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Archive for Dezember 2012

Moralfutter

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, diese schöne Wortschöpfung stammt nicht aus meiner Feder. Ein kleiner Bub mit feuerrotem Haar hat sie kreiert, als er mich kürzlich beim Stall ausmisten unterbrach und fragte: „Mama, hast Du den Pferden heute schon ihr Moralfutter gegeben?“ und dabei hat er mich mit schiefgelegtem Kopf sehr streng angesehen.

„Nein,“ muss ich kleinlaut gestehen, „heute hatten die Pferde noch kein einziges Krümelchen Moralfutter.“

Aber, unter uns gesagt, reagieren sie auch etwas empfindlich darauf, selbst auf die kleinsten Häppchen, tatsächlich kann es mitunter sogar zu allergischen Reaktionen kommen.

Als ich einmal versucht habe, meiner freiheitsliebenden und menschenfreundlichen Jungstute ein paar winzige Tropfen von „Brave Pferde krabbeln niemals unter Zäunen durch, um Spaziergängern die Nase in die Manteltaschen zu stecken“ zu verabreichen, wurde ich tagelang mit verächtlichem Schnauben und dem beliebten „Von Frauchen auf dem moralischen Spielverderber-Trip lass ich mich mitnichten einfangen“- Spielchen gestraft. Ergo habe ich in den Jahren unseres Beisammenlebens gelernt: Moralfutter allenfalls gelegentlich in homöopathischen Dosen an Pferde verabreichen!

Beim Menschen scheint dies jedoch etwas anders zu sein. Neueste Forschungen geben Grund zu der Annahme, daß zumindest eine minimale Grundversorgung gewährleistet sein sollte, um ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen.

Eine eklatanter Mangel, der sich häufig in der Pubertät zum ersten Mal manifestiert, führt schnell zu sozialen Problemen und kann unter Umständen zu Straffälligkeit führen, so die „Kommission zur Vermeidung moralischen Notstandes“.

Sollten Sie befürchten, an  moralischen Mangelerscheinungen zu leiden, die sich im frühen Stadium beispielsweise in rüden Umgangsformen äußern, so empfiehlt die Kommission folgendes:

Bei eindeutig diagnostizierten Mangelerscheinungen  wird zum (moderaten) Besuch einschlägiger Internetforen geraten,  möglicherweise zu folgenden Themen: Lichtarbeit, freichristliche Missionsarbeit, oder, in ernsteren Fällen, auch  Veganismus (sog. „Moralbooster“).

In den meisten Fällen findet man dort schnelle Hilfe, aber Vorsicht, Überdosierung möglich!

Vorab einige Geschmackvarianten  der dort üblichen Moralfuttersorten:

  • Wer jetzt noch nicht zu dem einen Gott gefunden hat, dem droht immerwährende Verdammnis!

(eventuell ungenießbar, kann Brechreiz hervorrufen)

  • Wer jetzt noch nicht die 13 Grundsätze der Energentischen Weisheiten von (Name von der Komission entfernt) verinnerlicht hat, wird den baldigst erwarteten Aufstieg versäumen und bleibt im Höllensumpf

(versalzen, kann zu Magengeschwüren führen).

In bedenklichen Fällen auch möglich:

  • Wenn Du nicht umgehend auf jedweden Konsum tierischer Erzeugnisse verzichtest, und jedwede linksdrehende Energie meidest, wirst Du auf einer  niedrigen Energiefrequenz hängen bleiben, zum Zombie mutieren oder  als Bettvorleger eines Reptiloiden enden.

(grünliche, fädenziehende  Konsistenz mit Tofugeschmack)

Solltens Sie trotz des schlechten Geschmacks eine Überdosis zu sich genommen haben, kann es zu Nebenwirkungen kommen, sogenannten Kompensationserscheinungen.

Diese äußern sich je nach Schwere des Falles in unhöflichem Verhalten, unstillbarer Unfätigkeit, insbesondere Vorgesetzten gegenüber, oder der Neigung, poltisch unkorrekte oder sexistische Witze auf Damentoiletten zu erzählen. Befragen Sie hierzu auch den Guru Ihres Vertrauens.

Wer Fast Food und eine niedrigere Dosierung bevorzugt, der findet eventuell in den Medien (hier seien besonders die Privaten TV-Sender zu erwähnen), das moralische Ergänzugsmittel seiner Wahl. Allerdings häufen sich die Hinweise darauf, dass die durchweg mit Süßstoff angereicherten, rosafarbenen Futtermittel der gängigen Soaps zu Blähungen und Verschleierung der Realität führen könnten, und ihre Wirkung ist bereits umstritten.

Um eine gesunde Versorgung mit Moralstoffen zu gewährleisten, empfiehlt sich nach aktuellem Stand der Forschung wohl am ehesten der Eigenanbau. Hier eine Kurzanleitung (zum Nachbau empfohlen):

Setzen Sie (rein theoretisch natürlich- z. B. per Autosuggestion)) voraus, daß Wiedergeburt existiert- wenn jeder das Süppchen, daß er im Laufe seines Lebens kocht, im nächsten Dasein selbst auslöffeln darf, kommt nichts rein, was gräßlich schmeckt und Bauchschmerzen macht.

Umgeben Sie sich mit Kindern und Tieren, und seien Sie bereit, zu lernen.

Entsorgen Sie ihren Fernseher, pachten Sie ein Gartengrundstück.

Essen Sie nur Fleisch von Tieren, die Sie selbst aufgezogen und geschlachtet haben.

Und für die allernötigste Grundversorgung nehmen Sie jeden Morgen auf nüchternen Magen, mit einem Glas Leitungs- oder Quellwasser folgenden Grundsatz ein: Leben und leben lassen (weitestgehend geschmacksneutral, mit einer zarten Note von Himbeeren, Kartoffeln, Kürbis und Spinatlasagne).

miraschütteln

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