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Archive for Januar 2019

Noch ist es ein Schatten, ein vages, ungeformtes Ding ohne Namen, geweckt von den Geistern der Rauhnächte.

Eine unverständlich murmelnde Stimme, die jenseits meines Bewusstseins dahinplätschert, gleichförmig wie Wasser im Nebel.

Immer, wenn ich mich umdrehe nach dieser Schattengestalt, verschwimmt sie mit dem Hintergrund und ich habe das Gefühl, blind zu sein, unfähig zu sehen, was dort auf mich wartet hinter dem Gestrüpp aus verdorrten Rosenbüschen.

Ich weiß, da sind Pferde. Ich weiß, da sind verblasste Träume aus einem fernen, scheinbar lange vergangenen Leben.

Ich weiß, da sind Stimmen, aber ich kann sie nicht herausfiltern, das Alltagsgeschrei, die Rufe des Pflichtbewusstseins, die Stimme der Vernunft, die Ermahnungen zur Effiziens und Wirtschaftlichkeit, sie alle sind viel zu laut.

Und die Zeit. Ja die Zeit. Ihr Ticken übertönt alles, gibt den Takt vor, belehrt mich über die Vergänglichkeit von Träumen und Chancen, erklärt mir, dass ich alt werde, tick, tack, wieder ein Jahr vorbei, wieder 100 graue Haare mehr, ja versteck sie nur in Deinen Dreads, es wird dir nichts nützen.

Wie kann ich da hören? Wie kann ich hoffen zu sehen? Wenn doch mein Blick getrübt ist von Zahlen, die rot blinken, die mich warnen, dass das Heu für die Pferde zu teuer, meine Arbeit zu billig, die Menschen, die den Weg zu mir finden zu wenig sind?

Ich strecke die Hand aus, schließe die Augen, stecke mir wintergedörrte Hagebutten aus den dornigen Rosenbüschen in die Ohren, wickle meinen Schal um den Kopf und bete um Stille. Die Zeit kichert und tickt.

Seid still! Seid STILL! SEID STILL!! Mein Zorn verhallt.

Ich lausche. Ich atme….atme die Stille ein. Atme sie aus. Immer und immer wieder, bis alles verstummt, alles bis auf ein seltsames Blau, das leise gleist und schimmert.

Ich öffne die Augen und betrete einen marmorhellen Raum in meinem Herzen. Er hat hohe Kuppeln und kunstvolle Säulen aus einem fremdartigen Gestein mit seidiger Oberfläche. Nichts dringt bis dorthin vor. Selbst die Zeit steht still, hält endlich still, verschont mich mit ihrem nervtötenden Ticken, hält den Atem an.

Ich wandere vorbei an steinernen Pferdestatuen, an fein gearbeiteten Bäumen mit Blättern aus Silber, immer weiter, bis ich am Ende des Raumes ein Tor ausmachen kann, auf dessen riesigen Türflügeln ein Pferd und ein Drache prangen, golden und silbern. Als ich nur noch wenige Schritte entfernt bin, schwingt das Tor lautlos auf und gibt den Blick frei auf eine grüngoldene Weite.

Das erste, was ich warnehme, ist der Wind, der leische raschelnd das hohe Gras durchwogt, Wellen auf einem grüngoldenen Meer. Darüber der Ruf eines Raubvogels. Stille in Bewegung.

Und dann sehe ich sie.

Ich weiß, dass sie es sind. Ich erkenne die Konturen ihrer gespitzten Ohren, die Köpfe sind mir zugewandt, die weichen Mäuler voller Gras, mit den Mähnen spielt der Wind.

Da bist Du also, scheinen mir ihre Gesichter zu sagen. Kein Erschrecken, kein Erstaunen. Sie senken die Köpfe und widmen sich genüßlich dem Grasen.

Ich lasse mich ins hohe Gras sinken und spüre den Wind und die Sonne und die satte Stille.

Da bin ich also.

Ich muß eingeschlafen sein.

Als ich die Augen öffne, steht die Sonne bereits tief. Direkt neben mir döst eine graue Stute. Als ich mich aufsetzte, öffnet sie die Augen und und prustet mir belustigt ins Haar.

Brauchen Menschen immer so lange? fragt mich die Stimme in meinem Kopf, während die Stute mich unverhohlen neugierig mustert.

Es ist das erste Mal, dass ich die Worte verstehen kann, jetzt, da ich das Geschrei des Alltags für einen Moment losgeworden bin.

Ich überlege, wie das wohl mit dem Antworten funktioniert.

Ich lasse sie für einen Moment mein Menschenalltagsleben sehen.

Sie bläht erschrocken die Nüstern und tänzelt beiseite, dann schüttelt sie sich.

Früher wart Ihr anders, höre ich.

Als Ihr Euch noch erinnern konntet an diesen Ort hier. Als Ihr uns besuchen konntet, wann immer wir Euch riefen.

Jetzt seid Ihr, als hättet Ihr aus verdorbenem Wasser getrunken oder zuviel Sumpfschachtelhalm gefressen. Eure Sinne sind schwach und verwirrt.

Ihr hört schlecht. Ihr seht schlecht. Ihr habt das Schmecken verlernt.

Und doch bin ich jetzt hier, denke ich.

Ja, das bist Du, sagt die Stimme und die Stute beginnt entspannt zu grasen.

Eine Weile sehe ich ihr dabei zu und lausche dem gleichförmigen Mahlen ihrer Kiefer.

Warum habt Ihr mich hergerufen, frage ich.

Die Stute hebt den Kopf und kaut und sieht in die Ferne.

Jemand muss wieder Brücken bauen, sagt sie.

Muss den Weg durch den Sumpf finden. Sich zwischen den Rosendornenranken durchwinden, sich möglicherweise die Finger blutig stechen.

Muss auf dem Zaun sitzen zwischen den Welten. Muss die zwei Sprachen sprechen.

Muss dem einen erzählen, wovon der andere spricht.

Zuviel Schmerz und Verletzungen, zuviel gebrochene Knochen, Herzen und Seelen auf beiden Seiten.

 

Sie senkt den Kopf, rupft, kaut, mahlt und schweigt.

Sie hat alles gesagt.

Ich bin entlassen.

 

Langsam wandere ich über das Grasland, die Herde stört sich nicht daran. Gelassene Blicke, ein kurzes Schnauben, ein kurzes Wegtänzeln, das ist alles.

Langsam versinkt die Sonne über den Hügeln.

Und ich kann wirklich wieder her kommen?

Ich spüre den nachdenklichen Blick der grauen Stute in meinem Nacken.

Wenn Du bereit bist, wieder zu hören? Und zu sehen? Zu schmecken? Zu fühlen?

Zu flüchten, wenn es nötig ist?

Wenn Du aufhören kannst, verdorbenes Wasser zu trinken und giftige Blätter zu fressen?

Das weiß ich nicht. Das weiß ich wirklich nicht. Und ob ich zuhören kann, wenn ich zurück bin in der lauten Welt der Menschen?

Ein Versprechen wäre zuviel.

Also schweige ich, streiche mit den Händen über das tanzende Gras und verabschiede mich von den sanften Sonnenstrahlen. Es ist so wunderschön hier. Die Stille ist so lebendig. Alles so, wie es sein soll. Ich atme soviel davon ein, wie in mein Herz passt.

Die Stute ist langsam wieder herangekommen und bläst mir sanft ihren Atem in den Nacken.

Das genügt mir, sagt die Stimme in meinem Herzen, das ist mehr als genug.

Ich wandere zurück, durch das Tor, das sich lautlos hinter mir schließt, durch den marmorhellen Raum mit den Pferdestatuten, hinaus aus meinem Herzen, zurück in die Welt der Menschen, in den Alltag, in meine laute, verrückte, komplizierte Welt.

Das erste, was ich warnehme, ist der Wind, der leische raschelnd das dürre, winterliche Gras durchwogt, Wellen auf einem grauen Meer. Darüber der Ruf eines Rabens. Stille in Bewegung.

Und dann sehe ich sie.

Ich erkenne die vertrauten Konturen ihrer gespitzten Ohren, die Köpfe sind mir zugewandt, die weichen Mäuler voller Heu, mit den Mähnen spielt der Wind.

Da bist Du also, scheinen mir ihre Gesichter zu sagen. Kein Erschrecken, kein Erstaunen. Sie senken die Köpfe und widmen sich genüßlich ihrem Winterheu.

Ich lasse mich neben meiner Mistkarre ins dürre Gras sinken und spüre den Wind und den Regen und die hoffnungsvolle Stille.

Da bin ich also.

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