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Es ist Vollmond. Egon, der Blizzard hat Kurs auf den Vogelsberg genommen, angeblich hat er beeindruckende Schneemassen und Orkanböen im Gepäck. Aber noch ist es ruhig draußen.
Auf dem Holderhof, drinnen im Haus, ist endlich Abendstille eingekehrt, die Kinder schlafen, der Hund schnarcht, die Pferde sind versorgt. Ich könnte also entspannen.
Aber etwas treibt mich um.Ich hab ein solche Unruhe in mir, dass ich unmöglich still sitzen kann.
Nervös zappel ich zwischen alten Liedern hin und her: Life of Agony, Depeche Mode, Tori Amos, Massive Attack….Pumpkins? Nichts passt.
Etwas zieht und zerrt an mir. Rumort. Piesackt mich. Ich will es loswerden, will es in Worte packen, es ausspucken, erledigen, in den Äther schicken.
Mein Kopf produziert platte Phrasen, farbloses Gewäsch, angepasstes BlaBla.
Nichts davon ist hat auch nur annähernd mit dem zu tun, was ich sagen will.
Aber um was geht es?

Also gut. Ich glaube, es geht um Pferde. Genauer gesagt geht es um eines meiner Pferde.
Und es geht um Menschen. Genauer gesagt, in diesem speziellen Fall um mich.
Ja, das Pferd ist schuld, dass ich meine kostbare Schlafenszeit vergeude, rastlos durch das Haus wandere, und auf den Blizzard warte, mitten in der Nacht.
Gestern morgen hat es angefangen. Als der Sturm sich zum ersten Mal vorsichtig ankündigte…

Inmitten wirbelnder Schneeflocken stehe ich zum ersten Mal seit vielen Monaten auf dem Reitplatz. Es stürmt beinahe, aber ich bewege mich nicht. Ich stehe nur da und atme, in aller Ruhe. Kalte, klare Luft. Winterfrische, die wach macht.

Ich weiß, sobald ich mich bewege, ist dieses gute Gefühl vorbei. Dann schmerzt mein verletzter Fuß, und seit gestern macht mir meine Hüfte heftig zu schaffen. Wie soll ich dann aber mit meinem Pferd arbeiten, so unbeweglich und ungeschickt? Wie soll die Freiarbeit mit Ali funktionieren, wenn ich mich bewege wie eine Achtzigjährige? Vielleicht hätte ich besser noch warten sollen. Bis die Schmerzen weg sind. Der Schnee geschmolzen ist. Und es nicht so stürmt…                  

Mein Pferd beobachtet mich. Besser gesagt, Ali starrt mich unverwandt an, während ich meine Überlegungen hin und her wälze. Seine Ohren gespitzt, die Nüstern weit, ist er ganz bei mir. Ungewöhnlich für ihn, der normalerweise überall ist mit seiner Aufmerksamkeit, übersensibel und mißtrauisch, immer mit einem pferdefressenden Monster rechnend, vor allem, wenn es windet.

Ich erwidere seinen Blick, und seltsamerweise kommt es mir vor, als sähe ich ihn nach langer Zeit zum ersten Mal. Er scheint viel wirklicher, viel fester, viel präsenter zu sein. Als seien seine Umriss schärfer, seine Farben lebendiger geworden. Mir fallen die einzelnen schwarzen Haare in seiner sonst blonden Mähne auf, was ihn aussehen lässt, als hätte er distinguiert ergraute Strähnchen. Und sein langer Kopf mit der grauen Tapirnase. Der Winterplüsch, unter dem so viel explosive Kraft steckt.

Der Wind nimmt zu. Üblicherweise kann es Ali kaum erwarten, buckelnd und quietschend mit dem Wind um die Wette zu toben, und seine Geduld, bis ich ihm das in der Freiarbeit erlaube, hält sich normalerweise in Grenzen. Und jetzt? Steht er immer noch da, und sieht mich an, atmet gelassen ein und aus. Und strahlt eine für ihn so untypischen Sanftmut aus, dass es mich unvermittelt bis ins Mark trifft.

In Gedanken hatte ich ihn und die anderen beiden in den letzten Monaten schon tausendmal verkauft. In Gedanken wollte ich nie mehr mit Pferden arbeiten. Keine Reittherapeuthin mehr sein. Kein einziges Pferd mehr ausbilden. Keine Schüler mehr haben. Nicht mal mehr reiten. Am liebsten das Kapitel „Pferde“ gänzlich aus meinem Leben streichen.

Und jetzt wischt Ali all diese zornigen, bitteren, vermeintlichen Entschlüsse mit einem weichen Wimpernschlag und einem sanften Senken seines Kopfes achtlos beiseite. Er sagt: „Ich bin Hier. Und Du bist hier. Worauf wartest Du noch?“

Ich richte mich auf, nur ein wenig, ein winziger Fingerzeig und Ali setzt sich in Bewegung, ganz gelassen und ohne Hektik. Der Schnee stiebt von der eingeschneiten Schwitzhütte auf den Reitplatz, hüllt Ali für einen Moment in eine Wolke aus funkelndem Sternenstaub.

Der Sturm nimmt allmählich Fahrt auf, zaust und rüttelt an den Bäumen, aber mir scheint, als seien Ali und ich in eine behutsame Stille gehüllt, in der es nur uns beide gibt und das Schlagen unserer Herzen. Meine Gesten sind so klein, meine Füße bewegen sich so wenig, dass mir nichts wehtut. Ali scheint durch das Schneegestöber zu schweben. Antraben, Handwechsel, Übergänge. Stehen bleiben, rückwärts richten. Alles gelingt mühelos, es ist wie ein Tanz, ein Spiel.

Und ich kann nicht anders, die kindliche, wohlvertraute Begeisterung für diese Geschöpfe packt mich abermals mit Haut uns Haaren, und schon bin ich ihrer Schönheit verfallen, kann wieder spüren, was mich all die Jahre dazu gebracht hat, mit ihnen leben und arbeiten zu wollen und ihnen soviel Zeit und Geld und Kraft zu widmen.

Diese wenigen, kostbaren Minuten im Schneesturm mit meinem sonst so mißtrauischen und schreckhaftem Pferd erschüttern meine Welt, wieder einmal.

Als unser Tanz zuende ist, meine Füße eisig, die Lippen taub, wendet sich Ali mir zu und wir stehen noch einen Moment beisammen, bis mich die peitschenden Schneeflocken vertreiben. Ich bedanke mich bei ihm, und als ins Haus gehe merke ich, dass ich kaum noch Schmerzen habe.

Damit also hat sie angefangen, diese Unruhe, dieses Gefühl der Rastlosigkeit, das mir heute nacht den Schlaf raubt. Und allmählich, während ich aus dem Fenster blicke, und mich in den taumelnden Schneeflocken verliere, ahne ich, was mich umtreibt.

Ali hat mir an diesem Morgen eine Frage gestellt. In seinem konzentrierten, unverwandtem Blick lag eine Frage und jetzt, während ich in dieser Vollmondnacht auf Egon, den Blizzard warte, nimmt sie allmählich Gestalt an. Ich sehe Alis dunkle, große Augen wieder, sehe mich ihm gegenüber, vor unserem Tanz, müde, zweifelnd. Und er sagt: „Traust Du Dich? Wagst Du den nächsten Schritt, ohne Deine Masken? Bist Du bereit für die nächste Lektion?“

Das seltsam grausilberne Licht dieser Vollmondnacht scheint durch das Fenster hereinzudringen  und unser Wohnzimmer zu fluten. Es ist unglaublich still, Egon lässt sich Zeit.

Ich sinne nach, über Ali. Ich weiß, er ist ein kompromissloser Lehrer und trotz der drei gemeinsamen Jahre hab ich mich bisher ganz gut vor seinen Lektionen versteckt, hab andere gelehrt, mit anderen Pferden gearbeitet, bin ihm aus dem Weg gegangen.

Aber vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Vielleicht hab ich jetzt den Mut. Und den brauche ich, denn die Lektion, die Ali lehrt, ist schwierig für mich.

Er fragt: Bist Du bereit zu vertrauen?

alischnee1

 

                                                                                                                        

 

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Zweitausendsechzehn

Das Leben hat mich gepackt,
in diesem Jahr,
mich mit scharfen Krallen herausgerissen
aus meiner watteweichen Sicherheit,
meiner Wohlstands-so-muss-es-sein-Welt.

Es hat mich über Winterwälder getragen
hinauf in die Kälte des Alls.
Dort, wo alles zu Eis erstarrt,
bewegungslos wird,
werfe ich einen Blick
auf meine fremd gewordene Welt,
bis sie kleiner und kleiner wird,
schließlich meinen Blicken entschwindet.

Und es trägt mich weiter, rücksichtslos,
in rasender Gechwindigkeit,
bricht meinen Willen, vernichtet meine Vorstellungen
davon, wie Leben sein sollte.

Es schüttelt mich,
pickt mit seinem eisenharten Raubtierschnabel
an meinem Herzen,
frißt ungerührt Träume,
die schönen wie die grauenvollen,
labt sich an Tränen des Leids und der Freude gleichermaßen
und trägt mich unterdessen weiter und weiter
fort.

Irgendwo hoch oben
im Gebirge längst vergessener Welten schließlich
wirft es mich nieder, achlos, beiläufig.
Mein Körper zerschmettert.
Der Geist verirrt sich im Nebel.
Das Herz hält den Atem an.
Die Seele auf dem Sprung.

Nur ein Atemzug noch. Nur einer noch.
Das Leben hat mich ausgespuckt.
Es hat mich verraten.
Es hat mich entführt.
Es hat mich zerfetzt.
Ich bin auf dem Sprung.

Nur ein Herzschlag noch. Nur einer noch.
Ich warte auf die Stille.
Ich sehne mich nach dem Licht.
Ich bin es leid.
Des Leidens so müde.
Bin nicht gut im Ertragen und Erdulden.
Also worauf wartest Du, Leben?
Siehst Du nicht, wie Du mich zugerichtet hast?
Gib mir den Rest!

Dunkelheit statt Licht.
Warme Leere anstelle der Stille.
Mein Atem streicht über meine geballten Fäuste,
das stete Pochen meines Herzens hallt
wie Donner in meinen Ohren.

Tja, sagt mein Körper, das tut zwar weh,
aber so leicht stirbt es sich nun mal nicht
am Leid des Welt, und schon gar nicht an Deinem Kleinen.
Tut mir wirklich leid, sagt mein Geist,
ich denke, also bin ich, Du weißt schon.
Aua, sagt mein Herz, da ist ein Loch in meiner Mitte.
Uups, sagt die Seele, so schmerzhaft fühlt sich das also an.
Willkommen Demut.

Also richte ich mich auf, zerschunden und müde
und mein Blich schweift über Berge und Schluchten.
Ich liege hoch oben in einem Nest
aus hellen Birkenreisern,
eine Art Schale,
schwankend in der Krone eines unermeßlich hohen Baumes.

Und über mir- der schräge Riesenvogel Leben,
der mich beäugt, mich schief gelegtem Kopf,
und scharfem Blick.

Du wirst wohl oder übel erst mal hierbleiben,
sagt der Vogel,
ich werde Dich füttern müssen,
ausgehungert wie Du bist.
So kannst Du ja nicht fliegen, kleine Seele,
und wir wollen ja nicht, dass du vom Rand Deiner Welt stürzt,
nicht wahr?

Uns so schlucke ich gehorsam
was der Vogel von seinen Beutezügen nach Haus trägt.
Ich schmecke das Farbspiel zahlloser Sonnenaufgänge,
koste den Tau, gesammelt von silbernen Spinnweben,
lasse mich füttern mit Bildern
von wilden Felsküsten uns Frühjahrsbirken,
mit Geräuschen aus Kinderlachen und dem hellen Wiehern glücklicher Pferde,
und den Worten meines Liebsten.
Ich verschlinge gierig mundgerechte Häppchen,
zubereitet aus Glück, Leidenschaft, Neugier,
Wissendurst und Liebe, noch eines und noch eines,
bis der schreckliche Hunger in mir schließlich milder wird.

Das schwarze Loch in meiner Mitte schrumpft.
Die Kälte schwindet,
in selbem Maße,
wie mein Herz allmählich gesundet.

Und dann, im hellen Morgenlicht,
packt mich das Leben,
trägt mich abermals hinauf,
dieses Mal der Sonne entgegen,
ikarusgleich.

Es ist hell, gleißend und heiß, so heiß.
Doch bevor die Schwingen des Vogels Feuer fangen
und die dünne Luft meine Lungen zerschneidet,
öffnet der Vogel seine Klauen,
beinahe zögernd, behutsam,
und ich falle.

Falle der Erde entgegen,
schneller und schneller,
bis
ich spüre
wie meine Glieder sich strecken,
mein Herz sich weitet,
meine Seele einen Funken entfacht,
und dann

breite ich meine Flügel aus,
fange den Sturz ab,
gleite und tanze,
den freundlichen Wind unter den Schwingen,
über mir die Morgensonne und
in meinen Ohren
gellt der adlergleiche Ruf des Lebens.

Coming Out

Seit Tagen und Wochen wälze ich Worte und Phrasen, drehe sie hin und her,wende sie,knete sie, bis sie unkenntlich und grau vor mir liegen,und wieder eingestampft werden.
Selten war ich so um Worte verlegen.
Selten war das Schweigen so hartnäckig.
Und doch- etwas drängt ans Tageslicht.

Ein Bekenntnis.
Neue, alte Träume.
Spinnwebzart. Urgewaltig.
Weibsbildträume. Frauendinge. Ahninnengewisper.
Erschüttern meine Sicht der Dinge.
Schneiden leise und sachte das Bild meiner selbst als
Frau dieser Zeit in herbstbunte Schnipsel,
die ein leiser Wind zerstreut.

Mir wird es leicht ums Herz.
Ich hab aufgehört zu müssen.
Habe aufgehört, erfolgreich sein zu müssen,
habe aufgehört, hart sein zu müssen.
Muss nicht mehr kämpfen, oder Erwartungen erfüllen.
Nehme mir Freiheiten, die bisher in meiner Welt nicht vorkamen.

Kleine, zarte Alltagsfreiheiten,
die glitzern wie bunte Kiesel am Strand eines Sees.

Will helle Räume schaffen,bunte Bilder an die Wände zaubern,
will Zeit und Muße haben,
will durch den Wald trullern und Schnecken zählen,
will Apfelkuchen am Mittwoch backen, will kleine klebrige Pfoten in meiner Hand spüren,
will erste Schritte begleiten, will Teenieliebeskummer trösten,
will streiten und trösten und zuhören und rumbrüllen, wenn keiner den Müll rausträgt,
will den Kreis halten,
will blutige Knie verarzten,
will Salat pflanzen und Entenküken großziehen,
will vor dem Schlafengehen Kerzen entzünden und Lieder singen,
will Feste feiern und Feuer hüten,
will wissen, wo den Meinen der Schuh drückt und was schön war an diesem Sommerregentag.

Das ist mein Leben, mein Clan.

Und so dreht sich, wandelt sich mein Blick,
Stück für Stück, Träne um Träne.
Ich höre auf, mich zu schämen.
Für meine Art, Frau zu sein.
Für meine Art, Mutter zu sein.
Für mein „nur“ zuhause sein.
Dafür, dass ich, wenn ich ehrlich bin, genau hier sein will,
und nicht mehr an der Uni,im Büro,nicht mal auf dem Reitplatz.

Langsam hebt sich mein Blick und ich sehe Dir in die Augen.
Ja, das bin ich.
Vielleicht unpopulär.
Vielleicht nicht das, was meine Familie oder „die Gesellschaft“ erwartet hat.
Aber ich wage zum ersten Mal den Versuch, stolz auf diese Frau zu sein.
Und das- fühlt sich verdammt richtig an.

Redet mit mir!!

Ja, ich weiß. Es ist zu ruhig hier. Ich bin nun mal leider keine Bloggerin, der die Inspiration ständig und immer aus dem Herzen direkt in die Tasten fließt, auch wenn ich mir das zuweilen wünschte.
Im Prinzip mag ich gar keine Monologe. Die anderer nicht, und meine eigenen schon gar nicht. Auch wenn ich selten wirklich Monologe halte. In mir finden statt dessen mindestens Dialoge statt, oder eher ausgewachsene und laute Streitgespräche Vieler. Aber ich schweife ab.
Was ich sagen will: Ich lechze nach Inspiration. Nach einem echten Austausch. Nach Menschen aus Fleisch und Blut. Die sich ganz real an meinem Küchentisch einfinden und mit mir reden. Laut. Durcheinander. Lebendig. Die mit vollem Mund reden, die vor Lachen prusten (bitte nicht mit vollem Mund), die Feuer und Flamme sind, die wütend sind, traurig, fröhlich, unvernünftig, still, wild, verrückt- und in allem eines: voller Leben.
Am liebsten würde ich jedes leere Zimmer in den vereinsamten Häusern unseres Dorfes füllen mit Menschen, die Lust haben, einen Garten anzulegen, die Kräuter lieben, die schon immer mal Ziegen melken wollten und wissen wollen, wie man Käse macht.
Mit Menschen, die nicht wissen, wie sie ihr Smartphone updaten,aber dafür genau wissen, wie sie das Feuer füttern und hüten müssen, damit man in der Glut die besten Kartoffeln der Welt backen kann.
Mit Menschen, die neugierig sind, wie Gemeinschaft funktionieren kann, die Geschichten erzählen und ebenso gerne anhören, die mit uns in der Schwitzhütte sitzen möchten, die sich am klaren Sternenhimmel nicht satt sehen können.
Eine andere Wirklichkeit.
Ich hab keine Worte dafür.
Nur eine große Sehnsucht.
Verdammt noch mal, redet mit mir!
Irgendwo steckt Ihr, das weiß ich.
Kommt uns besuchen, schenkt uns Hoffnung gegen Kaffe und selbstgemachten Kuchen.
Schenkt Euch die Gewissheit, dass es Menschen gibt, die LEBEN wollen.
Es muss einfach mehr geben als funktionieren, sich anpassen, zuschauen und jammern. Es muss mehr geben als diesen Kampf.
Und ich wünsche mir, dass ich euch treffe. Real. Lebendig. Bei einer Tasse Kaffee, bei uns zuhause, im Wald, in der Schule, von Herz zu Herz.

http://www.holder-hof.de/projekt.htmlfeuerkreis

Wolfspakt

Im Mondlicht des Alten Landes
unter den Augen des Greifen,
treffe ich Dich, Schwester.

Du kommst in Deiner wahren Gestalt,
im silbergrauen Pelz und
mit diesem wissenden, alten Augen.
Du forderst mich heraus.

Zeig Dich, sagt Dein Blick,
zeige Dich, oder Du bist mir leichte Beute.

Ich sehe das Versprechen jenseits meiner Lügen,
und so lege ich die hübschen Masken beiseite,
behutsam, sie haben mich so lange verborgen.

Was siehst Du? frage ich.
Die Wölfin neigt ihren Kopf,
ihre Augen so hell wie die Sterne.

Ich sehe die wilde Frau, sagt sie
die Schwingen, das Schwert.

Und

meinen Platz

an Deiner Seite.

Bildquelle: Facebook: Le Loup, un animal fascinant, Copyright Carina U.

Wölfin

 

 

Versuch und Irrtum

Was soll ich nur tun?

Wenn sie nun nicht zu bannen sind, meine hartnäckigen Träume?

Heimlich sind sie zurückgekehrt, haben sich Zugang verschafft,

sind durch meine sorgsam errichteten Mauern gedrungen, eines Nachts,

als ich mich längst sicher vor ihnen wähnte.

 

Allen Realitäten zum Trotz sind sie am Leben,

erschöpft und ausgemergelt zwar,

aber doch am Leben, das ist nicht zu leugnen.

 

Jetzt lungern sie in meinen Wohnzimmer herum,

spähen in meinen Kühlschrank, ob ich nicht doch etwas Nahrhaftes für sie hätte,

sehen mich mit hungrigen Augen an, als erwarteten sie der Vergangenheit zum Trotz ein herzliches Willkommen.

 

Was soll ich tun?

Ich frage mich, wie sie den Weg zurück finden konnten.

So gut durchdacht war mein Plan, so weit fort hatte ich sie gebracht, durch den Nebel, über steinige Wege, über Berge und Wälder, so weit fort wie irgend möglich.

 

Schlafend hatte ich sie fortgebracht, ausgesetzt wie Hänsel und Gretel, sie fraßen mich auf, sie raubten mir mein karges Brot, da musste ich sie fortbringen, das verstehst Du doch sicher.

 

Ich wähnte mich in Sicherheit, ich baute mir eine steinerne Burg, ich verschanzte mich, ich tat so, als sei ich immer noch am Leben.

 

Jetzt sitzen sie hier, wie Kinder, die erwarten, dass man sie lobt, weil sie eine schwierige Aufgabe gemeistert haben.

Ich sehe sie an, dünn sind sie geworden, sie sind in graue Lumpen gekleidet, sie unterhalten sich flüsternd. Wenn ich den Raum betrete schweigen sie.

 

Was soll ich tun? Sie wieder fort schicken?

Ich muss gestehen, mein Leben ist nicht besser geworden, nachdem sie fort waren. Sicher, eine Zeitlangs schien es mir, als bliebe etwas mehr  für mich. Aber dieses mehr schmeckt schal und fade, und es macht nicht satt. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich ein graues müdes Gesicht und leere Augen. Bin ich das?

 

Na ja, aber was soll man machen? Ich bin zumindest am Leben geblieben, es geht ja immer irgendwie weiter, aber ich hab vergessen, wozu.Ich beobachte sie verstohlen. Sie haben nichts von ihrer Anmut verloren. Noch immer kann ich mich an ihnen nicht satt sehen, an ihren zarten Gesichtern, ihren blitzenden Augen, an ihren kraftvollen Bewegungen. Sie sind noch immer so unglaublich…..lebendig.

 

Wenn sie glauben, ich hörte sie nicht, kichern sie und necken sich, ihre hellen Stimmen wie silberne Glöckchen.Unter all dem Schmutz und den Lumpen scheinen sie immer noch zu leuchten, und ich kann es immer noch sehen, diesen Funken, dieses Glimmen, dieses Feuer.

 

Ich ahne, fürchte, weiß: ich bin ihnen immer noch verfallen. Ich kann meinen Blick kaum von ihnen wenden, ich fürchte und sehne mich nach ihrer Gesellschaft, nach ihrem munteren Geplapper, nach ihren verrückten Ideen, die mich so manches Mal nachts wach hielten.

 

Was soll ich tun?

Ich habe Angst. Wie soll ich sie durchfüttern in einer Welt wie dieser? Wie mich um sie kümmern?Mein Herz wird mir schwer. Ja, verdammt ich hab sie vermisst, ich bin beinahe drauf gegangen vor Sehnsucht, ich hab gelitten und geflucht, nachdem sie fort waren, aber ich war mir sicher, so sicher, dass es für mich der einzige Weg war zu überleben.

Was soll ich nur tun?

Sie noch einmal fortschicken? Jetzt, wo ich weiß, dass das Leben ohne sie nicht etwa einfacher, sondern nur stiller und grauer wird? Ein bißchen weniger laut, ein bißchen weniger bunt?

 

Zaghaft betrete ich mein ordentliches Wohnzimmer, wo ihre kleinen Gestalten wie bunte Blumen verstreut auf Sessellehnen und Tischen sitzen. Es wird augenblicklich still, wache Blicke fixieren mich.

Meine Gedanken sind jenseits der Worte, aber mein Herz pocht, laut und widerspenstig.

Also können wir bleiben, sagt ein dünnes Mädchen, elfenzart, und es ist eine Feststellung, keine Frage.

Du bist verloren ohne uns, sagt der Kleine mit den dunkelblauen Blumenaugen, und es klingt sanft, kein Vorwurf schwingt in seiner silberhellen Stimme mit.

Wie werden dir keine Last sein, verspricht der schimmernde, durchscheinende Zentaur, vielmehr sind wir es, die dich das Leben ertragen lassen.

Wir sind Du. Du bist wir. Ohne uns bist Du nur Zuschauer, und Mißgunst und Neid werden Dich allmählich auffressen. Ohne Dich bleiben wir Schatten. Schön, aber ohne Substanz, Geister ohne Kraft.

Was hindert Dich, uns teilhaben zu lassen an deinem Leben?

Die Sehnsucht, schreit mein Herz, sie schmerzt zu sehr. Die Enttäuschung, wenn Ihr nicht wachsen und gedeihen wollt, sondern ungelebt vertrocknet, die ertrage ich nicht! Das Risiko ist einfach zu groß, die Wunden zu tief!

 

In mir ist immer noch die alte Zerissenheit. Ich fühle mich zittrig und elend und unendlich müde.

Mein Blick fällt auf einen kleinen Vogel. Er ist durchsichtig, schimmert weiß und bläulich, sein Blick ist eindringlich und scharf und will so gar nicht zu seinem watteweichen Gefieder passen.

Ich habe ihn noch nie gesehen.

Wer bist Du?

Ich versinke in diesen hellen Taubenaugen, ertrinke und der Schleier, der mich schützt vor all den schmerzhaften Erinnerungen, zerreißt.

In Scherben liegt es vor mir, mein schönes Leben. Schillernde Bruchstücke, manche regenbogenfarben, manche glänzend schwarz, silbern und gold. Aber da ist Schönheit inmitten der Zerstörung. Ein leises Funkeln, ein helles Summen. Ich kann den Blick nicht abwenden von all den glitzernden, gleißenden Bruchstücken, wie eine Elster bin ich entzückt von den kleinen, sinnlosen Schätzen.

Was willst Du damit anfangen, fragt mich der Taubenvogel, was soll mit all diesem Glitzerkram geschehen?

Möchtest Du sie wegwerfen, all die Scherben? Ent-sorgen? Loslassen? Dich befreien? Ist es nicht nur unnützer Tand?

Da regt sich Widerstand in mir.

Das, was da liegt sind meine Träume, ist mein Leben. In Scherben zwar, in Einzelteilen, aber nichtsdestotrotz wunderschön. Wie bunte Samenkörner. Wie Perlen einer Kette. Wie Juwelen eines Drachenschatzes. Das Blut, das durch meine Adern fließt. Der Puls, der in mir pocht. Das, was mich lebendig macht.

Behutsam lasse ich mich auf die Knie nieder, streiche mit den Fingern über die glattgeschliffene Oberfläche einer Scherbe, seidig wie das permuttfarbene Innere einer Muschelschale.

Da flattert es um mich herum, dutzende, hunderte weiche Fügel streifen mich, es rauscht und schwirrt und ich bin umgeben von diesen taubengleichen Vögel mit den scharfen Augen. Behutsam und leise zwitschernd picken sie die Scherben auf, es ist wie ein Tanz.

In meinen Händen halte ich eine goldene Schale, die sich bald füllt, mit winzigen Bruchstücken, mit Erinnerungen, Ideen, Wünschen und Hoffnungen. Ich blicke hinein und all das Goldene und Glitzernde verschwimmt zu einer schimmernden Oberfläche, wird zu einem Spiegel, zu einem stillen, ruhigen Teich.

Und dann erkenne ich allmählich ein Gesicht, das zu mir emporlächelt, jung und alt zugleich, verrtraut und doch fremd. Lass uns wieder spielen, flüstert es, lass uns wieder jung sein, lass uns noch mal fliegen. Lass uns noch mal kosten, wie das Leben schmeckt, lass uns nochmal beginnen.

Ich atme, Luft wie klares Quellwasser,  mein Herz brennt und tanzt, mein Kopf schmerzt und pocht, meine Seele regt sich im Schlaf, und dann lasse ich los

und falle und falle,

Augenblicke, Ewigkeiten

wiedereinmal

mitten

ins

Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Helrunar

Wie sie flüstern und rascheln,

heimlich und leise, verstohlen, wie dürres Laub im Herbstwind.

Wie sie sich in meine Gedanken schleichen, unverhofft, ungebeten,  schattengleiche Erinnerungen an ferne Zeiten.

Wie sie Bilder heraufbeschwören, von denen ich mir sicher war, dass sie längst zu Staub und Asche zerfallen sein müssten, verweht im Lauf der Zeiten.

Wie sie mich locken, mich rufen mit ihren rauen Gesängen, meine sterbende Neugier zurück ins Leben holen, meine Sinne berauschen.

Wie sie mich ängstigen, mir finstere Geschichten von Tod und Riesen und Wölfen zuraunen, mich bannen, mich kindlich staunen machen.

 Wie sie mich schütteln, mich zitternd zurücklassen, mich in Heljas blauen Nebel entführen, mir die Stille erklären, mich Demut und Achtung lehren.

Wie sie mich begeistern, bevölkern, beleben und wieder auferstehen lassen.

In Holz geschnitten,

in meinen Geist geprägt,

in mein Herz gebrannt,

Buchstaben meiner Seele,

Alphabet

meiner

Erinnerung.

runenschädel