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Archive for November 2012

Tate, der Wind

Schon am frühen Morgen höre ich, wie er ungestüm um das alte Haus tobt, an den klapprigen Dachrinnen rüttelt und mit der Scheunentür schlägt. Ich bin ärgerlich, wenn er bloß nicht noch mehr Schindeln aus der Fassade stiehlt!

Als ich die Pferde füttern will, bläst er mir frech den Hut vom Kopf, um mir dann für einen Moment den Atem zu rauben, gerade als ich anhebe, ihn gehörig  aus zu schimpfen. Ich kann nicht umhin, seine unbeschwerte Dreistigkeit zu bewundern. Und er ist gar nicht kalt, wie erwartet, sondern  beinahe frühlingsmild, das Thermomether zeigt stolze 12 ° C.

Das hier ist kein gewöhnlicher Wind, stelle ich fest. Es ist wohl der Alte Tate, der hier ums Haus bläst, Tate, der Wind der die Veränderung mit sich trägt, unerwartet, schnell und zuweilen gewalttätig. Mir wird ein bißchen flau. Was willst Du? rufe ich hinauf zu den fliehenden Wolken. Du hast mich doch gerufen, ich komme stets, wenn man mich ruft….aber dann, wenn ich es will….er tanzt hinauf zu den kahlen Espen und schüttelt ihre schwarzen Zweige, schlägt Kapriolen und scheucht die Wolken aus dem Anlitz der Sonne.

Goldene Strahlen legen ein Leuchten über den tristen Herbstgarten, das letzte bißchen Unkraut schimmert noch einmal in fast vergessenem Sommergrün. Mir klopft das Herz bis zum Halse, so leicht verschenkt man keine Gewohnheiten, und mögen sie auch noch so staubig grau geworden sein…

Komm mit, tanz mit mir, ruft er. Ich fliehe ins Haus, genug zu tun, genug Arbeit, um mich mit guten Gewissen zu verstecken. Aber es ist Tate, und Tate passt durch jedes Schlüsselloch, durch jede Fuge und Ritze, und davon haben wir zuhauf.

Tate kommt, wenn man ihn gerufen hat, und er nimmt, was er sich vorgenommen hat zu nehmen.

Am Nachmittag beuge ich mich seinem Willen, zu laut sein verlockender Ruf. Wir gehen gemeinsam mit Kindern und Hunden auf den Berg, um etwas zu tun, was längst vergessen und vergraben war in fernen Kindheitserinnerungen, etwas, das heutzutage aus der Mode geraten zu sein scheint.

Wir gehen auf den kleinen Hügel, draußen, gleich hinter dem Dorf, um die Drachen tanzen zu lassen.

Oben auf der Anhöhe ist Tate ganz in seinem Element, er braust und tobt, er schreit und lacht, und wir mit ihm. Unser kleiner, morscher Drache, mühsam zusammengeflickt und improvisiert wirft sich knatternd in die Lüfte, verjüngt sich zusehens, tanzt und dreht sich begierig, im wechselnden Spiel aus Licht und Schatten, dass die eilenden Wolken auf den Hügel zaubern.

Die Kinder jauchzen und rennen, mit roten Wangen und blitzenden Augen, vergessen sind die Streitigkeiten, der schmerzende Hals und die quälenden Hausaufgaben. Die Hunde hetzen mit fliegenden Ohren über die gepflügten Felder, ich kann sie lachen sehen, als sie sich gegenseitig jagen.

Hier ist Tate, und er spielt mit uns, wild und weise, und ich juble in den Wind, die Drachenschnurr sirrt.

Ich bin wieder 10 Jahre alt, das Herz angefüllt mit dem wilden Spaß am Fliegen, ich bin mit dem tapferen Drachen dort oben und Tate nutzt die Gunst der Stunde und fegt hinaus, was ihm nutzlos erscheint, darunter Gedanken an Steuererklärungen, Baustellensorgen, und die leidige Frage nach dem Morgen.

Für einen einzigen, wundervollen, endlosen, zauberhaften Nachmittag sind wir frei, in seidiges Herbstlicht getaucht, das selbst die Schatten lebendig und fröhlich macht, bis sich Mond und Sonne gegenüberstehen, und wir den Heimweg antreten, frisch und sauber und erfüllt mit einer Erfahrung, so kostbar wie ein funkelnder Bergkristall im Morgenlicht.

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Eulendämmerung

Kreischend kommt der Zug zum Stehen. Türen öffnen sich und entleeren Menschenmassen auf den Bahnsteig. Eilige Schritte hasten davon. Mir ist, als sei ich in einen Zeitbeschleuniger geraten. Alles ist schneller, höher, weiter. Und so grell. Man möchte die Augen schließen und den Kopf festhalten, der dröhnt vom dumpfen Herzschlag der Stadt.

Das Fläschen mit den Tropfen gleitet mir aus der Hand uns rollt über den Asphalt. Ich bücke mich danach und blicke in die leeren Augen eines alten Säufers. Zusammengesunken sitzt er an den Automaten gelehnt, sein Mund formt unaufhörlich Worte, zahnlos, brabbelnd. Aus dem schmuddeligen Rucksack ragen Flaschenhälse hervor, Mahnmale seiner Verzweiflung. Der hat es nicht geschafft. Das Fläschchen kullert über den Rand des Bahnsteiges, zerschellt auf den Gleisen. Und mit ihm mein letztes bißchen Sicherheit.

„Es ist nur wieder die Angst, sie kann Dir nichts anhaben“, sage ich artig mein Mantra vor mich hin, „sie kann mir nichts anhaben.“ Das Echo hallt in meinem Schädel wieder. Angst, Angst, flüstert es hämisch.

Lichtjahre liegen zwischen mir und meiner stillen Zuflucht. Ich muss verrückt sein. Oh ja, völlig verrückt.

Langsam kriecht die Kälte meine Beine empor, hält inne, lauert.

Ich zwinge mich in die Gegenwart. Ein Typ von der Security steht breitbeinig vor dem alten Mann. Seine Lippen bewegen sich, aber kein Ton dringt durch das Rauschen in meinem Kopf. Der Alte zeigt keine Regung. Er ist schon lange fort.

Mir ist schlecht, meine Lippen kribbeln und ich spüre, wie das Adrenalin unerbittlich von meinem Körper Besitz ergreift. Ich weiß, mein Gesicht ist bereits aschgrau, und ich verschränke die Hände ineinander, um ihr Zittern zu verbergen.

Einatmen, ausatmen. Vor meinen Augen flimmert es. Oh Gott, mir wird schwindelig! Ich klammere mich hartnäckig an den Rand der Wirklichkeit. Der Säufer ist fort, mitgenommen. Um mich herum dröhnen Lautsprecheransagen, fauchen Züge. Ich suche Halt an meiner Bank und schüttle den Kopf, um die Übelkeit zu vertreiben.

„Das ist eine ganz normale Reaktion Ihres Körpers,“ höre ich die gelangweilte Stimme meines Therapeuten sagen, „typisch für Angstneurosen. Je eher Sie sich das bewusst machen und Ihre Entspannungsübungen machen, desto schneller haben Sie sich wieder im Griff. Frau Peters? Sie haben doch geübt?“

Aber sicher, sicher. Ich lockere gehorsam meinen Kiefer, lasse die Schultern kreisen, und zähle bis zehn.

„Entschuldigung, könnte ich mich wohl setzen?“ Nein! Bitte nicht! Aber schon höre ich mich flüstern: „Sicher, natürlich!“. Meine Höflichkeit ist unerbittlich. Die Frau neben mir ist alt, fettleibig.  Sie atmet schwer, laut und sie schwitzt. Ich kann sehen, dass der Tod  bereits neben ihr Platz genommen hat.

Ich rücke ein Stück beiseite und halte nach Ablenkung Ausschau. Weiter hinten am Bahnsteig kläfft ein Hund, hysterisch. Muss der totale Horrortrip sein, diese Myriade von Gerüchen an einem solchen Ort. Das überlastet so ein armes Hundehirn doch sicherlich. Verstand gegen null, erschlagen von zu vielen Eindrücken…das kenne ich.

Kurzer Check. Körpertemperatur zumindest lauwarm, Zittern abgeflaut, nur ein leichtes Schwächegefühl. Ich werde es tun, jetzt gleich. Ich werde aufstehen und mich kopfüber in die reißenden Fluten stürzen. Ich nicke der alten Vettel zu und mit dem Mut der Verzweiflung reihe ich mich ein in die Welt der Lebenden.

Die Einkaufsmeile des Bahnhofes scheint bis ins Unendliche zu reichen. Coffee to go. Fast Food. Zeitschriften. Souvenirs. Plastikkitsch. Dinge, die die Welt nicht braucht. Meine jedenfalls nicht. Ich fühle mich seltsam abwesend, wie in einem wirren Traum. Alles eine Wirkung des Adrenalins, weiß mein Verstand. Einfach ignorieren. Ich bleibe stehen, eine Insel, an der sich das Wasser teilt und lasse den Blick nach oben in die mächtige Kuppel schweifen.

„Ey, sach´ma, haste ´n Euro?“

Ich zucke zusammen. Mein Blick taumelt über blaues, stacheliges Haar, zerissene Jeans, Springerstiefel. Bleibt an Pupillen hängen, riesenhaft, schwarzen Löchern gleich. Ich kann mein Spiegelbild darin erkennen.

„Ne, Du, sorry“. Meine Stimme klingt blechern.

„S´is nich für mich“.

Ihr Blick hält mich fest, räudig und zerzaust.

„He, bitte, ich brauch das für´n Tierarzt“.

Sie winkt mich an ihre Seite und wir treten aus dem Strom heraus in eine dunkle Ecke. So dicht neben ihr rieche ich ihre Verzweiflung. Zögernd öffnet sie ihre speckige Jacke. Ein fedriges Köpfchen kommt zum Vorschein, kreisrunde, rote Augen starren mir über einem krummen Schnabel entgegen.

Das Mädchen zittert, ihr Blick huscht immer wieder fort, wer weiß, wo der unsichtbare Feind schon lauert.

„Ich kann sie nicht füttern,“ flüstert sie eindringlich, „Du musst uns helfen!“ Sie packt den Vogel, ungeschickt, hält ihn mir hin.

Meine Hände schließen sich um die weichen Federn. Tapfer verbeißt sich der scharfe Schnabel in meinem Zeigefinger. Das tut weh, ein Blutstropfen rinnt mir über die Hand. Doch Schmerz hält die Wirklichkeit in meiner Nähe, dafür bin ich dankbar. Ich sehe auf und erhasche noch einen Blick auf blaues Haar, bevor das Mädchen im Gewühl verschwindet.

Die Angst zerrt jaulend an ihrer verrosteten Kette, aber ein Tritt bringt sie noch einmal zum Schweigen. Was jetzt? Das kleine Eulenherz in meiner Hand schlägt schwach und unregelmäßig. Eine blasse Erinnerung regt sich, und ich haste meinen Weg zurück. Tatsächlich, da ist das kleine bunte Holzschild:“Papageno- Fachhandel für Vogelbedarf“.

Ein Windspiel klimpert aufgeregt, als ich die altersschwache Tür aufstoße und in das Halbdunkel des kleinen Ladens stolpere. Es riecht nach schimmeligem Heu und Vogelkot, darüber liegt der schwere Duft von Pfeifentabak. Schmale Regale, die bis unter die Decke vollgestopft sind mit Käfigen und fremartigem Krimskrams versetzen mich zurück in die Träume meiner Kindheit.

„Wie kann ich helfen, Täubchen?“ knarzt eine alte Stimme hinter dem hölzernen Tresen hervor. Aus dem Schatten erhebt sich eine winzige Frau, zierlich wie ein Vögelchen. In ihrem Mundwinkel hängt eine erloschene Pfeife und sie mustert mich aus ebenholzschwarzen Augen.

„Ich brauche einen Eulenkäfig“, flüstere ich und starre gebannt auf den mottenzerfressenen Fuchs, den sie um den Hals trägt.

„Da bist Du hier ganz richtig, Liebchen. Zeig mir die Kleine.“

Ich strecke der Alten meine Hände entgegen. Der Vogel schnarrt unbehaglich und dreht sein Köpfchen ruckartig hin und her. Kühle Finger berühren mein Handgelenk. „Armes Schätzchen.“ Ich bin nicht sicher, wem von uns beiden das gilt.

Die Alte husch flink die Regale entlange, murmelt geschäftig vor sich gin, bis sie schließlich fündig wird.

„Hier drin ist der kleine Rattenfänger sicher“. Sie grinst triumphierend und entblößt dabei ihre tabackfleckigen Zähne. „Macht´n Zehner, Liebchen.“

Behutsam setze ich die Eule in den hölzernen Käfig, der aussieht, als stamme er aus dem Mittelalter. Die Vogelhexe steckt sich währenddessen zufrieden ihr Pfeifchen wieder an. Fast bilde ich mir ein, dass ihre Augen aufglühen, wenn sie daran zieht. Der schwere Rauch benebelt meine Sinne, ich zahle rasch. Das Windspiel klimpert hell, und so verstehe ich nicht recht, was mir die Alte noch mit auf den Weg gibt.

„Ihre liebste Beute ist…“

Ich habe keine Muse, darüner nachzudenken, denn kaum trete ich in die Menschenmenge hinaus, springt sie mich an, meine Angst, rittlings aus dem Hinterhalt. Ich wanke unter ihrem Gewicht. Eine eiserne Faust umklammert mein Herz, ich ringe nach Luft, es rauscht in meinen Ohren, wie von riesigen Schwingen. Gesichter verwandeln sich in bedrohliche Fratzen, Hände werden zu Klauen, die nach mir greifen, ich falle, ich falle in bodenlose Finsternis…

Ich würge, huste. Atme schließlich. Kalte Luft strömt in meine Lungen. Jemand schlägt mir kräftig auf den Rücken. Erschrocken aufgerissene Augen in einem dunklen Gesicht mustern mich besorgt. „He, Lady, are you okay? Damn, you look like a fucking…“was-auch-immer, ich will es gar nicht wissen. Eine kleine Menschentraube hat sich um mich versammelt. Ich sitze am Boden, in den Armen eines dunklen Riesen und mitleidige, neugierige und angewiderte Blicke regnen auf mich herab. Ich kann mich nicht bewegen, mein Körper gehorcht mir nicht. Der freundliche Hüne hebt mich auf, als sei ich leicht wie ein Kind und trägt mich zur nächsten Bank. Sein Mantel riecht nach Erde und Wald, und am liebsten möchte ich mein Gesicht darin vergraben, mich verstecken vor all den Blicken, mich vergessen. Aber das ist gegen die Spielregeln.

„Danke“ wüge ich hervor. Blass und schmal liegen meine Hände für einen Augenblick in den seinen. Er nickt. Dann steht er auf und verschwindet in der Menge. Einfach so.

Weil ich wohl wieder etwas Farbe habe, und offensichtlich keinerlei weitere Unterhaltung biete, zerstreuen sich die Gaffer rasch.

Bestandsaufnahme.

Mein Herz schlägt erstaunlich gleichmäßig.
Meine Hände fühlen sich stark und warm an, als hätten sie die Kraft des dunklen Mannes in sich aufgesogen.

Mein Magen ist dort, wo er hingehört.

Kein Summen, kein Rauschen im Kopf.

Kein Flimmern vor den Augen, Atem ruhig und gleichmäßig.

Wo versteckt sie sich?

Mein Blick fällt auf den Vogelkäfig, wenige Meter entfernt liegt er mitten auf dem Bahnsteig. Ein Mann kickt ihn achtlos beiseite. Ich bilde mir ein, das Knacken der morschen Gitterstäbe zu hören.

Der Käfig ist leer, die kleine Tür aus den Angeln gerissen. Ich hebe ihn auf und drücke ihn an meine Brust.

Ihre liebste Beute ist…

Mein Kopf fühlt sich leicht und leer an, ich bin schwerelos. Ich muss auf meine Füße hinunter sehen, um mich zu vergewissern , dass ich nicht schwebe.

Ihre liebste Beute ist…

Mein Herz macht Frieden mit sich selbst. Wärme breitet sich aus, bis in meine Fingerspitzen

Ihre liebste Beute ist…

….die Angst. Sie ist tatsächlich fort.

Als ich aufblicke, trifft mich ein Lächeln und verschwindet gleich darauf wieder in der Menge. Die Abendsonne fällt schräg über die Gleise, und färbt sie in Rot- und Goldtönen.

Ich lasse mich treiben, und der Herzschlag der großen Stadt erscheint mir nicht länger bedrohlich, vielmehr verheißungsvoll.

Bevor mich die Menge durch das steinerne Tor in die Menschenwelt spült, werfe ich einen letzten Blick hinauf in die Bahnhofskuppel. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube dort oben auf dem Querbalken sitzt eine stattliche Eule. Ich stelle mir vor, wie ihre Augen in der Dämmerung glühen, und mir scheint, als hielte sie eine beachtliche Ratte in ihren Fängen.

Nur zu, schreit mein Herz in die Kuppel empor, reiß sie in Stücke!

Und dann atme ich tief durch und lasse mich fallen, mitten hinein in das pulsierende Leben in der großen Stadt.

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