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Archive for September 2012

Begegnung mit Thor

Ich bin so zornig, dass ich das Gefühl habe, als stiegen stinkende, giftgrüne Rauchwölkchen aus meinen Ohren empor. Das Blut rauscht in meinem Kopf, ich fluche lauthals, und bin selbst beeindruckt ob der satten Fülle unflätiger Ausdrücke die ich der gleichgültigen Stille unseres Hausflures entgegen brülle. Meine Freundin, die Psychotherapeuthin, wäre beeindruckt, stelle ich in einem Winkel meines Hirns befriedigt fest. Fluchen soll ja gesund sein, besonders für Frauen. Ich trete vorsichtshalber zusätzlich noch meine Gummistiefel unter das Regal, und dann versuche ich, jene Person zu erreichen, deren Verhalten, oder besser gesagt, „Nichtverhalten“, den Stein des Anstoßes geliefert hat.

Ich bin versetzt worden. Der Hufschmied hat sich angekündigt, und um den sehr frühen Termin einhalten zu können, habe ich mich mit einer Bekannten verabredet, um die Pferde gemeinsam rechtzeitig von der Weide zu holen.

Ich habe die Nacht schlecht geschlafen. Ich nötige die Kinder eine viertelstunde früher aus dem Bett, damit alles reibungslos klappt (ich oute mich hiermit als Pünktlichkeitsfanatiker, natürlich habe ich habe diesen Plan schon am Abend zuvor bis ins kleinste Datail ausgeklügelt).Ich stopfe also die verschlafenen Kinder ungekämmt noch im Dunkeln ins Auto, glücklich, dass dieser erste Teil nur von mäßigem Gebrüll begleitet wird, ignoriere sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen auf dem Weg zu Schule und Kindergarten, hetzte in die Bank, um Geld für den Schmied abzuheben. Oh nein, das hätte ich miteinplanen müssen: Ein unverschämtes Blinken teilt mir mit: Automat vorübergehend außer Betrieb. Ich verliere kostbare 4 Minuten und 4,50 Euro weil ich nun zum „fremden“ Automaten muss , dann feuere ich die Hunde  beim Hochgeschwindigkeitspinkeln an, und siehe da ich stehe punkt viertel vor acht auf der Weide, außer Atem, aber hochzufrieden mit meiner gelungenen Planung.

So, 2 Minuten sind noch drin…ich bereite die Pferde schon mal vor… jetzt müssen wir aber! 3,5 Minuten Fußweg bis zum Stall, das Ganze mal zwei, mit etwa 2 Minuten Spielraum für potentiell aufgeregtes Jungpferd. Von der Bekannten keine Spur. Unruhig laufe ich auf und ab. Ja, wenn ich darüber nachdenke….ich weiß ja, dass Pünklichkeit nicht ihre Stärke ist…deswegen hatte ich  ihr gestern mehrfach  eindringlich die Wichtigkeit ihrer Mitarbeit klar gemacht und zudem 10 weitere Minuten eingeplant! Auch die verstreichen, und ich spüre, wie eine Ader an meinem Hals beharrlich zu pochen beginnt. Die Leitstute sieht mich aus einem Auge fragend an, bemerkt das nervöse Zucken um meinen Mundwinkel, und wendet mir demonstrativ das wohlgenährte Hinterteil zu. Lass mich bloß in Ruhe mit Deinem Stress!

8 Uhr. Ich renne zum Hof. Keine Spur der jungen Dame. Mitleidiges Kopfschütteln ist alles, was ich finde. Meine Haare scheinen sich zu kräuseln, und ich meine zu spüren, wie mir kleine spitze Hörner aus dem Hirn wachsen. Ich bin sicher, meine Augen sind jetzt drachengrün, und mein Blut ist kurz vor dem Siedepunkt. Ich renne zur Weide, greif mir das nächstbeste Pferd, eins ist ja besser als keines, jogge zum Stall- da steht der Schmied schon.

Dem Pferd ist das ziemlich unheimlich, allein mit einem drachenäugigen, teufelsgehörntem Frauchen und es strebt nach Flucht. Der Schmied, durchaus an seiner Gesundheit interessiert, läßt seinen Blick vom zappelnden Pferd zu meinen verzerrten Gesicht wandern und fragt sich ganz offensichtlich, wer von uns beiden das kleinere Risko darstellt. Ich knurre ein paar unschmeichelhafte Dinge über Verläßlichkeit und Respekt, der Schmied bewahrt die Ruhe. Mit französischem Charme schickt er mich dann wieder heim, das arme Pferd sei ja ganz durcheinander, und ich solle doch nicht an der Menschheit an sich verzweifeln…er könne ja morgen um dieselbe Zeit wieder kommen.

Und da stehe ich nun in unserem Hausflur in den Scherben meiner sorgfältigen Planung und fluche über die Respektlosigkeit gegenüber meiner wunderbaren Tagesplanung. Ich greife zum Hörer, muss meinen Zorn endlich loswerden…kurz regt sich die Erinnerung an ein Seminar in gewaltfreier Kommunikation.

Ein freundlicher kleiner Engel im weißen Seidenhemdchen flüstert mir eindringlich ins Ohr: Sachliche Beschreibung der Situation , was macht das mit Dir, was fühlst Du, was steckt für ein unerfülltes Bedürfnis dahinter, welchen Wunsch, welche Bitte hast Du an Dein Gegenüber…geh in die Energie der Liebe!

Die freundliche Stimme der Mailbox wünscht mir einen guten Morgen: Ich hole tief Luft, schaffe noch ein halbwegs artikuliertes Hallo, bevor die Teufelshörnchen aus meinem Hirn schießen, der Jähzorn  mich übermannt (so ähnlich mussten sich einst die Wolfskrieger der Nordmänner gefühlt haben, von Thors Wutrausch besessen) , ahne vage, dass ich mich nicht gewaltfrei und liebevoll ausdrücke und knalle den Hörer nach einer Tirade über Verläßlichkeit und Respekt schwungvoll auf die Gabel.

Mir bleibt die Hoffnung, dass dies zwar nicht erwachsen und korrekt war, aber sicherlich ungeheuer gesund….und schließlich kann ich mich ja später noch ganz ordentlich und gewaltfrei bei einer guten Tasse Tee entschuldigen.

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Erinnerung

Das Land bewahrt die Erinnerung.

An Zeiten, in denen es geliebt und geehrt wurde.

An Zeiten, in denen Menschen im zarten Licht des Morgengrauens singend über die ruhenden Felder schritten.

An Zeiten, in denen Dankbarkeit für die Geschenke der Erde tief in den Herzen der Menschen verwurzelt war,

und helle Feuer brannten unter dem schweigsamen Glanz der Sterne.

 

Das Land bewahrt die Erinnerung.

Nun ist es an uns, schweigend zu lauschen, auf das tiefe Raunen der Brunnen, das helle Singen der Quellen,

auf das flüsternde Rascheln der Blätter in der atmenden Stille der Nacht.

Es ist an uns, zu verstehen und erneut zu weben,

um unser Herz  seiner stahlgrauen Kruste aus blindem Glas und Beton zu entledigen,

damit es abermals blutrot und lebendig einstimmt in den Klang des Alten Landes.

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Donnervogel

Es ist der Tag nach der Schwitzhütte. Alles ist leicht und still, die Welt noch seltsam fern. Nichts zu spüren von der üblichen Betriebsamkeit im Camp.
Wir trödeln in den Tag hinein, selbstvergessen, die Kinder plantschen im silbrig glitzernden Flüßchen, die Sonne brennt schon früh heiß und gleißend.

Am spätem Vormittag dann werde ich mit einem Mal unruhig, erwache unwillig aus meiner dahin plätschernden Trägheit.

Die Hütte scheint zu rufen, sanft, aber hartnäckig. Mit den Kindern zusammen schlendere ich zum Platz hinüber. Über der Hütte flirrt die Luft bereits, aus der Feuerstelle steigen immer noch winzige Rauchfäden auf.

Eher beiläufig werfe ich die Decke über dem Eingang der Hütte zurück, noch halb in einem Gespäch mit den Kindern.

Heißer Dampf schlägt mir entgegen, als sei eben noch eine Kelle Wasser auf glühende Steine gegossen worden, die Gegenwart der Alten trifft mich wie ein Schlag.

Instinktiv weiche ich zur Seite aus und mache ehrfürchtig und ein wenig erschrocken den Eingang frei.

Helena, die bis eben noch selbsvergessen Jagd auf Grashüpfer gemacht hat, läuft zu mir, nimmt meine Hand und späht vorwitzig in die Hütte. Dann verkündet sie lauthals und begeistert: „Oh, Huhn kommt raus!“ und macht schnell Platz,um dann kichernd und glucksend immer wieder mit den Händchen in die Hütte zeigend, auf und ab zu hopsen. „Großes Huhn! Kommt raus!“

HUHN KOMMT RAUS??

Meine ehrfürchtige Stille zerplatzt völlig würdelos, und macht einem gewaltigen, unaufhaltsamen Kichern Platz. Ich kann gar nicht anders, ich lache und pruste und schnappe mir meine kleine Tochter und wirbele sie um mich herum im Kreis, bis wir beide, sie kreischend, und ich  atemlos, ins Gras plumpsen.

Ich blicke in den kornblumenblauen Himmel, warte darauf, dass die Welt sich zu drehen aufhört und bin glücklich über meine Tochter, die sich so unbändig freut, Wakinyan zu sehen, den Großen Donnervogel, der ihr wohlwollend mit seinen scharfen Adleraugen zuzwinkert,  noch einmal mit einem überdimensionierten Hühnerflügel winkt, und schließlich  in der flirrenden Hitze mit der Weite des Himmels verschmilzt…

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Kreistanz

„In eurem Garten stimmt was nicht“, sagt der Mann mit der Winkelrute.

Ja, sicher, die Ecke oben an der Straße ist ziemlich verwahrlost, dort wachsen nur ein paar zerzauste, verdrehte Pflaumenbäumchen mit spitzen kleinen Ästchen, die sich zu gerne in den Kinderhaaren verfangen. Ja, auch jede Menge Brennesseln sind da und natürlich die allgegenwärtigen Basaltbrocken, ausgespuckt vom Großen Vulkan.

Aber sonst?

„Da oben wirbelt was, tief in der Erde“, sagt der Mann,“ da brauch ich gar nicht erst zu gehen, das seh ich schon!“

„Ganz schlimm, wirklich sehr stark“, sagt er, nachdem er doch gelaufen ist, „überhaupt der schlimmstmögliche Fall! Da sitzt eine Erdverwerfung. Ja, und groß ist sie. Riskant, ja, gefährlich!“

Was, um alles in der Welt mag das sein?

Mein beschränktes geologisches Wissen erzeugt das Bild einer Horde unter Tage arbeitender Zwerge, mit verkniffenen, boshaften Gesichtchen, die sich gegenseitig Vogelsberger Vulkangestein an den Kopf werfen und dabei unflätige Flüche zischen…

Ich schüttle den Gedanken ab und versuche dem Mann zu folgen, der gerade so etwas sagt wie: Gamma-Strahlen, ganz heimtückisch, kein Wunder, dass die Tiere verrückt spielen, um dann sorgenvoll  vor sich hin murmelnd weiter unseren Garten abzuschreiten.

Meine Konzentration hingegen wird abgelenkt durch die Nachbarin, die sich möglichst unauffällig immer tiefer in ihre Fosythien zwängt, um einen noch besseren Blick auf die seltsamen Vorgänge in unserem Garten zu erhaschen. Ich grüße höflich, sie winkt mit ihrer Alibiheckenschere.

Soweit also die Diagnose. Und ich kann nicht umhin, daß mich seit dem stets ein mulmiges, kaltes Gefühl beschleicht, wenn ich die „armen, sterbenden Bäume“ sehe, wie sie verkrüppelt und verdreht versuchen „der Erdstrahlung“ zu entfliehen…

Aber: Entstören kann man da nix, sagt der Mann und nickt schicksalsschwer, auf jeden Fall meiden..oder noch besser UMZIEHEN?

Da ist es, das böse Wort, das wir aus unserem Wortschatz streichen wollten, das allergische Hautausschläge hervorruft und hysterischen Schluckauf.  Alles rebelliert sofort auf Hochtouren! Niemals!

Wir beraten. Wir grübeln. Wir hadern und jammern.

Ich frage das Kleine Volk im Garten um Rat. Ich frage Google, Tante Wiki, Geomantenforen….ich warte.

Und allmählich formt es sich, ein Bild nimmt Gestalt an, drängt sich aus den Tiefen der Anderswelt in mein Herz, in meinen Verstand, und von dort aus auf´s Papier und hoffentlich auch bald aus Gutem, solidem Basaltgestein in unseren Garten..

….ein Kreis, ein Kreis aus Steinen, ein Kreis der Himmelrichtungen und Elemente, das Jahresrad, ein Medizinrad!

Und dann wollen wir mal sehen, ob die griesgrämigen Zwerge nicht vielleicht viel lieber übermütig im Mondschein tanzen, sich gegenseitig wunderhübsche Ketten aus Schneckenhäuschen schenken, oder sich mit roten Apfelbäckchen  an den überreifen Pflaumen laben…

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Löwenzahn

Da sitz ich nun vor dem weißen Bildschirm und möchte einen schönen und motivierenden ersten Blogeintrag schreiben, und alles, was mir einfällt, ist, warum, verdammt noch mal muß gerade alles so verflucht schief laufen??

Warum wird alles, was wir anpacken, unweigerlich zur Katastrophe, kompliziert, dramatisch, anstrengend, schrecklich?

Als würde genau in jenem Moment, in dem wir uns zu etwas entschließen, ein roter Schalter umgelegt (mit Sicherheitsentriegelung) auf dem steht: HÖCHSTMÖGLICHES KOMPLIKATIONSLEVEL AKTIVIEREN!

Und dann fangen die Ereignisse an zu rotieren, erst gemächlich, so daß man noch Schritt halten kann, dann schneller und schneller…

Rote Warnlichter blinken auf, Sirenen beginnen in den gräßlichsten Dissonanzen zu schrillen. Ein Männchen im grauen Nadelstreifen springt auf und ab wie ein verkleidetes Rumpelstilzchen und brüllt so laut es vermag: „Nachschub bei den bürokratischen Stolperfallen! Mehr unvorhersehbare Entwicklungen! Andauernde Regenfälle! Tote Schafe! Steine im Garten! Wasser im Keller! Los, los, schneller, nur keine Müdigkeit vorschützen!“

Und ich sehe uns, klein und bleich, wie wir mit den Armen fuchteln, umherrennen, gegen Wände stoßen, hektisch und stumm wie in einem Film mit Laurel & Stan. Schließlich springen wir gehorsam in das Hamsterrad zurück und unter dem hämischen Gelächter von Rumpelstilzchen beginnen wir verzweifelt zu strampeln und zu rennen, nirgendwo hin, aber voller Angst, getrieben von einem peitscheschwingenden Dämonenheer, das jetzt skandiert: „Finanzielle Sicherheit! Altersvorsorge! Kredite! Auto! Tierarztrechnungen! Weiterlaufen, weiterlaufen!“

Ich sehe uns stolpern, aus dem Takt geraten, stürzen und erschöpft liegenbleiben…dann wieder aufspringen, taumeln, weiterrennen, verzweifelt, sinnlos….

STOPP! Nochmal zurück! Was ist das denn für ein verdammt schlechter Regisseur?

Also…das kleine Arschloch brüllt gerade: „Nachschub bei den Bürokratischen Stolperfallen!“ und weitere Freundlichkeiten, da sehe ich, wie wir uns an den Händen fassen und lächeln und alles ganz still wird. Ich stecke dem kleinen grauen Drecksack eine blühende rote Rose ins Knopfloch und Du ziehst ein endlos langes, buntes Plakat aus Deiner Manteltasche. Es flattert wie ein Banner im Wind und ich kann lesen:

„Vertrauen“ in blauen Lettern…und dann „Leichtigkeit“…dahinter „Humor“ und schlußendlich „Gelassenheit“.

Jeder der nun ziemlich verlegen dreinblickenden Dämonen bekommt einen hübschen, herzförmigen, pinkfarbenen Zettel auf die vernarbte Stirn gepappt. Da steht auf einem Herzen „Familie“, „Zusammenhalt“ auf einem anderen oder auch „Ausgestiegen!Ätsch!“ und auf einem besonders hübschen „Liebe“…

Und dann gehen wir beide, unter regenbogenbuntem Konfettiregen, durch die grauen, tristen Straßen, bis wir den ersten Löwenzahn entdecken, und dann die Rosen, und die Holunderbüsche, und schließlich in der Ferne den Wald erahnen können…

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