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Archive for Mai 2014

Leben

    Man kann ja nicht so mir nichts, dir nichts, ein neues Leben anfangen.
    Man kann nicht morgens aufstehen und sagen: Ab heute ist alles anders.
    Ab heute ernähre ich mich gesund, ab heute mache ich Sport, ab heute achte ich auf meine Gesundheit und mein Wohlergehen, ab heute bin ich erfolgreich.

    Wo kämen wir da auch hin?

    Da würde das apokalytptische Chaos ausbrechen. Wenn jeder jeden Tag ein neues Leben anfangen könnte, da würde unsere schöne neue Welt aus den Fugen geraten.
    Arbeitnehmer, die morgens plötzlich Chefs sein wollen.
    Chefs, die plötzlich lieber Erzieherin im Kindergarten sein wollen.
    Kinder, die nicht mehr zur Schule gehen.
    Ärzte, die Philosophie und Geschichte studieren.
    Wo kämen wir da hin?
    Da ist es doch gut und beruhigend zu wissen, daß wir unsere guten alten Gewohnheiten haben, die uns wirkungsvoll an solchen Kopflosigkeiten hindern.
    Wir tun jeden Tag das, was wir eben jeden Tag tun.Ganz von selber.
    So sind es doch unsere altbekannten Muster, anerzogen, erlernt, eingebleut und- getrichtert, geerbt und bewährt, vertraut und blind befolgt, die dafür sorgen, dass unsere Welt Tag für Tag verläßlich funktioniert.
    Sie sind es, die guten alten Gwohnheiten, die alles am Laufen halten, in Ordnung, im Rahmen und verläßlich.
    Nicht auszudenken, was geschähe, wenn wir eines Morgens vergäßen, uns an unsere Gewohnheiten zu halten.
    Was, wenn sich der Sachbearbeiter im Büro plötzlich auf das Prinzip der Gleichheit besänne, und sich auf Augenhöhe mit seinem Chef wähnte.
    Was, wenn er das auch noch ausspräche, widerspräche oder dergleichen Unvorstellbares täte?
    Was, wenn der Chef beschlösse, er führe seit heute morgen das Leben eines buddhistischen Mönches, und sich nach Tibet absetzte? Jetzt, in diesem Moment?
    Oder wenn die Menschen gar beschlössen, von ihrer Gewohnheit der Angst zu lassen, und ab heute sorgenfreies Leben zu führen?
    Da würde es aber ganz schön kriseln.
    Versicherungen würden auf der Stelle pleite gehen.
    Die Pharmaindustrie würde empfindlich schrumpfen.
    Menschenmassen würden bei schönem Wetter am helllichten Vormittag im Gras am Baggersee liegen.
    Könnten wir jeder jeden Tag ein neues Leben beginnen, heillose Anarchie würde ausbrechen!
    Also empfiehlt es sich selbstredend, schön in Deckung zu bleiben. Wir verschanzen uns hinter der Mauer und den Stacheldrähten aus Angst und Ungewissheit, wenden den Verlockungen eines neuen Lebens den Rücken zu und gucken mal, wer wo sein Frühstück auf fb postet. Nur so aus Gewohnheit.
    Apropos Gewohnheit. Die wichtigste heißt: nicht nachdenken. Statt dessen: Funktionieren.
    Ergänzend noch einige empfehlenswerte Merksätze:
    -Früh aufstehen, sonst gibt es schon einen ersten Verdachtsmoment auf eine Funktionsstörung.
    -Immer ordentlich und pünktlich zur Arbeit erscheinen.
    -Festanstellung mit guten Gehalt ist erstrebenswert. Alles andere tendentiell suspekt. Bissiger Chef erhöht Läster- und Leidenspotential, das gibt Pluspunkte.
    -Nach der Arbeit unbedingt die Errungenschaften der modernen Technik zur Zerstreuung und Ablenkung nutzen. Heutzutage wird niemand mehr dazu genötigt, sich mit seinem Leben und seiner unmittelbaren Umwelt auseinander zu setzen.
    -Im Notfall ausreichend Alkohol oder andere empfehlenswerte Suchtmittel konsumieren.
    -Niemals etwas in Frage stellen.
    -Merke: Was alle um dich herum tun, muss richtig sein. Die Bild-Zeitung hat immer Recht.
    -Alterwührdige, erprobte Gewohnheiten niemals ändern (z. B. bzgl. Fernsehzeiten, Fleischbedarf, etc.)
    -Unser Schulsystem ist toll. Es produziert gut funktionierende Bürger.
    -Unser Gesellschaftssystem ist wunderbar.
    Es duftet nach Freiheit, es ist blitzblank poliert, seine Fesseln sind weich und anschmiegsam und handgemacht, made in Germany, von jedem Bürger selbst und persönlich entworfen und festgezurrt.
    Ja, so ist das Leben. Man kann eben nicht alles haben,alles hat seinen Preis, denk an Deine Zukunft, Kind und tue nichts, was dir später leid tun könnte.
    Also, liebes neues Leben, du siehst, heute wird das wohl leider nichts mit uns.
    Ich bin viel zu beschäftigt.
    Steuerklärung machen, sonst droht Zwangsgeld;
    Straße kehren, sagt das Ordnungsamt;
    meinen Impfpaß suchen, bei der Lehrerin vorsprechen, Haus und Hof in Ordnung halten, die Nachbarn beruhigen, weil der Hund exakt sieben Mal zu nicht erlaubten Zeiten gebellt hat, der Flieder ungefragt über die Grundstücksgrenzen drängt, der Löwenzahn die Ritzen im Kopfsteinpflaster erobert.
    Ich muss kochen, waschen, putzen, bügeln, muss lächeln, muss nicken, muss mich beeilen, muss den Fleck aus der Bluse rubbeln, muss erklären,muss telefonieren, muss GEZ bezahlen, muss Fenster putzen, muss Tränen runterschlucken und Schokolade essen, muss zum Zahnarzt, ins Internet, muss dringend meine Mails abrufen, muss müssen und sollen und manchmal auch dürfen, das alles, aber niemals
    ein neues Leben wollen.
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