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Archive for Januar 2014

Diktatur

Heute morgen ist mir klar geworden- ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen- zu geschäftig habe ich Zahlen verglichen und analysiert, geordnet, abgeheftet und eingeräumt im Rhythmus dieser immergleichen Tage.

Aber heut morgen, als ich wie üblich gehorsam meiner Alltäglichkeit nachging, da sah ich sie auf einmal.

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil ich selbst den Diktator an die Macht brachte, und ich bin gut darin, zu sehen, was ich sehen darf, und alles andere zu vergessen. Der Diktator trägt einen weißen Kittel, man sieht ihn niemals genau, er hüllt sich gerne in betongrauen Nebel, man erahnt die Umrisse, den aufrechten Rücken, die Brille.

Ich hatte vergessen, daß es einmal anders war.

Hab mich selbst mit Präzision und Gründlichkeit geknebelt und gefesselt und mich widerstandslos abgeführt in den tiefsten Bunker dieses Landes- dort gibt es alles, was man so braucht als Mensch dieser Zeit: Einen Supermarkt, groß wie ein Fußballfeld, Arbeit für alle guten Bürger. Einen wandfüllenden Flachbildschirm in meiner großzügigen Wohnung mit den weichen Teppichen und der traumhaften Badelandschaft.

Das Essen ist gut, die ausgefallensten Wünsche werden erfüllt, das Wasser ist immer angenehm temperiert und der Garten vor dem Haus stets gepflegt und ordentlich.

Es ist sauber hier. Es riecht frisch gewaschen, ein bißchen nach Zahnarztpraxis vielleicht. Niemals liegt Müll herum. Ich fahre ein Auto, das keine Abgase produziert, und das selbständig einparkt.

Meine Zahnbürste informiert mich über den Fluoridgehalt meines Zahnschmelzes und sorgt gegebenenfalls für Nachschub. Täglich werden meine Blutwerte überprüft und mein Menü danach ausgerichtet. Es gibt keine Kranken. Die Menschen sterben hier nicht. Eines Tages sind sie gelöscht, und keiner erinnert sich mehr.

Es ist bequem hier. Aber seit heute morgen ist mir kalt.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, weil der Diktator so einen schönen Namen trägt. Jeder sieht zu ihm auf, er ist einfach brilliant, seine Argumente sind messerscharf und durch nichts zu widerlegen.

Doch heute morgen…

Eine winzige, rostrote Blüte auf schwarzem Grund nistet sich ein, leise, behutsam, seltsam traurig.

Und das Essen wird schal. Meine Kleidung reizt die Haut. Die Luft verbrennt mir die Lungen.

Ich spüre meinen Körper, allein das ist Revolution, arbeiten wir doch alle daran, ihn möglichst zu vergessen, zusammen mit seiner lästigen Verletzlichkeit, seiner unmöglichen Unart zu sterben.

Ich werfe die Zahnbürste in den Müll und dusche so heiß ich es ertrage, schrubbe die unangenehmen …Unregelmäßigkeiten von meiner Haut.

Ich lebe in einer Diktatur, und ich werde überwacht, kommentiert, bewertet, beurteilt, gelobt und bestraft. Es gibt ein Punktesystem, kompliziert, ausgeklügelt, ein modernes Wunder der Wissenschaft, nobelpreisverdächtig.

Ich lebe in einem Land, in dem mein Diktator ein Held ist.

Er repräsentiert die Werte der Gesellschaft einfach großartig: Er ist stets vernünftig, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, höflich und wissenschaftlich eloquent. Er kommt gut hier an, in diesem Land…ich habe mein Leben lang an ihm gefeilt, er ist perfekt.

Er hat die Macht ganz selbstverständlich übernommen, überlegen, gelassen, sich seiner Macht und Ausstrahlung bewusst, und jetzt regelt er alles. Reibungslos. Ausnahmslos. Es gibt kein Entkommen.

Ich hab vergessen, wo die anderen untergebracht wurden, nach seiner Machtübernahme. Ich erinnere mich wage an Musik und Geschichten und an helle Feuer, an Gelächter und an die Trommel, die manchmal immer noch in meinen Träumen widerhallt…aber das ist lange her.

Wenn die Erinnerung aufsteigt, so wie heute morgen, dann ist er sofort zu Stelle, in meinem Kopf, zynisch, mit seinen Beweisen und wissenschaftlichen Abhandlungen und dem, was ich von Kindesbeinen an gelernt habe.

„Aber Kleines, denke doch mal nach. Die Realität sieht anders aus…hier, ich kann dir das beweisen.“

Ja. Die Realität.

Wenn ich nur glauben könnte, dass es sie nicht gäbe, dann könnte ich frei sein. Wenn ich nur den Mut aufbrächte, diese stählernen Mauern kraft meines Glaubens verschwinden zu lassen. Wenn ich nur den Mut hätte, hinauf zu steigen, an die frische Luft. wenn ich nur den Mut hätte, zu ignorieren, was die Leute hier sagen, was ER mir ins Ohr flüstert, mir beim Einschlafen vorliest, rezitiert, injiziert…

Ja, dann könnte ich vielleicht überleben.

Ich lebe in einer Diktatur.

Ich hatte das vergessen, so wie ich vergessen hatte, daß ich sterblich bin. Heute morgen hat mich eine winzige rostrote Blüte auf schwarzem Grund daran erinnert. Und mein dummes Herz  pocht, es hämmert, es bebt wie die Trommel in meinen Träumen.

Mein Herz, das laut widerhallt, in der einsamen Leere meines Verstandes, das offenbar beschlossen hat, mich zu zermürben, mich zu zerreißen.

Deine Seele verdurstet, klagt es, sie ist nur noch ein trockenes Stück Papier, und wenn du nicht gehst, um den Wind zu spüren und die Erde zwischen deinen nackten Zehen, dann wird sie fortgeweht, und du wirst als klagender Geist durch die Ewigkeit wandern, eine Projektion, eine Warnung für deinesgleichen, für all jene, die sich bedingungslos unterworfen haben…

Ich kann nicht, ich kann nicht, wie könnte ich auch, die Ratio stürzen, die verehrte und hochheilige Vernunft, die in Stein gehauenen Werte all der Menschen. unter denen ich leben, wie könnte ich den Triumph des Geistes in Frage stellen, wie könnte ich statt dessen auf jene Stimmen hören, die ich seit Jahren zum Schweigen bringen will…

Und dann sehe ich jene winzige Blüte, und sie öffnet sich, sie erhebt sich, sie schwebt vor mir, ihr Duft ist zart und frisch, so wie ich mir einen Morgen in der Prärie vorstelle, und ich berühre ihre weichen Blütenblätter und höre mein Herz, und es singt und ich ahne meine Seele, die sich im Schlafe regt und dann…

Ich werde hinaufgehen, in den Regen, um Bäume zu sehen, und Erde zu riechen.

Ich werde hinaufgehen, um  mich auf den Boden zu werfen und endlich regenbogenfarbene Tränen zu weinen, und sie werden einen ganzen Kelch füllen, und jener Kelch wird mein Geschenk an den Diktator sein, wenn er heute Abend kommt, um mich daran zu erinnern, in welch Schöner Neuen Welt ich lebe.

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amorphism

    Es kommt eine Zeit, da plagt dich der Hunger.

    du frisst und frisst,

    Weisheiten, mit dem Löffel,

    Urteile über dein Selbst und die Welt,

    wirst wie eine Gans gestopft und gemästet

    mit Worten aus zerbrochenem Glas,

    trinkst  verzweiflet aus der Flasche des Selbstvergessen,

    Schluck um Schluck bringst du dich

    um den Verstand.

    Es kommt eine Zeit, da vergeht dir der Appetit,

    du stellst die Nahrung ein,

    du trocknest aus,

    du verlierst Gewicht,

    du wirst langsam,

    dein Blick trübt sich

    du weißt weder ein noch aus, weißt nur,

    du bist nicht mehr…ja was?

    Dann ist es an der Zeit,

    dich einzuspinnen

    in Fäden aus schimmernder Seide,

    ein Haus,

    gewoben aus den Fragen deiner schlaflosen Nächte,

    ein Kokon aus silbriger Unschuld,

    indem du ertrinkst

    in Vergessen.

    Dort,in der Dunkelheit,

    verlierst du dich, löst dich auf,

    gehst auf im Chaos, bis nichts mehr existiert,

    keine Struktur, die dich hält,

    keine Zelle, die dich formt.

    Und doch, mitten im Nichts, wartet das Leben,

    geduldig und gelassen dreht es sich behutsam im Kreis.

    Es kommt eine Zeit, da du erwachst, staunend und jung,

    mit Augen, die sehen,

    mit Ohren, die hören

    mit einem zarten Duft in der Nase

    und weichem Gras unter deinen nackten Füßen,

    und Rosenblätter, die deine Hände bedecken.

    und  mit Flügeln, die dich tragen,

    in eine Zeit, die zeitlos, endlos mit dem blauen Horizont verschmilzt.

    Bild: Maria-Luise Bodirsky ( Skulptur und Foto)

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

Metamorphose von Marie-Luise Bodirsky

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In Momenten wie jetzt, wenn der Zorn in meinen Eingeweiden frisst, mich verätzt und mir den Atem raubt, wünsche ich mir die Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs und dessen friedvolles Lächeln.

Mir ist statt dessen übel, ich ringe um Fassung angesichts meiner streitenden Spößlinge, von denen der eine zum hundersten Mal schreit: „Du blöder alter Roboter“ und der andere schließlich unter zornigem Schreien um sich tritt, das winzige Gesicht zu einer bösartigen Fratze verzerrt.

Das ist der Moment, indem sich all meine Ideen von gewaltfreier Kommunikation, von Liebe und Licht, von Güte und dem  Guten in jedem Menschen in Wohlgefallen auflösen. Und ich spüre, wie sich ein Lavastrom aus Wut glühendrot zu dem Ort wälzt, an dem ich in guten Zeiten mein Herz vermute.

Jetzt ist da stattdessen ein schwarzes Loch, das dampft und brodelt und Schwefeldämpfe produziert, und alles in giftgrüne Wolken hüllt.

Ich trenne die Streithähne, unsanft und meinerseits brüllend. und fühle mich danach so ausgelaugt und bitter, daß ich nur noch weit fort möchte. Eine Mutter-ohne-Kind -Kur auf einer einsamen, einsamen Insel.

Ich bin es leid, das Leid dieser Welt, im Kleinen wie im Großen.

Bin es leid, zu leiden, bin meine Leidenschaften leid. Bin es leid, die Verzweiflung und die Aggression dieser kleinen Wesen anzusehen, bin es leid, zu schlichten, zu beruhigen, bin es leid zu schreien, zu schimpfen, zu ermahnen und zu maßregeln.

Bin es leid. Bin ich das Leid?

Ein vermutlich kluger Mensch hat mal behauptet, Leid entsteht durch unseren Widerstand gegen den unvermeidlichen Schmerz, der jeden trifft im Leben. Und die Pferde erklären mir Tag für Tag: Druck erzeugt Gegendruck.

Was also tun, mit dem unvermeidlichen Schmerz, wenn ich sehe, daß meine Kinder streiten und um sich schlagen und meine schlecht geflickten Nerven zu zerreißen drohen? Was tun?

Ich kann nicht sanft lächeln und sagen: Ooooooom, ihr Lieben, haut Euch ruhig und dann sagt mir, was braucht ihr jetzt gerade….das bringe ich nicht!

Ich kann ihnen nicht die Ohren lang ziehen, sie übers Knie legen oder ihnen einen Eimer kaltes Wasser über die zerzausten Köpfe schütten…das möchte ich nicht!

Was also tun? Strafen, drohen, ablenken, lauter brüllen, weglaufen, schimpfen….was tun?

Vielleicht…jodeln? Shakespeare rezitieren? Den sterbenden Schwan tanzen? Ah, verstörende Intervention, sagt mein innerer Jugendtherapeut, ein wirklich interessanter Ansatz. Ich kündige ihm fristlos.

Quatsch, unrealistisch, sagt mein schwarzes Loch. Wenn du erst richtig in Rage bist, geht da nix mehr. Dann ist das die gute alte Einbahnstrassse, die Kinder brüllen, du brüllst, du brüllst noch lauter, die Kinder haben einen gemeinsamen Feind, und gut is. Wie bei der Bundeswehr.

Aha. Aber ich rede nicht mit schwarzen Löchern.

Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben singt Smudo von den Fanta4 lässig in mein kleinkindgeschädigtes, mutterdementes Hirn.

Der soll bloß mal her kommen….und überhaupt, das hat er sicher geschrieben, bevor er eigene Kinder hatte.

Was also tun?

Ich könnte mir ein paar dicke Ohrenschützer aus der Werkstatt raufholen und meinen arbeitslosen inneren Kinder- und Jugendtherapeuten, die antiautoritäre Hippie-Mutter und das 8jährige Mädchen wetten lassen, wer der beiden rotgesichtigen Streithähne zuerst heult oder aus der Nase blutet.

Ich könnte den Smudo lauter stellen und so tun, als seien das gar nicht meine. Neee, die kenn ich nicht…und überhaupt, wie kommen Sie darauf, ich bin doch viel zu jung für Kinder. Immer locker bleiben, immer locker bleiben, Baby…

Aber die Frage ist doch…was kann ich?

Heute heißt die Antwort: Wütend werden, schimpfen, ermahnen, Streithähne trennen, bevor es größere Schäden gibt….mich später am Abend ausgelaugt und bitter an den Rechner setzen, den Schmerz fühlen, schreiben, leiden leid sein, mich an Wortspielen berauschen, mich beruhigen, mich belächeln, dem Jugendtherapeuten eine alte Fanta4 CD unterjubeln und jetzt endlich die Beine hochlegen und die kinderfreie Stille genießen, in der ich leise singe: Immer locker bleiben, sag ich, immer locker bleiben…

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