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Archive for August 2013

Da ist es wieder, dick und breit und unbeweglich, die feisten Beine trotzig in den Boden gestemmt, steht es mitten im Wohnzimmer und glotzt mich herausfordern an.

„Hau ab,“ schnauze ich, und blicke demonstrativ aus dem Fenster, „du bist ganz und gar unnütz. Verschwinde endlich aus meinem Leben!“

Ich konzentriere meinen Blick auf die Blumenpracht in Nachbars Garten und zwinge mich dazu, die lateinischen Namen zu rezitieren. Ich atme vorbildlich in den Bauch und denke dabei an blaue Elefanten.

Als ich mich nach ein paar Minuten widerstrebend von all den Blumen und Elefanten in meinem Geiste losreiße, und mich vorsichtig umdrehe, muss ich feststellen, daß das Biest, anstatt sich brav aufzulösen, nur noch näher an mich herangerückt ist.

Ich blinzele nervös, vielleicht stimmt schlichtweg etwas mit meinen Augen nicht, aber auch das bringt das Ding nur zum Kichern.

Na gut. Dann eben in die Offensive.

Tapfer blicke ich ihm in die kleinen, gemeinen Schweinsäuglein.

Es hat es sich auf dem Teppich gemütlich gemacht, massiv und undurchsichtig wie ein Fels, und jetzt nimmt es tatsächlich hämisch grinsend die Gestalt eines übergewichtigen, blauen Elefanten an.

„ Mit so billigen Esotricks wirst Du mich wohl kaum los“ flötet es mit der Stimme meiner verhassten Grundschullehrerin.

Ich möchte es zermalmen.

Lässig lässt es ein paar Seifenblasen aus seinem Rüssel aufsteigen, in jeder von ihnen schillert und schimmert ein und dasselbe Wort in regenbogenbunten Buchstaben:

WARUM?

Ich schlage wütend mit der Fliegenklatsche nach den Seifenblasen, und sie zerplatzen mit einem schmierig-sattem Platschen.

„Ich hab einen coolen Trick,“ sagt das Monstrum auf meinem Teppich, „hab ich mir in den Zombiefilmen abgeguckt. Für jedes Warum, daß Du erschlägst, hetzte ich Dir zwei neue auf den Hals. Gut, nicht?“

Selbstgefällig rülpst der blaue Elefant noch eine weitere Seifenblase aus.

„Oh Verzeihung, Liebes…..“sagt er dann, „aber wenn wir hier schon so gemütlich beisammen sitzen, so machst es dir bestimmt keine Umstände, mir eine einzige, winzig kleine Frage zu beantworten:

WARUM (effektheischende Pause) willst du mich eigentlich so dringend loswerden?“

Ich spüre den Zorn in mir aufwallen, heiß und gallig, und ich spucke dem Elefanten vor die Füße.

„Hör zu, du elender Plagegeist. Die Frage nach dem WARUM hat noch keinem Menschen etwas gebracht. Sieh dir doch all die WARUMs an, an denen die Menschen verzweifeln.

So was wie:

WARUM gibt es Kriege?

WARUM muss es Leid geben?

WARUM lässt Gott, so es ihn denn gibt, all das zu?

WARUM zerstören wir Menschen die Erde so zielstrebig und warum, verdammt noch mal, lernen wir nichts aus unseren Fehlern?

Oder, wenn du es lieber etwas kleingeistiger haben willst:

WARUM um alles in der Welt gibt es Steuererklärungen?

WARUM finde ich nie meine Autoschlüssel, wenn es besonders eilig ist?

WARUM müssen die Kinder immer dann besonders gerne und laut schreien, wenn ich Kopfschmerzen habe?“

Hah! Jetzt hab ich es ihm aber gegeben. Zumindest sieht er nicht mehr ganz so albern himmelblau aus, sein Teint wirkt jetzt eher gräulich. Und vielleicht ist er auch schon ein wenig geschrumpft. Ich krieg dich noch!

„Kein Mensch hat es verdient, daß ihm ein so graußliches WARUM das Leben versaut,“ geifere ich weiter. „Du bist überflüssig! Jedes noch so kleine Warum kann mir für alle Zeit gestohlen bleiben…“

Der Elefant sieht jetzt tatsächlich ein bißchen nervös aus.

Er sagt: „Und was ist mit diesen Fragen:

Warum gibt es die Schönheit der Blumen und Schmetterlinge?

Warum lächeln Kinder im Schlaf?

Warum gibt es die Liebe?

Sind das nicht schöne Dinge, die man gerne erforschen möchte?“

„Nein“, blaffe ich. Denn darüber habe ich zum Glück schon nachgedacht.

„Das WARUM zu kennen, macht die Dinge nicht besser oder schöner. Ich liebe nicht intensiver, wenn ich weiß, daß daran ja nur die Hormone schuld sind.

Ich fühle mich nicht besser, wenn mir erklärt wird, daß ich Kinder, die im Schlaf lächeln, nur deswegen entzückend finde, weil die Evolution diese Reaktion auf das Kindchenschema in mein Hirn gebrannt hat, um den Fortbestand der menschlichen Rasse zu sichern…

Sorry. Mein Leben wir grauer und grauer, mit jeder korrekten und beweisbaren Antwort auf ein WARUM.

Diese elende Frage ist der natürliche Feind der Phantasie. Und wenn die Phantasie sterbend am Boden liegt, und du sie auf dem Gewissen hast, wird Leben sinnlos.“

Ich bin sicher, das ist genügend Dramatik, um diesem elenden Vieh endlich den Garaus zu machen.

„Aber“, sagt der Elefant leise, und ich könnte schwören er ist tatsächlich deutlich geschrumpft „macht die Frage nach dem Warum nicht auch die Natur des Menschen aus? Seid ihr nicht hier, weil ihr stets neugierig seid, und den Dingen auf den Grund gehen wollt? Ist nicht das Warum Eure eigentliche Identität? Verliert ihr Euch nicht selbst, und werdet zu seelen- und herzlosen Marionetten, wenn Euch das WARUM egal ist?“

Ich denke nach. Möglichst kurz.

„Wo die Frage nach dem Warum endet, beginnt das Vertrauen“ sage ich fest.

„Wo das Warum endet, sind der Manipulation Tür und Tor geöffnet“ und „Wer nicht mehr fragt, erstarrt“ sagt der Elefant.“Wenn Du Dich nicht mehr fragst, warum Du eigentlich wie lebst, und Dich nicht mehr fragst, um was es hier für Dich geht, bist Du nicht dann stumpf und dem Tode nahe?“

Jetzt sitze ich fest. Aber ich war mir doch so sicher: Wenn ich erst endlich im Vertrauen leben, wird alles besser….oder wie?Kann ich denn im Vertrauen leben und trotzdem nach dem Warum fragen? Hat mir das Warum nicht meine phantastisch heile Welt zerstört?

Und die Antworten sind so frustrierend. Diese Kälte darin- nee, da will ich lieber nichts wissen über den Mond und die Sonne und warum Katzen schnurren…vom Elend der Welt ganz zu schweigen.

Unsicher blicke ich zu dem Elefanten hinüber. Der ist ganz schön geschrumpft, und hat gar seine Form verloren- eigentlich sieht er jetzt mehr aus wie ein verwaschener kleiner Dachs. Und wenn mich nicht alles täuscht, zuckt sein linkes Auge nervös.

Da kommt von der Couch ein theatralischer Seufzer. Dort sitzt ein stattlicher roter Fuchs auf dem samtenen Kissen, die eine Pfote ordentlich über die andere gelegt, und jetzt nickt er uns vollendet höflich zu.

„Was macht ihr euch das Leben so schwer…das ist doch ganz einfach. Sieh mal, ein Hammer ist ein wunderbares Werkzeug, wenn Du etwas bauen möchtest. Er erleichtert die Arbeit ganz ungemein. Du kannst ihn allerdings auch verwenden, um deinem Nachbarn den Schädel einzuschlagen, und so wird er zur Mordwaffe. Es liegt ganz und gar in deiner Hand.

Das ganze Geheimnis ist dies: Die Freiheit liegt in Deiner Antwort. Es gibt tausendundeine Antwort auf dieselbe Frage und jede davon ist wahr. Und die beste Antworten schenkt Dir deine „Phantasie“ wobei ich sie lieber „deine WirkLichkeit“ nennen würde. Du erkennst diese Antworten daran, daß sie mit einem verspielten „vielleicht“ oder „in meiner Welt“ beginnen.“ Und nun entschuldigt mich, bitte, ich habe zu tun.“

Er wirft uns noch einen huldvollen Blick zu, bevor er mit einem melodiösem „Ping“ in eine rotgoldene Staubwolke zerstiebt, die geschlossen und elegant zum offenen Fenster hinaus weht.

Der Dachs und ich sehen uns verlegen in die Augen.

Eigentlich sieht er ganz sympathisch aus, mit seinen funkelnden Knopfäuglein, und den hellen Streifen. Und von der Arroganz des blauen Elefanten ist auch nichts mehr zu merken. Statt dessen putzt er verlegen seine Barthaare.

„Na gut“, murmele ich. „Dann such Dir ein gemütliches Plätzchen. Und wehe Du stellst meine Antworten in Frage.Kann gut sein, daß ich sage: Keine Ahnung, warum das so ist. Und jetzt möchte ich lieber den Rosenduft und den Sonnenuntergang genießen…“ Der Dachs lächelt. „Es war nie meine Aufgabe, deine Antworten in Frage zu stellen Ich bin zufrieden, wenn ich fragen darf. Die Antwort- ist deine Sache.“

Und so sitzen wir noch eine Weile still beisammen und beobachten die tanzenden Staubkörner im Licht der untergehenden Sonne.

Das Telefon reißt mich aus meinen Gedanken.

Am anderen Ende der Leitung ist meine Freundin, sie jammert in den höchsten Tönen: „Warum nur ist mein Auto schon wieder kaputt? Das ist doch zum verrückt werden… keiner weiß, woran das liegt! Das gibt es doch nicht!“

Und ich höre mich sagen:

„Na ja, möglicherweise liegt das daran, dass die winzigen, so genannten Tetra- Punzetten-Wichtel, die eigentlich dafür verantwortlich sind, dass der Motor sich nicht verschluckt an dem geschmacklich grenzwertigem Benzin, das gegenwärtig so im Umlauf ist, gerade beschlossen haben, ihre Arbeit nieder zu legen, weil sie lieber Gedichte über pinkfarbene Bremsflüssigkeiten und den Duft von Motoröl verfassen wollen und außerdem die Ausreise nach Beta X beantragt haben, weil die dort lebenden humanoiden Fledermäuse einfach die besseren Motoren bauen und außerdem…“

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob der alte schlaue Fuchs das tatsächlich so gemeint hat, aber das ist ja wohl Auslegungssache….

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