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Archive for Juli 2015

Was soll ich nur tun?

Wenn sie nun nicht zu bannen sind, meine hartnäckigen Träume?

Heimlich sind sie zurückgekehrt, haben sich Zugang verschafft,

sind durch meine sorgsam errichteten Mauern gedrungen, eines Nachts,

als ich mich längst sicher vor ihnen wähnte.

 

Allen Realitäten zum Trotz sind sie am Leben,

erschöpft und ausgemergelt zwar,

aber doch am Leben, das ist nicht zu leugnen.

 

Jetzt lungern sie in meinen Wohnzimmer herum,

spähen in meinen Kühlschrank, ob ich nicht doch etwas Nahrhaftes für sie hätte,

sehen mich mit hungrigen Augen an, als erwarteten sie der Vergangenheit zum Trotz ein herzliches Willkommen.

 

Was soll ich tun?

Ich frage mich, wie sie den Weg zurück finden konnten.

So gut durchdacht war mein Plan, so weit fort hatte ich sie gebracht, durch den Nebel, über steinige Wege, über Berge und Wälder, so weit fort wie irgend möglich.

 

Schlafend hatte ich sie fortgebracht, ausgesetzt wie Hänsel und Gretel, sie fraßen mich auf, sie raubten mir mein karges Brot, da musste ich sie fortbringen, das verstehst Du doch sicher.

 

Ich wähnte mich in Sicherheit, ich baute mir eine steinerne Burg, ich verschanzte mich, ich tat so, als sei ich immer noch am Leben.

 

Jetzt sitzen sie hier, wie Kinder, die erwarten, dass man sie lobt, weil sie eine schwierige Aufgabe gemeistert haben.

Ich sehe sie an, dünn sind sie geworden, sie sind in graue Lumpen gekleidet, sie unterhalten sich flüsternd. Wenn ich den Raum betrete schweigen sie.

 

Was soll ich tun? Sie wieder fort schicken?

Ich muss gestehen, mein Leben ist nicht besser geworden, nachdem sie fort waren. Sicher, eine Zeitlangs schien es mir, als bliebe etwas mehr  für mich. Aber dieses mehr schmeckt schal und fade, und es macht nicht satt. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich ein graues müdes Gesicht und leere Augen. Bin ich das?

 

Na ja, aber was soll man machen? Ich bin zumindest am Leben geblieben, es geht ja immer irgendwie weiter, aber ich hab vergessen, wozu.Ich beobachte sie verstohlen. Sie haben nichts von ihrer Anmut verloren. Noch immer kann ich mich an ihnen nicht satt sehen, an ihren zarten Gesichtern, ihren blitzenden Augen, an ihren kraftvollen Bewegungen. Sie sind noch immer so unglaublich…..lebendig.

 

Wenn sie glauben, ich hörte sie nicht, kichern sie und necken sich, ihre hellen Stimmen wie silberne Glöckchen.Unter all dem Schmutz und den Lumpen scheinen sie immer noch zu leuchten, und ich kann es immer noch sehen, diesen Funken, dieses Glimmen, dieses Feuer.

 

Ich ahne, fürchte, weiß: ich bin ihnen immer noch verfallen. Ich kann meinen Blick kaum von ihnen wenden, ich fürchte und sehne mich nach ihrer Gesellschaft, nach ihrem munteren Geplapper, nach ihren verrückten Ideen, die mich so manches Mal nachts wach hielten.

 

Was soll ich tun?

Ich habe Angst. Wie soll ich sie durchfüttern in einer Welt wie dieser? Wie mich um sie kümmern?Mein Herz wird mir schwer. Ja, verdammt ich hab sie vermisst, ich bin beinahe drauf gegangen vor Sehnsucht, ich hab gelitten und geflucht, nachdem sie fort waren, aber ich war mir sicher, so sicher, dass es für mich der einzige Weg war zu überleben.

Was soll ich nur tun?

Sie noch einmal fortschicken? Jetzt, wo ich weiß, dass das Leben ohne sie nicht etwa einfacher, sondern nur stiller und grauer wird? Ein bißchen weniger laut, ein bißchen weniger bunt?

 

Zaghaft betrete ich mein ordentliches Wohnzimmer, wo ihre kleinen Gestalten wie bunte Blumen verstreut auf Sessellehnen und Tischen sitzen. Es wird augenblicklich still, wache Blicke fixieren mich.

Meine Gedanken sind jenseits der Worte, aber mein Herz pocht, laut und widerspenstig.

Also können wir bleiben, sagt ein dünnes Mädchen, elfenzart, und es ist eine Feststellung, keine Frage.

Du bist verloren ohne uns, sagt der Kleine mit den dunkelblauen Blumenaugen, und es klingt sanft, kein Vorwurf schwingt in seiner silberhellen Stimme mit.

Wie werden dir keine Last sein, verspricht der schimmernde, durchscheinende Zentaur, vielmehr sind wir es, die dich das Leben ertragen lassen.

Wir sind Du. Du bist wir. Ohne uns bist Du nur Zuschauer, und Mißgunst und Neid werden Dich allmählich auffressen. Ohne Dich bleiben wir Schatten. Schön, aber ohne Substanz, Geister ohne Kraft.

Was hindert Dich, uns teilhaben zu lassen an deinem Leben?

Die Sehnsucht, schreit mein Herz, sie schmerzt zu sehr. Die Enttäuschung, wenn Ihr nicht wachsen und gedeihen wollt, sondern ungelebt vertrocknet, die ertrage ich nicht! Das Risiko ist einfach zu groß, die Wunden zu tief!

 

In mir ist immer noch die alte Zerissenheit. Ich fühle mich zittrig und elend und unendlich müde.

Mein Blick fällt auf einen kleinen Vogel. Er ist durchsichtig, schimmert weiß und bläulich, sein Blick ist eindringlich und scharf und will so gar nicht zu seinem watteweichen Gefieder passen.

Ich habe ihn noch nie gesehen.

Wer bist Du?

Ich versinke in diesen hellen Taubenaugen, ertrinke und der Schleier, der mich schützt vor all den schmerzhaften Erinnerungen, zerreißt.

In Scherben liegt es vor mir, mein schönes Leben. Schillernde Bruchstücke, manche regenbogenfarben, manche glänzend schwarz, silbern und gold. Aber da ist Schönheit inmitten der Zerstörung. Ein leises Funkeln, ein helles Summen. Ich kann den Blick nicht abwenden von all den glitzernden, gleißenden Bruchstücken, wie eine Elster bin ich entzückt von den kleinen, sinnlosen Schätzen.

Was willst Du damit anfangen, fragt mich der Taubenvogel, was soll mit all diesem Glitzerkram geschehen?

Möchtest Du sie wegwerfen, all die Scherben? Ent-sorgen? Loslassen? Dich befreien? Ist es nicht nur unnützer Tand?

Da regt sich Widerstand in mir.

Das, was da liegt sind meine Träume, ist mein Leben. In Scherben zwar, in Einzelteilen, aber nichtsdestotrotz wunderschön. Wie bunte Samenkörner. Wie Perlen einer Kette. Wie Juwelen eines Drachenschatzes. Das Blut, das durch meine Adern fließt. Der Puls, der in mir pocht. Das, was mich lebendig macht.

Behutsam lasse ich mich auf die Knie nieder, streiche mit den Fingern über die glattgeschliffene Oberfläche einer Scherbe, seidig wie das permuttfarbene Innere einer Muschelschale.

Da flattert es um mich herum, dutzende, hunderte weiche Fügel streifen mich, es rauscht und schwirrt und ich bin umgeben von diesen taubengleichen Vögel mit den scharfen Augen. Behutsam und leise zwitschernd picken sie die Scherben auf, es ist wie ein Tanz.

In meinen Händen halte ich eine goldene Schale, die sich bald füllt, mit winzigen Bruchstücken, mit Erinnerungen, Ideen, Wünschen und Hoffnungen. Ich blicke hinein und all das Goldene und Glitzernde verschwimmt zu einer schimmernden Oberfläche, wird zu einem Spiegel, zu einem stillen, ruhigen Teich.

Und dann erkenne ich allmählich ein Gesicht, das zu mir emporlächelt, jung und alt zugleich, verrtraut und doch fremd. Lass uns wieder spielen, flüstert es, lass uns wieder jung sein, lass uns noch mal fliegen. Lass uns noch mal kosten, wie das Leben schmeckt, lass uns nochmal beginnen.

Ich atme, Luft wie klares Quellwasser,  mein Herz brennt und tanzt, mein Kopf schmerzt und pocht, meine Seele regt sich im Schlaf, und dann lasse ich los

und falle und falle,

Augenblicke, Ewigkeiten

wiedereinmal

mitten

ins

Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wie sie flüstern und rascheln,

heimlich und leise, verstohlen, wie dürres Laub im Herbstwind.

Wie sie sich in meine Gedanken schleichen, unverhofft, ungebeten,  schattengleiche Erinnerungen an ferne Zeiten.

Wie sie Bilder heraufbeschwören, von denen ich mir sicher war, dass sie längst zu Staub und Asche zerfallen sein müssten, verweht im Lauf der Zeiten.

Wie sie mich locken, mich rufen mit ihren rauen Gesängen, meine sterbende Neugier zurück ins Leben holen, meine Sinne berauschen.

Wie sie mich ängstigen, mir finstere Geschichten von Tod und Riesen und Wölfen zuraunen, mich bannen, mich kindlich staunen machen.

 Wie sie mich schütteln, mich zitternd zurücklassen, mich in Heljas blauen Nebel entführen, mir die Stille erklären, mich Demut und Achtung lehren.

Wie sie mich begeistern, bevölkern, beleben und wieder auferstehen lassen.

In Holz geschnitten,

in meinen Geist geprägt,

in mein Herz gebrannt,

Buchstaben meiner Seele,

Alphabet

meiner

Erinnerung.

runenschädel

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