch und sauber und erfüllt mit einer Erfahrung, so kostbar wie ein funkelnder Bergkristall im Morgenlicht.

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Donnervogel

Es ist der Tag nach der Schwitzhütte. Alles ist leicht und still, die Welt noch seltsam fern. Nichts zu spüren von der üblichen Betriebsamkeit im Camp.
Wir trödeln in den Tag hinein, selbstvergessen, die Kinder plantschen im silbrig glitzernden Flüßchen, die Sonne brennt schon früh heiß und gleißend.

Am spätem Vormittag dann werde ich mit einem Mal unruhig, erwache unwillig aus meiner dahin plätschernden Trägheit.

Die Hütte scheint zu rufen, sanft, aber hartnäckig. Mit den Kindern zusammen schlendere ich zum Platz hinüber. Über der Hütte flirrt die Luft bereits, aus der Feuerstelle steigen immer noch winzige Rauchfäden auf.

Eher beiläufig werfe ich die Decke über dem Eingang der Hütte zurück, noch halb in einem Gespäch mit den Kindern.

Heißer Dampf schlägt mir entgegen, als sei eben noch eine Kelle Wasser auf glühende Steine gegossen worden, die Gegenwart der Alten trifft mich wie ein Schlag.

Instinktiv weiche ich zur Seite aus und mache ehrfürchtig und ein wenig erschrocken den Eingang frei.

Helena, die bis eben noch selbsvergessen Jagd auf Grashüpfer gemacht hat, läuft zu mir, nimmt meine Hand und späht vorwitzig in die Hütte. Dann verkündet sie lauthals und begeistert: „Oh, Huhn kommt raus!“ und macht schnell Platz,um dann kichernd und glucksend immer wieder mit den Händchen in die Hütte zeigend, auf und ab zu hopsen. „Großes Huhn! Kommt raus!“

HUHN KOMMT RAUS??

Meine ehrfürchtige Stille zerplatzt völlig würdelos, und macht einem gewaltigen, unaufhaltsamen Kichern Platz. Ich kann gar nicht anders, ich lache und pruste und schnappe mir meine kleine Tochter und wirbele sie um mich herum im Kreis, bis wir beide, sie kreischend, und ich  atemlos, ins Gras plumpsen.

Ich blicke in den kornblumenblauen Himmel, warte darauf, dass die Welt sich zu drehen aufhört und bin glücklich über meine Tochter, die sich so unbändig freut, Wakinyan zu sehen, den Großen Donnervogel, der ihr wohlwollend mit seinen scharfen Adleraugen zuzwinkert,  noch einmal mit einem überdimensionierten Hühnerflügel winkt, und schließlich  in der flirrenden Hitze mit der Weite des Himmels verschmilzt…

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Kreistanz

„In eurem Garten stimmt was nicht“, sagt der Mann mit der Winkelrute.

Ja, sicher, die Ecke oben an der Straße ist ziemlich verwahrlost, dort wachsen nur ein paar zerzauste, verdrehte Pflaumenbäumchen mit spitzen kleinen Ästchen, die sich zu gerne in den Kinderhaaren verfangen. Ja, auch jede Menge Brennesseln sind da und natürlich die allgegenwärtigen Basaltbrocken, ausgespuckt vom Großen Vulkan.

Aber sonst?

„Da oben wirbelt was, tief in der Erde“, sagt der Mann,“ da brauch ich gar nicht erst zu gehen, das seh ich schon!“

„Ganz schlimm, wirklich sehr stark“, sagt er, nachdem er doch gelaufen ist, „überhaupt der schlimmstmögliche Fall! Da sitzt eine Erdverwerfung. Ja, und groß ist sie. Riskant, ja, gefährlich!“

Was, um alles in der Welt mag das sein?

Mein beschränktes geologisches Wissen erzeugt das Bild einer Horde unter Tage arbeitender Zwerge, mit verkniffenen, boshaften Gesichtchen, die sich gegenseitig Vogelsberger Vulkangestein an den Kopf werfen und dabei unflätige Flüche zischen…

Ich schüttle den Gedanken ab und versuche dem Mann zu folgen, der gerade so etwas sagt wie: Gamma-Strahlen, ganz heimtückisch, kein Wunder, dass die Tiere verrückt spielen, um dann sorgenvoll  vor sich hin murmelnd weiter unseren Garten abzuschreiten.

Meine Konzentration hingegen wird abgelenkt durch die Nachbarin, die sich möglichst unauffällig immer tiefer in ihre Fosythien zwängt, um einen noch besseren Blick auf die seltsamen Vorgänge in unserem Garten zu erhaschen. Ich grüße höflich, sie winkt mit ihrer Alibiheckenschere.

Soweit also die Diagnose. Und ich kann nicht umhin, daß mich seit dem stets ein mulmiges, kaltes Gefühl beschleicht, wenn ich die „armen, sterbenden Bäume“ sehe, wie sie verkrüppelt und verdreht versuchen „der Erdstrahlung“ zu entfliehen…

Aber: Entstören kann man da nix, sagt der Mann und nickt schicksalsschwer, auf jeden Fall meiden..oder noch besser UMZIEHEN?

Da ist es, das böse Wort, das wir aus unserem Wortschatz streichen wollten, das allergische Hautausschläge hervorruft und hysterischen Schluckauf.  Alles rebelliert sofort auf Hochtouren! Niemals!

Wir beraten. Wir grübeln. Wir hadern und jammern.

Ich frage das Kleine Volk im Garten um Rat. Ich frage Google, Tante Wiki, Geomantenforen….ich warte.

Und allmählich formt es sich, ein Bild nimmt Gestalt an, drängt sich aus den Tiefen der Anderswelt in mein Herz, in meinen Verstand, und von dort aus auf´s Papier und hoffentlich auch bald aus Gutem, solidem Basaltgestein in unseren Garten..

….ein Kreis, ein Kreis aus Steinen, ein Kreis der Himmelrichtungen und Elemente, das Jahresrad, ein Medizinrad!

Und dann wollen wir mal sehen, ob die griesgrämigen Zwerge nicht vielleicht viel lieber übermütig im Mondschein tanzen, sich gegenseitig wunderhübsche Ketten aus Schneckenhäuschen schenken, oder sich mit roten Apfelbäckchen  an den überreifen Pflaumen laben…

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