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Archive for Januar 2017

Es ist Vollmond. Egon, der Blizzard hat Kurs auf den Vogelsberg genommen, angeblich hat er beeindruckende Schneemassen und Orkanböen im Gepäck. Aber noch ist es ruhig draußen.
Auf dem Holderhof, drinnen im Haus, ist endlich Abendstille eingekehrt, die Kinder schlafen, der Hund schnarcht, die Pferde sind versorgt. Ich könnte also entspannen.
Aber etwas treibt mich um.Ich hab ein solche Unruhe in mir, dass ich unmöglich still sitzen kann.
Nervös zappel ich zwischen alten Liedern hin und her: Life of Agony, Depeche Mode, Tori Amos, Massive Attack….Pumpkins? Nichts passt.
Etwas zieht und zerrt an mir. Rumort. Piesackt mich. Ich will es loswerden, will es in Worte packen, es ausspucken, erledigen, in den Äther schicken.
Mein Kopf produziert platte Phrasen, farbloses Gewäsch, angepasstes BlaBla.
Nichts davon ist hat auch nur annähernd mit dem zu tun, was ich sagen will.
Aber um was geht es?

Also gut. Ich glaube, es geht um Pferde. Genauer gesagt geht es um eines meiner Pferde.
Und es geht um Menschen. Genauer gesagt, in diesem speziellen Fall um mich.
Ja, das Pferd ist schuld, dass ich meine kostbare Schlafenszeit vergeude, rastlos durch das Haus wandere, und auf den Blizzard warte, mitten in der Nacht.
Gestern morgen hat es angefangen. Als der Sturm sich zum ersten Mal vorsichtig ankündigte…

Inmitten wirbelnder Schneeflocken stehe ich zum ersten Mal seit vielen Monaten auf dem Reitplatz. Es stürmt beinahe, aber ich bewege mich nicht. Ich stehe nur da und atme, in aller Ruhe. Kalte, klare Luft. Winterfrische, die wach macht.

Ich weiß, sobald ich mich bewege, ist dieses gute Gefühl vorbei. Dann schmerzt mein verletzter Fuß, und seit gestern macht mir meine Hüfte heftig zu schaffen. Wie soll ich dann aber mit meinem Pferd arbeiten, so unbeweglich und ungeschickt? Wie soll die Freiarbeit mit Ali funktionieren, wenn ich mich bewege wie eine Achtzigjährige? Vielleicht hätte ich besser noch warten sollen. Bis die Schmerzen weg sind. Der Schnee geschmolzen ist. Und es nicht so stürmt…                  

Mein Pferd beobachtet mich. Besser gesagt, Ali starrt mich unverwandt an, während ich meine Überlegungen hin und her wälze. Seine Ohren gespitzt, die Nüstern weit, ist er ganz bei mir. Ungewöhnlich für ihn, der normalerweise überall ist mit seiner Aufmerksamkeit, übersensibel und mißtrauisch, immer mit einem pferdefressenden Monster rechnend, vor allem, wenn es windet.

Ich erwidere seinen Blick, und seltsamerweise kommt es mir vor, als sähe ich ihn nach langer Zeit zum ersten Mal. Er scheint viel wirklicher, viel fester, viel präsenter zu sein. Als seien seine Umriss schärfer, seine Farben lebendiger geworden. Mir fallen die einzelnen schwarzen Haare in seiner sonst blonden Mähne auf, was ihn aussehen lässt, als hätte er distinguiert ergraute Strähnchen. Und sein langer Kopf mit der grauen Tapirnase. Der Winterplüsch, unter dem so viel explosive Kraft steckt.

Der Wind nimmt zu. Üblicherweise kann es Ali kaum erwarten, buckelnd und quietschend mit dem Wind um die Wette zu toben, und seine Geduld, bis ich ihm das in der Freiarbeit erlaube, hält sich normalerweise in Grenzen. Und jetzt? Steht er immer noch da, und sieht mich an, atmet gelassen ein und aus. Und strahlt eine für ihn so untypischen Sanftmut aus, dass es mich unvermittelt bis ins Mark trifft.

In Gedanken hatte ich ihn und die anderen beiden in den letzten Monaten schon tausendmal verkauft. In Gedanken wollte ich nie mehr mit Pferden arbeiten. Keine Reittherapeuthin mehr sein. Kein einziges Pferd mehr ausbilden. Keine Schüler mehr haben. Nicht mal mehr reiten. Am liebsten das Kapitel „Pferde“ gänzlich aus meinem Leben streichen.

Und jetzt wischt Ali all diese zornigen, bitteren, vermeintlichen Entschlüsse mit einem weichen Wimpernschlag und einem sanften Senken seines Kopfes achtlos beiseite. Er sagt: „Ich bin Hier. Und Du bist hier. Worauf wartest Du noch?“

Ich richte mich auf, nur ein wenig, ein winziger Fingerzeig und Ali setzt sich in Bewegung, ganz gelassen und ohne Hektik. Der Schnee stiebt von der eingeschneiten Schwitzhütte auf den Reitplatz, hüllt Ali für einen Moment in eine Wolke aus funkelndem Sternenstaub.

Der Sturm nimmt allmählich Fahrt auf, zaust und rüttelt an den Bäumen, aber mir scheint, als seien Ali und ich in eine behutsame Stille gehüllt, in der es nur uns beide gibt und das Schlagen unserer Herzen. Meine Gesten sind so klein, meine Füße bewegen sich so wenig, dass mir nichts wehtut. Ali scheint durch das Schneegestöber zu schweben. Antraben, Handwechsel, Übergänge. Stehen bleiben, rückwärts richten. Alles gelingt mühelos, es ist wie ein Tanz, ein Spiel.

Und ich kann nicht anders, die kindliche, wohlvertraute Begeisterung für diese Geschöpfe packt mich abermals mit Haut uns Haaren, und schon bin ich ihrer Schönheit verfallen, kann wieder spüren, was mich all die Jahre dazu gebracht hat, mit ihnen leben und arbeiten zu wollen und ihnen soviel Zeit und Geld und Kraft zu widmen.

Diese wenigen, kostbaren Minuten im Schneesturm mit meinem sonst so mißtrauischen und schreckhaftem Pferd erschüttern meine Welt, wieder einmal.

Als unser Tanz zuende ist, meine Füße eisig, die Lippen taub, wendet sich Ali mir zu und wir stehen noch einen Moment beisammen, bis mich die peitschenden Schneeflocken vertreiben. Ich bedanke mich bei ihm, und als ins Haus gehe merke ich, dass ich kaum noch Schmerzen habe.

Damit also hat sie angefangen, diese Unruhe, dieses Gefühl der Rastlosigkeit, das mir heute nacht den Schlaf raubt. Und allmählich, während ich aus dem Fenster blicke, und mich in den taumelnden Schneeflocken verliere, ahne ich, was mich umtreibt.

Ali hat mir an diesem Morgen eine Frage gestellt. In seinem konzentrierten, unverwandtem Blick lag eine Frage und jetzt, während ich in dieser Vollmondnacht auf Egon, den Blizzard warte, nimmt sie allmählich Gestalt an. Ich sehe Alis dunkle, große Augen wieder, sehe mich ihm gegenüber, vor unserem Tanz, müde, zweifelnd. Und er sagt: „Traust Du Dich? Wagst Du den nächsten Schritt, ohne Deine Masken? Bist Du bereit für die nächste Lektion?“

Das seltsam grausilberne Licht dieser Vollmondnacht scheint durch das Fenster hereinzudringen  und unser Wohnzimmer zu fluten. Es ist unglaublich still, Egon lässt sich Zeit.

Ich sinne nach, über Ali. Ich weiß, er ist ein kompromissloser Lehrer und trotz der drei gemeinsamen Jahre hab ich mich bisher ganz gut vor seinen Lektionen versteckt, hab andere gelehrt, mit anderen Pferden gearbeitet, bin ihm aus dem Weg gegangen.

Aber vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Vielleicht hab ich jetzt den Mut. Und den brauche ich, denn die Lektion, die Ali lehrt, ist schwierig für mich.

Er fragt: Bist Du bereit zu vertrauen?

alischnee1

 

                                                                                                                        

 

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