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Archive for Dezember 2016

Das Leben hat mich gepackt,
in diesem Jahr,
mich mit scharfen Krallen herausgerissen
aus meiner watteweichen Sicherheit,
meiner Wohlstands-so-muss-es-sein-Welt.

Es hat mich über Winterwälder getragen
hinauf in die Kälte des Alls.
Dort, wo alles zu Eis erstarrt,
bewegungslos wird,
werfe ich einen Blick
auf meine fremd gewordene Welt,
bis sie kleiner und kleiner wird,
schließlich meinen Blicken entschwindet.

Und es trägt mich weiter, rücksichtslos,
in rasender Gechwindigkeit,
bricht meinen Willen, vernichtet meine Vorstellungen
davon, wie Leben sein sollte.

Es schüttelt mich,
pickt mit seinem eisenharten Raubtierschnabel
an meinem Herzen,
frißt ungerührt Träume,
die schönen wie die grauenvollen,
labt sich an Tränen des Leids und der Freude gleichermaßen
und trägt mich unterdessen weiter und weiter
fort.

Irgendwo hoch oben
im Gebirge längst vergessener Welten schließlich
wirft es mich nieder, achlos, beiläufig.
Mein Körper zerschmettert.
Der Geist verirrt sich im Nebel.
Das Herz hält den Atem an.
Die Seele auf dem Sprung.

Nur ein Atemzug noch. Nur einer noch.
Das Leben hat mich ausgespuckt.
Es hat mich verraten.
Es hat mich entführt.
Es hat mich zerfetzt.
Ich bin auf dem Sprung.

Nur ein Herzschlag noch. Nur einer noch.
Ich warte auf die Stille.
Ich sehne mich nach dem Licht.
Ich bin es leid.
Des Leidens so müde.
Bin nicht gut im Ertragen und Erdulden.
Also worauf wartest Du, Leben?
Siehst Du nicht, wie Du mich zugerichtet hast?
Gib mir den Rest!

Dunkelheit statt Licht.
Warme Leere anstelle der Stille.
Mein Atem streicht über meine geballten Fäuste,
das stete Pochen meines Herzens hallt
wie Donner in meinen Ohren.

Tja, sagt mein Körper, das tut zwar weh,
aber so leicht stirbt es sich nun mal nicht
am Leid des Welt, und schon gar nicht an Deinem Kleinen.
Tut mir wirklich leid, sagt mein Geist,
ich denke, also bin ich, Du weißt schon.
Aua, sagt mein Herz, da ist ein Loch in meiner Mitte.
Uups, sagt die Seele, so schmerzhaft fühlt sich das also an.
Willkommen Demut.

Also richte ich mich auf, zerschunden und müde
und mein Blich schweift über Berge und Schluchten.
Ich liege hoch oben in einem Nest
aus hellen Birkenreisern,
eine Art Schale,
schwankend in der Krone eines unermeßlich hohen Baumes.

Und über mir- der schräge Riesenvogel Leben,
der mich beäugt, mich schief gelegtem Kopf,
und scharfem Blick.

Du wirst wohl oder übel erst mal hierbleiben,
sagt der Vogel,
ich werde Dich füttern müssen,
ausgehungert wie Du bist.
So kannst Du ja nicht fliegen, kleine Seele,
und wir wollen ja nicht, dass du vom Rand Deiner Welt stürzt,
nicht wahr?

Uns so schlucke ich gehorsam
was der Vogel von seinen Beutezügen nach Haus trägt.
Ich schmecke das Farbspiel zahlloser Sonnenaufgänge,
koste den Tau, gesammelt von silbernen Spinnweben,
lasse mich füttern mit Bildern
von wilden Felsküsten uns Frühjahrsbirken,
mit Geräuschen aus Kinderlachen und dem hellen Wiehern glücklicher Pferde,
und den Worten meines Liebsten.
Ich verschlinge gierig mundgerechte Häppchen,
zubereitet aus Glück, Leidenschaft, Neugier,
Wissendurst und Liebe, noch eines und noch eines,
bis der schreckliche Hunger in mir schließlich milder wird.

Das schwarze Loch in meiner Mitte schrumpft.
Die Kälte schwindet,
in selbem Maße,
wie mein Herz allmählich gesundet.

Und dann, im hellen Morgenlicht,
packt mich das Leben,
trägt mich abermals hinauf,
dieses Mal der Sonne entgegen,
ikarusgleich.

Es ist hell, gleißend und heiß, so heiß.
Doch bevor die Schwingen des Vogels Feuer fangen
und die dünne Luft meine Lungen zerschneidet,
öffnet der Vogel seine Klauen,
beinahe zögernd, behutsam,
und ich falle.

Falle der Erde entgegen,
schneller und schneller,
bis
ich spüre
wie meine Glieder sich strecken,
mein Herz sich weitet,
meine Seele einen Funken entfacht,
und dann

breite ich meine Flügel aus,
fange den Sturz ab,
gleite und tanze,
den freundlichen Wind unter den Schwingen,
über mir die Morgensonne und
in meinen Ohren
gellt der adlergleiche Ruf des Lebens.

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